Langenegger: «Ich will, dass Zürich eine Stadt für alle bleibt»

Zürichs Hochbauvorsteher Tobias Langenegger (SP) spricht über Verdrängungsängste und Hochhäuser. Wie viel Veränderung verträgt Zürich?

Seit gut fünf Monaten steht Tobias Langenegger (SP) dem Zürcher Hochbaudepartement vor. Im Interview spricht er über die Angst vor Verdrängung, langweilige Hochhäuser und die Frage, wie viel Veränderung die Stadt verträgt, ohne ihre Identität zu verlieren.
Redaktion: Sie sind seit knapp fünf Monaten Hochbauvorsteher. Was hatten Sie sich anders vorgestellt?
Tobias Langenegger: Die Vorbereitung auf dieses Amt ist einzigartig – weil es gar keine richtige gibt. Man startet quasi von null auf hundert. Das ist anfangs intensiv, aber das ist auch gut so.
Es gibt viel zu koordinieren und zu entscheiden. Doch man gewöhnt sich rasch an den Rhythmus und bekommt ein Gespür für das Departement. Gleichzeitig lerne ich ständig neue Mitarbeitende mit ihren Aufgaben kennen, die sich tagtäglich für eine funktionierende Stadt einsetzen.
Redaktion: Sie haben kürzlich gesagt, viele Menschen hätten das Gefühl, der Umbau Zürichs geschehe ohne sie. Hat die Stadt in den vergangenen Jahren an den Menschen vorbeigebaut?
Langenegger: Ich sehe die städtischen Wohn- und Infrastrukturprojekte als wichtigen Mehrwert für alle, die hier wohnen. Gute Schulen, Spitäler und Sportzentren geniessen in der Bevölkerung sehr hohen Rückhalt.
Wo ich ein grosses Unbehagen in der Bevölkerung spüre, ist bei Neubauten auf Kosten von bezahlbarem Wohnraum. Renditeorientierte Unternehmen bauen viele sehr teure Wohnungen.

Die Angst, aus der Stadt verdrängt zu werden, ist bei vielen Mieterinnen und Mietern gross. Dabei leben viele Zürcherinnen und Zürcher seit langer Zeit hier, sind hier verwurzelt und engagieren sich im Quartier. Ich will deshalb, dass unsere Stadt eine Stadt für alle Zürcherinnen und Zürcher bleibt.
Redaktion: Zürich wächst und muss verdichten. Gleichzeitig verschwinden alte Häuser, Gärten und vertraute Strassenzüge. Wie viel Veränderung verträgt ein Quartier, bevor es seine Identität verliert?
Langenegger: Die Identität eines Quartiers liegt meiner Meinung nach weniger in den Bauten, sondern viel mehr in den Menschen, die in unserer Stadt leben. Aber wenn sich ganze Strassenzüge ändern und die betroffene Quartierbevölkerung sich neue Wohnungen suchen muss, fühlen sich viele nicht mehr daheim.
Das Engagement lässt nach und das Quartierleben leidet darunter. Darum müssen wir genau hinschauen, dass wir den Menschen und den mit ihnen gewachsenen Quartierstrukturen Sorge tragen.
Redaktion: Max Frisch war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Architekt. Er beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Architektur unser Zusammenleben prägt. Was bedeutet für Sie eigentlich guter, humaner Städtebau?
Langenegger: Guter Städtebau bedeutet für mich ein Städtebau für die Menschen. Er sorgt dafür, dass es den Bewohnerinnen und Bewohnern gut geht.
Das heisst konkret: Er schafft Begegnungsorte, an denen man sich trifft und sich austauscht.
Er plant Strassenzüge, die beschattet sind und somit das ganze Jahr durch angenehm zu begehen sind. Er bietet kurze Wege, damit man alles in der Nähe findet. Und er schafft Wohnraum, den sich die Zürcherinnen und Zürcher leisten können.
Redaktion: Am 27. September stimmte eine Mehrheit der Stadtzürcher Stimmberechtigten für strengere Hochhausregeln. Ist Zürich hochhausmüde?
Langenegger: Ich glaube, es ging bei der Abstimmung weniger darum, ob Hochhäuser an sich beliebt sind. Das Ergebnis war ein Ausdruck der Angst, dass die Menschen durch neue Hochhäuser ihr Zuhause verlieren. Zudem ist es in der Schweiz generell auffallend, dass es Vorlagen zu Hochhäusern bei Abstimmungen oft schwierig haben.
Redaktion: Nach der Abstimmung sagten Sie, Ihre persönliche Haltung im Abstimmungskampf habe nichts zur Sache getan. Aber wie denkt der Zürcher Hochbauvorsteher selbst über Hochhäuser: Sind Sie persönlich ein Hochhaus-Fan?
Langenegger: Beim Thema Hochhaus bin ich recht emotionslos. Es gibt in Zürich gelungene Hochhäuser. Und es gibt solche, die ich langweilig finde und deren Umgebung zudem oft trostlos wirkt.
Aber im Abstimmungskampf ging es ja nicht primär um architektonische Qualitäten.
Es ging vor allem darum, ob die Hochhäuser zu einer noch grösseren Baudynamik in Zürich führen. Meine Politik richtet sich nicht darauf aus, wie hoch Neubauten sind. Mir ist wichtig, dass es mehr bezahlbare Wohnungen gibt und die Umgebung lebendig bleibt.
Redaktion: Wohnungsnot auf der einen, immer höhere Ansprüche ans Bauen auf der anderen Seite: Verbaut sich Zürich damit Chancen auf mehr Wohnraum?
Langenegger: Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung der Stadt einen sehr klaren Auftrag gegeben hat: Entscheidend ist die Frage, ob eine Entwicklung bezahlbaren Wohnraum ermöglicht – also Wohnraum, den sich viele Menschen leisten können. Ist das nicht der Fall, wird die Bevölkerung keiner weiteren Entwicklung zustimmen.
Man kann der Bevölkerung nicht sagen: «Wir bauen einfach, egal, ob sich die Menschen die Miete leisten können.» Das macht die Stimmbevölkerung nicht mit. Wir brauchen bei unseren Entwicklungsabsichten klare Antworten auf die Fragen nach bezahlbarem Wohnraum und darauf, wie wir die Verdrängung verhindern können.
Redaktion: Quartiere wie Altstetten und Albisrieden oder jene in Zürich-Nord wachsen rasant. Doch viele Neubauten sehen aus, als kämen sie aus demselben Baukasten. Wo sind die Gebäude der vergangenen 20 Jahre, die wirklich begeistern? Fehlt der Stadt der Mut zu guter Architektur?
Langenegger: Es gibt sehr viele gute Beispiele für gute Architektur. Die Kalkbreite zum Beispiel. Die Siedlung ist dicht, bietet aber mit der Terrasse grosszügigen Freiraum.
Auch das Zollhaus oder die Siedlung «mehr als wohnen» in Zürich-Nord sind gelungene Gebäude.

Die unterschiedlichen Häuser bilden einen schönen öffentlichen Raum, in dem man sich wohlfühlt. Aber ich bin auch erstaunt, wie ähnlich sich beispielsweise Fassadenfarben sind. Es gibt Trendfarben, die sehr häufig angewendet werden.
Auch der Trend zu loftartigen Wohnungen, also Wohnungen mit wenigen Zimmern und vielen Quadratmetern, bleibt bestehen. Der Handlungsspielraum der Stadt ist hier leider beschränkt.
Redaktion: Wohnungen werden als Business Apartments oder zur kommerziellen Kurzzeitvermietung angeboten. Wie viele dieser Wohnungen wollen Sie tatsächlich auf den regulären Wohnungsmarkt zurückholen?
Langenegger: Unser Ziel ist es, so viele der zweckentfremdeten Wohnungen wie möglich zurückzugewinnen. Wir sind noch am Anfang unserer Arbeit, und ich bin dankbar für die vielen hilfreichen Hinweise aus der Bevölkerung.
Unsere Überlegung ist sehr einfach: Wenn beispielsweise in Wohnzonen kommerzielle Businessapartment-Betreibergesellschaften Wohnungen zweckentfremden, stehen diese Wohnungen nicht mehr den Zürcherinnnen und Zürchern zur Verfügung. Wir haben dank einem Gerichtsentscheid nun die Möglichkeit, dies zu ändern.
Zur Person
Tobias Langenegger (41) ist seit Mai 2026 Vorsteher des Hochbaudepartements der Stadt Zürich. Der SP-Politiker wuchs in Rüti und Uster auf und studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Von 2015 bis 2026 gehörte er dem Zürcher Kantonsrat an, wo er unter anderem die Finanzkommission präsidierte und Co-Präsident der SP-Fraktion war.
Beruflich war er als Projektleiter für sozialräumliche Partizipationsprozesse tätig und gründete 2021 die Firma Ampio Partizipation mit. Langenegger lebt mit seiner Partnerin und den beiden Kindern. In seiner Freizeit spielt er Fussball und engagierte sich als Juniorentrainer beim FC Industrie Turicum.
Redaktion: Der Stadtrat tritt bei den Finanzen auf die Bremse: weniger Geld für Liegenschaftskäufe, weniger Mittel für den Wohnraumfonds und die Wohnbauaktionen, die Marina Tiefenbrunnen wird ganz gestrichen. Ausgerechnet in der Wohnungsnot spart Zürich beim Wohnen. Wie passt das zusammen?
Langenegger: Der Stadtrat ist sich der angespannten Situation bewusst. Beim Thema Wohnen plant der Stadtrat darum ein Massnahmenpaket. Damit wollen wir das Drittelsziel – ein Drittel aller Wohnungen soll keine Rendite abwerfen müssen – bis 2050 realistisch erreichen, ohne die Finanzen zu stark zu belasten.
Dafür wird das Budget für Liegenschaftskäufe im Finanzvermögen reduziert. Kompensierend sollen vermehrt Käufe durch die Stiftung PWG und die Stiftung Einfach Wohnen (SEW) erfolgen, deren Eigenkapital erhöht werden soll.
Zusammen mit der Stadt, den städtischen Stiftungen und privaten gemeinnützigen Wohnbauträgerschaften können wir so effizient daran arbeiten, unser Ziel zu erreichen. Damit wir das Drittelsziel erreichen, braucht es sicher noch weitere Massnahmen, insbesondere bezüglich der gemeinnützigen Wohnbauträgerschaften. Diese Massnahmen sind in Ausarbeitung.
Redaktion: Sie wachen im Jahr 2050 in Zürich auf. Was müsste noch da sein, damit Sie sagen: Ja, das ist noch meine Stadt.
Langenegger: Ich nenne jetzt besser nicht den Letzigrund (lacht).
Im Ernst: Ein wichtiger Ort für mich ist die Josefwiese. Dort fühle ich mich wohl, treffe Menschen zum Spielen oder feiere Geburtstage.
Aber es ist nicht nur ein einzelner Ort, der zählt. Es ist das Gesamtbild. Ist Zürich immer noch die offene Stadt, wo möglichst alle – unabhängig von Alter, Religion oder sexueller Orientierung – einen Platz haben und sich wohlfühlen?
Ist Zürich immer noch die Stadt, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern und dem Stadtklima Sorge trägt, sodass man sich auch an heissen Sommertagen draussen aufhalten kann? Ist es immer noch die Stadt, in der man sich austauscht und gemeinsam neue Wege geht?
Ich arbeite dafür, dass wir gemeinsam diese Ziele erfüllen. Genau dafür setze ich mich als Stadtrat ein.
Redaktion: An welchem Bauwerk Ihrer Amtszeit wollen Sie einmal gemessen werden?
Langenegger: Ich möchte mich nicht an einem einzelnen Bauwerk messen. Die Zeiten, in denen Politikerinnen und Politiker sich in Bauwerken verewigen wollten, sind hoffentlich vorbei.
Ich möchte mich daran messen lassen, ob ich mit meiner Arbeit im Hochbaudepartement und im Stadtrat einen Beitrag dazu geleistet habe, dass die Stadt Zürich eine Stadt für alle bleibt. Eine Stadt, die sich weiterentwickelt – im Austausch mit und immer für ihre Bewohnerinnen und Bewohner.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.







