Severin Dressen: «Grosse Bühne für Winzlinge»

Winzige Schnecken sorgen im Zoo Zürich für grosse Freude. Severin Dressen erklärt, warum ihr Nachwuchs mehr als nur ein «Jöööö» wert ist.

Das Wichtigste in Kürze
- Severin Dressen, Direktor Zoo Zürich, schreibt regelmässig eine Kolumne.
- Dressen berichtet über Neues und Wissenswertes aus seinem Tiergarten.
- Heute schreibt er über den Nachwuchs der seltenen Seychellen-Landschnecke.
Unser neuster Zuchterfolg in der Forschungsstation ist kaum grösser als ein Stecknadelkopf. Seit einigen Monaten pflegt unser engagiertes Team dort neben verschiedenen bedrohten Fröschen, Geckos und Fischen auch die stark gefährdete Seychellen-Landschnecke (wissenschaftlicher Name: Pachnodus fregatensis). Und die hat nun erstmals Nachwuchs.
Winzigen Nachwuchs, nur wenige Millimeter gross. Mehrere Dutzende dieser Mini-Schnecken schleichen kreuz und quer und auch mal übereinander her durchs Terrarium.
Ein Anblick, der einem unweigerlich ein «Jöööö» entlockt. Und das ist super! Denn was wir Jööö finden, interessiert uns meistens mehr als das, was wir nicht Jööö finden.
Wichtige Wirbellose
Die Winzlinge haben also das Potenzial, eine Lanze zu brechen für eine der ökologisch wichtigsten, aber gleichzeitig wenig wertgeschätzten Tiergruppen – den Wirbellosen.

Ohne Wirbellose wären wir Menschen schlicht aufgeschmissen. Insekten bestäuben Pflanzen und versorgen uns so mit Nahrung. Würmer und andere Bodenlebewesen, auch Schnecken, sorgen durch ihre Aktivitäten dafür, dass die Böden fruchtbar bleiben.
Aufmerksamkeit erzeugen
Und obwohl Wirbellose nicht nur extrem wichtig, sondern auch mit Abstand die grösste Tiergruppe auf unserem Planeten sind, sind sie in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. Das wollen wir ändern.
Herzige Mini-Schnecken helfen uns dabei, diese Aufmerksamkeit herzustellen. Plötzlich sehen wir in der Schnecke nicht mehr den Salat fressenden Schädling, sondern ein Lebewesen, das positive Emotionen in uns weckt.
Wir beginnen, uns für das Tier zu interessieren. Und spätestens, wenn wir ihre Überlebens- geschichte kennen, wird aus Sympathie echte Bewunderung.
Gift und Ratten
Die Seychellen-Landschnecke kommt nur auf der Insel Frègate vor. Damit umfasst ihr gesamtes natürliches Verbreitungsgebiet gerade einmal rund zwei Quadratkilometer. Solch eine Exklusivität kann schnell gefährlich werden.
Im Sommer 1995 wurden Wanderratten auf die Insel verschleppt. Innerhalb kürzester Zeit brachte der hochinvasive Nager die heimische Artenvielfalt in arge Bedrängnis. Zur Bekämpfung der Ratten wurde dann Gift eingesetzt.
Fressfeind plus Gift – für die Schnecken ein fataler Cocktail. Die Population brach um 87 Prozent ein. Dank verschiedener Schutzmassnahmen hat sich die Art heute wieder erholt. Die Frage ist jedoch, wie lange.
Für Schutz sensibilisieren
Als Zoo Zürich haben wir uns auf die Fahne geschrieben, bedrohte Tierarten zu erhalten, zu erforschen, für deren Schutz zu sensibilisieren und so dem Verlust der Artenvielfalt entgegenzuwirken.
Indem wir einer kleinen Schnecke und ihrem noch kleineren Nachwuchs eine grosse Bühne geben, sie züchten und erhalten, machen wir genau das. Für viele mag der Zuchterfolg einer Schnecke keine grosse Schlagzeile sein.
Doch das verkennt, welche Bedeutung dieser Geschichte innewohnt. Elefanten und Löwen zu mögen, ist einfach. Begeistern wir Menschen uns hingegen für eine wenige Millimeter grosse Schnecke, ist das ein immenser Gewinn für den Artenschutz.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.







