Agglo Zürich

«Lieber im Büro»: Schnupperstiften fehlt Durchhaltewille

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Dietikon,

Wird es anstrengend oder eklig, geben Jugendliche die Schnupperlehre oft auf. Ein Sanitär wünscht sich einen Willen, der stärker ist als der Würgereiz.

Schnupperstift
«Dieser Job ist mir zu hässlich», fand ein Schnupperstift von Tim Brauchli, als es darum ging, eine «üble Verstopfung» zu beseitigen. - pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Tim Brauchli, Inhaber eines Zürcher Sanitärbetriebs, erlebt oft, dass Schnupperstifte von einem Bürojob träumen.
  • «Tendenziell dürfte der Wille, etwas ‹durchzuziehen›, abgenommen haben», heisst es auch beim Branchenverband.
  • Die Plattform Schnuppy.ch registriert jede Woche rund fünf Abbrüche von Schnupperlehren.

Der Schnupperstift hatte die Nase voll. Am fünften und letzten Tag rief er den Chef an und sagte, dass er nicht mehr kommen werde. «Dieser Job ist mir zu hässlich», erklärte er. Damit meinte er die Arbeit als Sanitär, die er beim Schnuppern im Sanitärbetrieb «Sanitär Jetzt» in Dietikon ZH kennengelernt hatte.

Betriebsinhaber Tim Brauchli schildert auf der Plattform «Linkedin», warum der Jugendliche die Schnupperlehre abgebrochen hat. «Am Vortag mussten wir eine richtig üble Verstopfung beseitigen», schreibt Brauchli. «Sein Würgereiz war stärker als sein Wille.»

Dies sei völlig normal, so Brauchli. «Jeder Sanitär erlebt irgendwann seine erste Kacktaufe.» Was der Schnupperstift erlebt habe, sei aber immer noch weit weg davon gewesen. Trotzdem habe der Stift gesagt: «Ich möchte lieber etwas Leichteres im Büro machen.»

«Das Büro wartet nicht auf euch»

Schnupperstifte, die von einem Bürojob träumen, erlebt der Sanitär immer wieder. «Aber liebe Leute: Das Büro wartet nicht auf euch», schreibt der 31-Jährige im Post.

Viele klassische Bürojobs veränderten sich rasant oder es gebe wegen der Digitalisierung und KI weniger davon. «Gute Handwerker wird’s immer brauchen», behauptet er.

Haben Jugendliche heute zu wenig Durchhaltewillen?

Der Handwerker vermisst den Durchhaltewillen der Schnupperstifte. Jungen Menschen sollte nicht nur beigebracht werden, ihren Traumberuf zu suchen, ist er überzeugt. «Sondern auch, dass Durchhaltevermögen zu jeder Ausbildung gehört.»

«Vielleicht auch ein Spiegel der Gesellschaft»

Der Schweizerisch-Liechtensteinische Gebäudetechnikverband Suissetec bestätigt den Eindruck. «Tendenziell dürfte der Wille, etwas ‹durchzuziehen›, eher abgenommen haben im Vergleich zu früher.» Dies sagt Mediensprecher Christian Brogli.

Dies widerspiegle sich auch in den teilweise noch zu hohen Lehrabbruchraten, sagt Brogli. «Dies ist aber vielleicht auch ein Spiegel der Gesellschaft.»

Auch in anderen Lebensbereichen werde schneller das Handtuch geworfen. «Weil dies auch nicht mehr mit Scham oder Scheitern in Verbindung gebracht wird.»

Für die Branche blickt Brogli positiv in die Zukunft. Die Gebäudetechnikberufe vereinten Planung, Handwerk und Hightech, sagt Er.

Diese seien nicht nur sinnstiftend, sondern auch sicher und kaum gefährdet von einer Auslagerung ins Ausland. «Und man muss sich keine Sorgen machen, dass man bald überflüssig wird wegen Automatisierung und Künstlicher Intelligenz.»

«Betrieb muss in Schnupperlehre etwas bieten»

Auch in einer Schnupperlehre in der Fleischbranche kommen die Stifte schnell auf die Welt. «Zum Berufsalltag eines Fleischfachmanns gehören auch Aufgaben wie Reinigungsarbeiten dazu», sagt Philipp Sax. Er ist stellvertretender Geschäftsführer ad interim des Schweizer Fleisch-Fachverbands SFF. «Die Betriebe sollen nichts beschönigen, sondern den realen Alltag zeigen.»

Dennoch sollten Schnupperstifte nicht ständig etwa mit einfachen Routinearbeiten beschäftigt werden, sagt Sax. Jugendliche suchten sinnhafte Tätigkeiten. «Und möchten beispielsweise am Ende des Tages sehen, was sie selbst hergestellt haben.»

Schnupperstift
Schnupperstifte sollten nicht ständig etwa mit einfachen Routinearbeiten beschäftigt werden, sagt Philipp Sax vom Schweizer Fleisch-Fachverband. (Symbolbild) - pexels

Sax betont: «Der Betrieb muss ihnen in der Schnupperlehre etwas bieten.»

Wichtig sei zudem, den Schnupperstiften im Vorfeld ein Programm abzugeben. «Dann können sie sich darauf vorbereiten und die Begleitperson im Betrieb kann mit einer klaren Erwartungshaltung starten.»

Schnupperlehren sind gefragt

Wie beliebt Schnupperlehren in der Sanitätsbranche sind, kann der Suissetec-Mediensprecher nicht angeben. Der Verband erhebt keine entsprechenden Zahlen.

Ob mit oder ohne Abbruch – allgemein sind Schnupperlehren nach wie vor gefragt. Auf der Plattform Schnuppy.ch bieten Firmen Inserate für Schnupperangebote in den Kantonen Zürich, Aargau, Thurgau, Schaffhausen und Zug an. Teilweise verfügbar ist die Plattform in St. Gallen, Solothurn und Schwyz.

Schnupperstift
Die Plattform Schnuppy.ch verzeichnet wöchentlich bei hunderten Einsätzen rund fünf Abbrüche. - keystone

Aktuell sind dort 28’000 Jugendliche registriert, wie Heinz Meierhofer, Mitarbeiter der Geschäftsstelle, sagt.

«Wöchentlich vermitteln wir hunderte von Schnupperlehren», sagt Meierhofer. Die Sorge, dass Jugendliche heute vorschnell aufgäben, decke sich nicht mit ihrer Erfahrung.

«Hunderte Einsätze und fünf Abbrüche»

Dennoch registriert die Plattform regelmässig Abbrüche. «Wöchentlich verzeichnen wir bei hunderten Einsätzen rund fünf Abbrüche», sagt Meierhofer. Diese Abbruchquote bewertet er jedoch als tief.

Jugendliche sollen auch die Reissleine ziehen können, wenn sie sich den Beruf anders vorgestellt hätten, sagt Meierhofer. Dass Erwartung und Realität manchmal auseinanderklafften, sei völlig normal und genau der Grund, warum geschnuppert werde.

Tim Brauchli hatte auch Schnupperstifte, die bei ihm goldrichtig waren. Seinen LinkedIn-Post will er auf Anfrage nicht weiter ausführen. «Ich hatte in der Vergangenheit auch sehr motivierte Schnupperstifte», sagt er. «Unter anderem diese beginnen nun im August die Lehre bei uns.»

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