FC Winterthur – Keller: «Nicht aufsteigen, nur damit wir oben sind»

Bei der Hauptprobe überzeugt der FC Winterthur und trotzt Union Berlin ein 1:1 ab. Im grossen Interview spricht FCW-Präsident Mike Keller über die neue Saison.

Das Wichtigste in Kürze
- Nach vier Jahren in der Super League geht es beim FC Winterthur eine Liga tiefer weiter.
- Präsident Mike Keller spricht im grossen Interview über die kommende Saison.
- Zudem
Nach vier Jahren Super-League-Zugehörigkeit steht der FC Winterthur vor einer Saison in der Challenge League. Präsident Mike Keller geht die neue Spielzeit mit etwas rückblickender Wehmut an – aber auch einer gesunden Portion Optimismus.

Am Freitag gelingt dem FCW ein mutiger Auftritt gegen Union Berlin: Der Test gegen den neuen Club von Mauro Lustrinelli endet 1:1, Talent Yannis Odin trifft zur zwischenzeitlichen Führung. Noch vor der Generalprobe spricht Präsi Keller unter anderem über die Ambitionen für die kommende Saison.
Redaktion: Statt dem FCB, St. Gallen oder YB fortan Kriens, Nyonnais oder Etoile Carouge auf der Schützi, das muss schon etwas schmerzen?
Mike Keller: Wir sind dankbar und stolz, dass wir uns vier Saisons lang in der obersten Liga halten konnten und diese Momente erleben durften – es war eine wunderschöne Zeit. Die neue Konstellation in der Challenge League gibt uns gleichzeitig die Möglichkeit, eine nachhaltige Organisation mit einer stabilen Finanzlage auf die Beine zu stellen.
Man muss schon sehen, beim Aufstieg 2022 wurden wir diesbezüglich völlig auf dem falschen Bein erwischt. Drei Monate zuvor hatten wir in einem Strategie-Workshop festgehalten, wo wir stehen, wann der geeignete Zeitpunkt sei, anzugreifen – von Aufstieg war da noch weit und breit keine Rede.

Redaktion: Weshalb nicht?
Keller: Wir stellten damals fest, dass wir etwa von der Finanzbasis, von der Infrastruktur, von der Professionalisierung von den einzelnen Abteilungen her, noch so viele Baustellen hatten und vor einem sportlichen Vorwärtsschritt erst mal diese Aufgabe zu lösen hatten.
Wir gaben uns einen Zeitrahmen von drei bis vier Jahren ... Gut drei Monate später stand unser Aufstieg fest (lacht).

Redaktion: Nach der Freude der Schock?
Keller: Das würde ich so nicht nennen, aber es war extrem, was innert kürzester Zeit alles auf uns zugekommen war. All die Auflagen der Super League, organisatorische Aufgaben etc. – alles mindestens eine Nummer grösser als bis anhin.
In den folgenden vier Jahren hatten wir kaum Zeit, um nachhaltigere Lösungen zu erarbeiten, alles stand auf einem wackeligen Fundament. Gleichzeitig haben wir auch einiges erreicht.
Zurückkommend auf die erste Frage, nehmen wir den Abstieg als Chance, einen sauberen und nachhaltigeren finanziellen, aber auch sportlichen Aufbau zu realisieren, mit all den wertvollen Erkenntnissen, die wir in den letzten vier Jahren sammeln durften.
Redaktion: Trotz all der Begeisterung für den FC Winterthur auf und neben der Schützi ist es nicht gelungen, neue Investoren zu begeistern.
Keller: Wir waren uns bewusst, dass dies trotz der tollen Ausgangslage schwierig sein würde. Uns war wichtig, stets unserer Philosophie treu zu bleiben und demzufolge Investoren zu suchen, die idealerweise regional und lokal hier verankert sind.

Wie bei uns soll das Herzblut und der Beitrag im Vordergrund stehen, einen FCW zu unterstützen, der wiederum einen grossen Beitrag an eine attraktive, dynamische, prosperierende und sportfanatische Stadt leistet. Ich fände es schön, wenn es gelingen würde, Winterthur noch viel ausgeprägter zu einer über alle Sportarten hinweg lebendige, begeisternde Sportstadt zu entwickeln.
Redaktion: Zurück zur vergeblichen Suche nach neuen Investoren.
Keller: Genau, es gab und gibt Interessenten. Beim Eruieren, mit welchen Absichten die möglichen Geldgeber bei uns einsteigen wollten, scheiterte es aber häufig. So hatten wir einige potenzielle Investoren, die sich bereit erklärten, 10 bis 20 Prozent der Aktien zu übernehmen.
Als es aber darum ging, auch bereit zu sein, im selben Prozentanteil ein allfälliges Defizit «a-fonds-perdu» zu decken, sprangen die meisten Kandidaten wieder ab.

Redaktion: Als letzte Saison bekannt wurde, dass «Keller Pressure» nicht noch mehr investieren wolle, um dem drohenden Abstieg entgegenzuwirken, gabs Kritik.
Keller: Da müssen wir uns etwas bei der eigenen Nase nehmen. Die Kritiker waren mit Sicherheit zu wenig transparent informiert, dass wir seit dem Aufstieg statt unserem festgelegten Jahresbeitrag von 1,3 Millionen Franken, jährlich 3,1 Millionen Franken leisteten, um die Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben ausgleichen zu können.
Die aufgekommene Kritik, wir würden das Budget kürzen, war falsch. Fakt war, unsere Ausgaben waren deutlich über dem Budget von 16 Millionen Franken, die Ausgaben viel höher als die Einnahmen und dies mussten und wollten wir korrigieren.
Redaktion: Was treibt Sie, Ihren Bruder Tobias sowie alle anderen Unterstützer an, immer wieder so viel Herzblut und Geld in den FC Winterthur zu investieren?
Keller: Es sind beispielsweise all die rotweiss gekleideten Fans, die an einem Matchtag in der Stadt und im Stadion für eine einmalige Fankultur sorgen. Der FC Winterthur ist auch ein Ausbildungsclub für über 400 Jugendliche und ein Arbeitgeber mit rund 100 Mitarbeitenden, der für die Region eine Wertschöpfung von rund 25 Millionen Franken generiert.

Es motiviert uns aber auch, den aufgebauten starken Brand weiterzuentwickeln und für Winterthur so bestes Stadtmarketing zu betreiben.
Redaktion: Kommen wir zur neuen Saison zurück. Ein klar formuliertes Saisonziel fehlte bisher?
Keller: Der Grundtenor ist klar, wir wollen und werden alles unternehmen, wieder aufzusteigen. Das klappt aber nur, wenn wirklich alle dahinterstehen und sich entsprechend engagieren. Mit 10 Millionen Franken haben wir eines der höheren Budgets der Challenge League, das alleine dürfte aber zum sofortigen Wiederaufstieg nicht reichen.
Priorität hat aber ein ausgeglichenes Budget. Gelingt es, unser finanzielles Fundament bis zur Winterpause weiter zu stärken, und wir spielen dann vorne mit, bestünde sicher die Möglichkeit, einen Verstärkungsspieler zu engagieren und so die Rückkehr in die Super League noch konkreter anzupeilen.
Sie sehen, die oberste Liga ist das Ziel, die Voraussetzungen dazu muss aber sein, bedeutend solider aufgestellt zu sein, als vor vier Jahren. Wir wollen sicher nicht mehr nur aufsteigen, damit wir wieder oben sind, sondern nachhaltig oben bleiben.
Redaktion: Auch aus finanziellen Gründen wurde das Team auf 24 Feldspieler und drei Torhüter reduziert. Mit der Verpflichtung von Antonio Marchesano dürfte das Budget aber wieder strapaziert werden?
Keller: Antonio ist uns bei den Lohnverhandlungen sehr entgegengekommen. Für ihn ist es primär eine Rückkehr und er fühlt sich hier sehr wohl. Er hat in den bisherigen Testspielen sein nach wie vor vorhandenes Potenzial aufblitzen lassen.
Insgesamt haben wir im Vergleich zu den letzten beiden Jahren eine sehr spannende Kadersituation mit Routiniers wie Antonio, die immer noch den Unterschied machen können und jungen, hungrigen Spielern aus unserer eigenen Talentschmiede oder Verpflichtungen wie Severin Ottiger aus dem Fundus des FC Luzern, die das eine oder andere Ausrufezeichen setzen werden.

Redaktion: Die spürbare Vorwärtsstrategie des FCW dürfte auch wichtig im Hinblick auf die Abstimmung vom 27. September sein, in der es um den Ausbau der Schützi gehen wird.
Keller: 35 Millionen Franken sind auf den ersten Blick ein rechter Betrag. Sie werden aber in die nächsten rund 50 Jahre investiert, sie ermöglichen mitunter, dass wir auch unsere Frauen- und Nachwuchsabteilung weiterentwickeln, ihnen eine gute Infrastruktur bieten können.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.
Man muss auch sehen: Die bestehende Infrastruktur stammt zum Teil aus den 1950er-Jahren und entspricht nicht mehr den heutigen Bedürfnissen. Ein beträchtlicher Teil des Geldes muss aber auch in die vom Fussballverband verlangten Massnahmen fliessen.
Ohne diesen Ausbau werden wir nicht mal mehr die Lizenz für die Challenge League erhalten, die Zukunft des Winterthurer Spitzenfussballs wäre somit stark gefährdet.

Redaktion: Ein «Ja» wäre also ein Bekenntnis zum FCW und auch zum durch die «Keller Pressure» in den letzten Jahren geleisteten, nicht selbstverständlichen Engagement?
Keller: Es geht hier weniger um uns als Firma, sondern, dass es jeden Fan, und alle, die Winterthur als Sportstadt schätzen, braucht, um den Weg weiterzugehen.
Ein «Ja» in die Urne wäre ein Beitrag genauso wie die Matchbesuche, die Konsumation auf der Schützi, eine FCW-8400-Mitgliedschaft oder einfach die Bereitschaft, beispielsweise den Nachbarn oder die Mitarbeiterin davon zu begeistern, einmal ein Heimspiel des FC Winterthur auf der Schützi zu besuchen.










