Stärke, Speck und gute Laune – ich habe den «Carbonara-Körper»

«Ich habe Muskeln, die man nicht an jeder Stelle sieht. Und einen Bauch, der auch nach dem Sport noch da ist», schreibt Body-Positivity-Kolumnistin Stella.

Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über «Body Positivity».
- Heute schreibt die Zürcherin über ihren eigenen Körper, den «Carbonara-Body».
Stellt euch eine Frau im Fitnessstudio vor. Sie hebt schwere Gewichte und trainiert selbstbewusst zwischen all den «Gym-Bros». Sie hat Muskeln und trotzdem einen weichen Bauch. Und sie hat breite Hüften oder Arme, die beim Training vielleicht auch einmal wackeln.
Sie betreibt nicht Kraftsport, um möglichst dünn zu werden. Und sie wartet auch nicht darauf, dass ein Mann ihr Aussehen bestätigt.
Genau diese Frauen beschreibt ein Artikel vom «ZEITmagazin» im Sommer 2026. Er handelt vor allem von Frauen zwischen 25 und 35 Jahren, die ein neues Selbstverständnis ins Fitnessstudio bringen.
Diese Frauen trainieren, weil es ihnen körperlich und mental guttut!
Als Gegenentwurf zu «Size Zero», «Skinnytok» und «Ozempic-Chic» gibt die Autorin diesem Frauentyp einen Namen: den «Carbonara-Körper». Das Motto dazu lautet: «Stärke, Speck und gute Laune».

Muskeln mit Rahmsauce
Ich musste beim Lesen des Artikels schmunzeln. Denn: Vieles darin davon kommt mir sehr bekannt vor. Ich mache Krafttraining, gehe schwimmen, tanze auf High Heels – und arbeite auch an meiner Beweglichkeit. Mein Körper ist kräftig und belastbar. Gleichzeitig ist er weich und kurvig.
Ich habe Muskeln, die man nicht an jeder Stelle sofort sieht. Und einen Bauch, der auch nach dem Sport noch da ist. Wenn das nun ein «Carbonara-Körper» sein soll, dann habe ich ihn wohl schon lange (bevor jemand auf die Idee kam, ihn so zu nennen).
Und trotzdem hinterliess der Begriff bei mir einen komischen Nachgeschmack…
Dieses Gericht liegt schwer auf dem Magen
Nach der Veröffentlichung dauerte es nicht lange, bis Kritik laut wurde: Viele Frauen störten sich daran, dass ihre Körper mit einem fettigen Pasta-Gericht verglichen werden. Und mit dem Wort «Speck» erneut eine Wertung mitschwingt.
Im Artikel ist unter anderem von grossen, wackelnden Pobacken und wenig definierten Oberarmen die Rede.
Andere fanden problematisch, dass schlanke Frauen teilweise abgewertet werden, um die vermeintlich selbstbestimmteren «Carbonara»-Frauen aufzuwerten.

Ähnliche Vorwürfe lese ich regelmässig unter meinen Kolumnen und auf Social Media: Mit Body Positivity würde ich Übergewicht glorifizieren und dünne Körper abwerten.
Dabei möchte ich dünne Frauen nicht kleinmachen, sondern dicke Frauen nicht länger kleinmachen lassen.
«Body Positivity» ist kein Gegeneinander. Und echte Befreiung entsteht nicht, wenn wir das alte Ideal bloss durch ein Neues ersetzen.
Beigeschmack von «Body Positivity»
Dennoch steckt hinter dem Begriff eine Entwicklung, die ich wichtig finde. Frauen erobern im Fitnessstudio einen Raum, der lange stark männlich geprägt war.
Gerade in einer Zeit, in der extrem dünne Körper wieder stärker als Schönheitsideal inszeniert werden, empfinde ich dieses Bild durchaus als wohltuend.
Vielleicht brauchte es den provokanten Namen sogar, damit wir überhaupt darüber sprechen? Die heftigen Reaktionen zeigen aber auch, wie müde viele Frauen inzwischen davon sind, dass ihre Körper ständig bewertet und in neue Kategorien sortiert werden.
Sportlich = dünn?
Als Curvy Model kenne ich diese Blicke nur zu gut. Sobald ich erzähle, wie oft ich mich bewege, reagieren manche Menschen überrascht.
Offenbar erwarten sie, dass ein sportlicher Körper automatisch dünn aussehen muss. Wenn ich regelmässig trainiere und trotzdem einen weichen Bauch habe, scheint das für einige nicht zusammenzupassen.
Trotzdem wird Sport bei Frauen häufig erst dann anerkannt, wenn man das Ergebnis möglichst deutlich an ihrer Taille sieht. Ein schlanker Körper gilt schnell als diszipliniert und gesund, während ein dicker Körper seine Fitness zuerst beweisen soll.

Körpervielfalt à la carte
Vielleicht meint es der «Carbonara-Körper» wirklich gut. Er stellt Stärke statt Schlankheit in den Mittelpunkt und zeigt Frauen, die Sport nicht als Strafe für ihr Essen betrachten. Darin erkenne ich mich wieder, und genau diesen Teil des Artikels möchte ich nicht kleinreden.
Trotzdem ist für mich nicht der «Carbonara-Body» der eigentliche Fortschritt. Fortschritt wäre, wenn man nicht mehr den Hintern, die Oberarme oder den Bauch analysiert. Wenn Frauen weich sein dürften, ohne ihren Speck durch sportliche Leistung zu rechtfertigen.
Wenn sie dünn sein können, ohne dass wir ihr automatisch unterstellen, sie trainiere nur für die Aufmerksamkeit der Männer.
Keine Modekollektion
Unsere Körper sind keine Modekollektion, die jede Saison ein neues Motto benötigt. Sie sind auch keine Gerichte auf einer Speisekarte. Wir müssen nicht entscheiden, ob wir gerade «Carbonara», «Size Zero» oder doch wieder «Sanduhr» sind.
Vielleicht sollten wir Frauenkörper deshalb endlich nicht mehr taufen. Sondern sie einfach in Ruhe lassen.

Zur Person
Stella Kizildag (30) ist Curvy Model und Body-Positivity-Kolumnistin aus der Schweiz. Auf Instagram unter @stella.curvymodel teilt sie ihren Alltag zwischen Fashion, Selbstakzeptanz und klaren Grenzen.





