Winterthur

    Stefan Fritschi: «Wir dürfen keine Schlafstadt werden»

    Sandro Portmann
    Sandro Portmann

    Winterthur Stadt,

    Der Winterthurer Stadtpräsident Stefan Fritschi (FDP) blickt nach 100 Tagen im Amt zurück.

    «Die Stadt muss nicht immerihre Finger im Spiel haben»
    «Ich bin mehr unterwegs seit ich Stadtpräsident bin», sagt Stefan Fritschi. - Sandro Portmann

    Redaktion: Stefan Fritschi, Sie sind nun 100 Tage im Amt als Stadtpräsident von Winterthur. Wie sind Sie angekommen?

    Stefan Fritschi: Man muss wissen: Wenn man ein Departement wechselt, ist man der einzige, der geht. Man verlässt also ganz viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen man gern zusammengearbeitet hat. Das ist der Wermutstropfen.

    Der Wechsel ist ein Schritt aus der Komfortzone und ich finde, das tut gut. Im neuen Departement bin ich gut angekommen und wurde herzlich empfangen. Dann kommt man schnell zu den neuen Aufgaben, die es im Departement gibt, und das finde ich spannend. Es ist nicht alles gleich einfach. Es gibt schwierige wie auch spannende Dossiers.

    Redaktion: Welches Dossier macht am meisten Sorgen?

    Fritschi: Der Arbeitsplatzabbau bei Zimmer Biomet ist ein Dossier, das ich schwierig finde. Ich habe dort sieben Jahre gearbeitet, bis ich zur Stadt wechselte. Ich war immer stolz auf die Firma. Es war also kein schöner Moment, als ich davon erfahren habe.

    Ich bin fest der Meinung, man muss sich stark reinknien und alles Mögliche unternehmen, was vonseiten der Stadt möglich ist, aber man muss auch die Chancen relativieren. Wir sind eine Stadtregierung und auf der anderen Seite haben wir eine Konzernleitung, die in Indiana entscheidet. Da haben wir kein Weisungsrecht.

    Stefan Fritschi
    Stefan Fritschi (FDP) ist Winterthurer Stadtpräsident. - keystone

    Redaktion: Der Industrieverband Swissmem sprach nach dem angekündigten Stellenabbau bei Zimmer Biomet und Burkhardt Compression von einem Weckruf. Haben Sie diesen Ruf auch gehört?

    Fritschi: Auch Thomas Anwander, Präsident der Handelskammer, hat von einem Weckruf gesprochen. Ich verstehe diese Aussage, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich schlafe oder wachgerüttelt werden müsse. Für mich ist in meiner ganzen Laufbahn sonnenklar, dass wir eine gesunde Wirtschaft brauchen, dass wir Arbeitsplätze brauchen.

    Wir dürfen keine Schlafstadt werden. Aktuell haben wir etwa 80’000 Arbeitsplätze in Winterthur. Das ist gut, aber im Vergleich mit anderen Städten ist das zu wenig im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

    Es ist für mich ein klares Bekenntnis, dass wir mehr Arbeitsplätze brauchen. Dafür brauche ich keine Weckrufe. Es ist mir ein Anliegen, dass man spürt: Stadt und Unternehmen in Winterthur verfolgen im Kern die gleichen Ziele.

    Wir wollen, dass sich die Firmen hier zu Hause fühlen, dass sie hier erfolgreich wirtschaften, Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen können. Genau darauf zielt auch unsere neue Wirtschaftsstrategie: Wir wollen gute Rahmenbedingungen schaffen, den Austausch mit den Unternehmen pflegen und Winterthur als Wirtschaftsstandort gemeinsam weiterentwickeln.

    Winterthur unter Schock
    Zimmer Biomet kündigt einen massiven Stellenabbau an. - spo

    Redaktion: Welches Dossier gefällt Ihnen auf der anderen Seite besonders?

    Fritschi: Ich finde, wenn man eine Kulturnacht eröffnen darf, und wenn man sieht, welche Kulturinstitutionen wir in Winterthur haben, dann macht mir das grosse Freude und zeigt, dass die Stadt sehr lebendig ist. Das sind sehr schöne Dossiers.

    Redaktion: Was hat sich bei Ihnen mit dem neuen Amt am stärksten verändert?

    Fritschi: Ich glaube, die Öffentlichkeit personifiziert gern. Dazu gehört, dass der Stadtpräsident den Nimbus einer Figur hat, die ich unterschätzt habe. Mit dem Stadtpräsidium verbindet man die Repräsentanz der Stadt. Das ist grösser als ich dachte.

    Redaktion: Also hat auch die Zahl der gehaltenen Reden und Ansprachen zugenommen?

    Fritschi: Ich bin mehr unterwegs und man erwartet, dass ich persönlich dabei bin. Wenn ich eine Doppelbuchung habe und absagen muss, wird das fast als Affront empfunden. Ich sehe aber, dass ich sechs tolle Kolleginnen und Kollegen habe, die man auch einsetzen kann und die die Stadt auch repräsentieren. Wir haben alle die gleiche Kompetenz.

    Redaktion: Was hat im neuen Amt am meisten Spass gemacht?

    Fritschi: Der Spassfaktor ist jetzt nicht der Grund, warum ich bei der Stadt arbeite. Am meisten Freude bereiten mir die Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen. Als Stadtpräsident hat man auch die Möglichkeit, sich auf kantonaler und Bundesebene zu vernetzen. Diesen Austausch finde ich spannend und er macht Freude.

    Machst du dir Sorgen um den Wirtschaftsstandort Winterthur?

    Redaktion: Wo tanken Sie nach einem vollen Arbeitstag Energie?

    Fritschi: Meine Arbeitstage sind zwar ausgefüllt und es gibt immer einige Termine, aber es ist nicht so, dass ich mich jeden Abend müde nach Hause quäle, um mich dort auszuruhen. Es ist aber auch so, dass ich mich freue, wenn ich mal an einem Wochenende nur private Termine habe.

    Redaktion: Auf welchen Termin freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

    Fritschi: Ich freue mich sehr, dass unsere Partnerstadt La Chaux-de-Fonds 2027 die erste offizielle Schweizer Kulturhauptstadt ist. Wir sind als Partnerstadt eingeladen. Ich finde es immer eine Bereicherung, wenn wir mit unseren Partnerstädten in Kontakt stehen und sehen, wo auch bei ihnen schöne, aber auch schwierige Dinge anstehen.

    Vorfreude habe ich auch auf das jährliche Treffen der Städtepartnerschaft Frauenfeld-Schaffhausen-St.Gallen-Winterthur. Dieses Jahr ist Winterthur Gastgeberin. Ich freu mich, etwas von Winterthur zeigen zu dürfen.

    Redaktion: Sie haben das letzte Wort. Was muss noch gesagt werden?

    Fritschi: Wichtig ist, dass die Stadt lebenswert ist, dass sie Arbeitsplätze hat und dass sie viel an Lebensqualität bietet. Und es freut mich jedes Mal, wenn ich durch die Stadt gehe und sehe, wie sie lebt. Stadt muss nicht immer die Finger im Spiel haben.

    Sie muss den Nährboden geben, damit diese Vielseitigkeit überhaupt möglich ist und die vielen Menschen, die Verantwortung und Eigeninitiative an den Tag legen, die Möglichkeit haben, die Stadt zu dem vielfältigen Kosmos zu machen.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.

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