Michael Segrada (FDP): «Bildung darf nicht mit dem Abschluss enden»

Die Arbeitswelt verändert sich rasant, neue Fähigkeiten werden gefragt. Michael Segrada (Stadtrat FDP Dietikon) erklärt, warum lebenslanges Lernen wichtig ist.

Die Arbeitswelt verändert sich schneller als je zuvor. Doch unser Verständnis von Bildung hält damit nicht immer Schritt. Lebenslanges Lernen darf kein Schlagwort bleiben – es muss zu einem selbstverständlichen Teil unseres Berufslebens werden.
Wir investieren viel in die Ausbildung junger Menschen. Wir diskutieren über Lehrpläne, Schulqualität, Berufsabschlüsse und die Frage, wie wir unsere Kinder bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten. Das ist richtig und wichtig. Doch eine entscheidende Frage stellen wir uns noch zu selten: Was passiert eigentlich nach dem Abschluss?
Berufe verändern sich, neue Technologien entstehen und künstliche Intelligenz übernimmt Aufgaben, die gestern noch selbstverständlich von Menschen erledigt wurden. Fähigkeiten, die heute gefragt sind, können morgen an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig entstehen neue Tätigkeitsfelder und Chancen.
Eine gute Erstausbildung bleibt das Fundament. Sie allein wird aber immer seltener für ein ganzes Berufsleben reichen.

Lifelong Learning muss deshalb mehr sein als der gelegentliche Besuch eines Weiterbildungskurses. Es geht um eine Haltung: die Bereitschaft, Neues zu lernen, bestehendes Wissen zu hinterfragen und sich beruflich weiterzuentwickeln – unabhängig vom Alter und von der bisherigen Karriere. Dafür braucht es ein Zusammenspiel verschiedener Akteure.
Unternehmen müssen Weiterbildung als Investition in ihre Mitarbeitenden verstehen und entsprechende Zeit und Möglichkeiten schaffen. Bildungsinstitutionen müssen Angebote entwickeln, die sich mit Beruf, Familie und Alltag vereinbaren lassen. Und die Politik sollte Rahmenbedingungen fördern, die den Zugang zu Weiterbildung erleichtern, statt neue Hürden aufzubauen.
Ebenso wichtig ist die persönliche Verantwortung. Wer sich beruflich weiterentwickeln will, muss bereit sein, Zeit und Energie in die eigenen Fähigkeiten zu investieren. Diese Verantwortung darf jedoch nicht allein beim Individuum liegen. Gerade Menschen mit knappen finanziellen Mitteln oder hoher beruflicher Belastung brauchen realistische Möglichkeiten, um am lebenslangen Lernen teilzunehmen.
Als Verantwortlicher im Bildungsbereich sehe ich darin eine zentrale Zukunftsaufgabe: Wir müssen Bildung nicht nur als Vorbereitung auf das Berufsleben verstehen, sondern als kontinuierliche Begleitung durch das gesamte Berufsleben.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Diplome zu sammeln. Entscheidend ist, ob Menschen tatsächlich Fähigkeiten erwerben, die sie in ihrem Alltag einsetzen können. Gute Weiterbildung muss praxisnah, zugänglich und wirksam sein.
Die Schweiz verfügt über eine starke Bildungslandschaft. Diesen Vorteil sollten wir nutzen, um Lernen flexibler zu gestalten und Übergänge zwischen Ausbildung, Beruf und Weiterbildung einfacher zu machen.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob wir nach der Ausbildung weiterlernen müssen. Sondern ob wir als Gesellschaft bereit sind, lebenslanges Lernen selbstverständlich zu machen.
Denn die beste Vorbereitung auf eine Arbeitswelt im Wandel ist nicht das Versprechen, einmal für alles ausgebildet zu sein. Es ist die Fähigkeit, immer wieder Neues lernen zu können.
Zum Autor
Michael Segrada (*1983) ist FDP-Stadtrat und Schulvorsteher von Dietikon ZH.






