Mentorin erklärt: «Bei Bulimie geht es im Kern nicht ums Essen»

Andrea Ammann arbeitet in Winterthur als Mentorin für Menschen mit Bulimie. Eine Sucht, die oft nicht bemerkt wird.

Fast 20 Jahre lang war Andrea Ammann in der Bulimie gefangen. Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht genannt, ist geprägt von unkontrollierten Essanfällen und anschliessender Kompensation durch Erbrechen, exzessiven Sport, extremes Hungern oder das Einnehmen von Abführmitteln. Seit Mai 2004 ist sie frei.
Heute lebt sie in Winterthur und arbeitet als Mentorin und Autorin. Sie unterstützt betroffene Frauen und Männer dabei, gesund zu werden, und setzt sich für mehr öffentliche Prävention und Aufklärung über Essstörungen ein.
Im Interview spricht sie über traumatische Ursachen, ein geheimes Doppelleben hinter einer perfekten Fassade und den anspruchsvollen Weg in die absolute Freiheit.
Redaktion: Andrea Ammann, wie kommt es zur Bulimie?
Andrea Ammann: Es sind meistens schleichende Prozesse. Oft fängt es in den Jugendjahren an und beginnt mit Magersucht, Traumata, Gewalt, Missbrauch, Unterdrückung, Hochsensibilität oder einfach mit zu intensiven Gefühlen und wenig Selbstwert. Bei mir fing es zum Beispiel mit der Magersucht an, direkt nach einer Vergewaltigung.
Redaktion: Am Anfang der Sucht stehen also intensive Gefühle?
Ammann: Ja. Wenn man den Umgang mit diesen überfordernden Gefühlen nicht gelernt hat, kann die Sucht eine unbewusst gewählte Lösung sein. Die Magersucht und die Bulimie gaben mir das Gefühl von Kontrolle und vor allem von Macht über meinen eigenen Körper.
Das Erbrechen ist ein Abwürgen, ein Unterdrücken, ein Wegdrücken. Man muss die intensiven Gefühle nicht spüren. Das ist im ersten Moment vermeintlich toll, doch es wird über die Monate oder gar Jahre zu einer Sucht, in der man komplett gefangen ist.
Es ist ganz wichtig zu verstehen: Bei der Bulimie geht es im Kern nicht ums Essen. Das Essen ist nur das Symptom, vergleichbar mit Drogen oder Alkohol. Bulimie ist eine Sucht, ein Zwangsverhalten, eine tiefe Abhängigkeit.
Redaktion: Wer leidet an Bulimie?
Ammann: Es ist erschreckend, wie viele Menschen darunter leiden und wie wenig darüber gesprochen wird, weil die Scham und die Schuldgefühle so riesig sind. Bei mir melden sich Betroffene zwischen 10 und 72 Jahren, zum Beispiel eine Psychotherapeutin mit eigener Praxis, Lehrerinnen oder Künstlerinnen.

Redaktion: Sie waren fast 20 Jahre lang in der Bulimie gefangen. Wieso hat das niemand bemerkt?
Ammann: Die Sucht ist das bestgehütete Geheimnis einer Betroffenen. Man führt ein belastendes Doppelleben. Nach aussen habe ich eine perfekte Rolle gespielt und tadellos funktioniert.
Ich sah immer gut aus und habe alles abgedeckt, was man von einem «normalen» Menschen erwartet. Das Absurde war: Um diese Fassade aufrechtzuerhalten, habe ich vielleicht 20 Prozent meiner eigentlichen Energie aufgewendet.
Die restlichen 80 Prozent meiner Gedanken, meiner Energie und meines Alltags waren komplett von der Sucht, dem Planen und Organisieren beherrscht. Spontanität war unmöglich.
Redaktion: Haben Sie ein Beispiel dafür?
Ammann: Stellen Sie sich vor, Sie sind im Büro. Ein Arbeitskollege, der Geburtstag hat, bringt je zehn Nussgipfel, Muffins, Gipfeli, Butterbrezel und Schoggibrötli für die ganze Abteilung mit. Dieses «Buffet» löst bereits massiven Stress aus: Alles oder Nichts?
Das heisst: hungern und es gibt nichts davon, weil ich es mir verbiete oder wähle ich die Strategie «alles»? Dann gehe ich mindestens zehnmal zufällig im Pausenraum vorbei und esse fast alles, was zur Verfügung steht, mit anschliessendem Gang zur Toilette, der genauso gut geplant sein muss, sodass niemand bemerkt, was ich da tue.
Also ein ständiger Stress in meinem Kopf, der weder mit Lust noch mit Genuss oder einer freien Entscheidung zu tun hat. Und dabei denke ich bereits darüber nach, wie es am Mittag weiter geht: Alles oder Nichts?
Redaktion: Es klingt extrem anstrengend, diese Fassade aufrecht zu erhalten.
Ammann: Man ist ununterbrochen am Ausreden erfinden, damit ja niemand Verdacht schöpft. Wenn mir heute Partner von Betroffenen sagen, dass sie sich betrogen und belogen fühlen, sage ich: Ich verstehe das vollkommen. Doch in der Sucht ist es keine bösartige Lüge, sondern aus purer Not entstanden. Das ist extrem wichtig zu verstehen.
Man hält diese perfekte Fassade so lange aufrecht, bis irgendwann alles in sich zusammenbricht und man nicht mehr kann. Bei mir war es vor über 22 Jahren so weit. Ich war an einem Punkt, an dem ich mir das Leben nehmen wollte.
Redaktion: Aber Sie haben Ihr Leben zum Glück nicht beendet.
Ammann: Ja. Der Auslöser dafür waren meine zwei Kinder. Damals waren sie ein halbes Jahr und dreieinhalb Jahre alt. Ich erka nnte plötzlich glasklar: Wenn jemand etwas ändern kann, bin das ich.
Diese Erkenntnis war der entscheidende Punkt für meinen Weg in die Freiheit. Die konkrete Umsetzung danach war natürlich eine sehr anspruchsvolle, aber machbare Reise, die sich immer lohnt.
Redaktion: Wie reagieren Aussenstehend richtig, wenn das Gefühl kommt, jemand im Umfeld leidet an Bulimie?
Ammann: Auf keinen Fall die Person direkt ansprechen. Die Sucht ist das bestgehütete Geheimnis. Man wird sofort zum Erzfeind Nummer eins, wenn man sagt: Ich habe dich beobachtet und glaube, dass du unter Bulimie leidest. Völlig egal, wie liebevoll das gemeint ist.
Redaktion: Wie kann man helfen?
Ammann: Es gibt dafür zwei Möglichkeiten: Einerseits die Frage «Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?» Andererseits die indirekte Ebene über eine dritte Person, bei der man das Thema wertfrei im Raum stehen lässt und weitergeht. Zum Beispiel:
«Ich habe von dieser Frau gelesen, die 15 Jahre an Bulimie gelitten hat, ohne dass es ihr Umfeld bemerkt hat. Es ist erschreckend, dass über dieses Thema kaum offen geredet wird. Ich fände es total mutig und wertvoll, wenn in meinem Umfeld jemand den Mut hätte, offen über so etwas zu sprechen.»
Das reicht bereits. Niemals drängen oder Druck ausüben, sondern warten, bis die Person von sich aus auf einen zukommt.
Redaktion: Wie reagiert man richtig, wenn sich jemand einem anvertraut?
Ammann: Man sollte niemals ungefragt Ratschläge oder vermeintliche Lösungen liefern. Es ist viel wichtiger, zuzuhören und zu zeigen: «Ich bin jederzeit für dich da. Sag mir, wenn ich dich irgendwie unterstützen kann.» Bieten Sie an, gemeinsam nach professionellen Begleitungen zu suchen.
Lassen Sie den Betroffenen immer wieder Zeit. Das sind bereits riesige, erste Schritte, und der Heilungsweg verläuft genauso, indem man Schritt für Schritt geht. Langsam und im eigenen Tempo.
Hier gibts Hilfe
Hier erhalten Menschen mit Bulimie und ähnlichen Essstörungen und deren Angehörige Hilfe:
Andrea Ammann
andrea-ammann.com
Kantonsspital Winterthur (für Kinder und Jugendliche)
www.ksw.ch / 052 266 37 13
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.






