Céline Widmer (SP): «Brustkrebs hat mich durchgeschüttelt»

Céline Widmer (SP) zieht nach knapp vier Monaten als Sozialvorsteherin der Stadt Zürich eine erste Bilanz. Besonders die offene Drogenszene fordert sie.

Die Zürcher Sozialvorsteherin Céline Widmer (SP) will das Leben der Stadtbevölkerung verbessern. Doch die offene Drogenszene setzt sie unter Druck. Knapp vier Monate nach Amts antritt zieht sie eine erste Bilanz.
Redaktion: Was glaubten Sie über das Regieren zu wissen, das sich in Ihren ersten vier Monaten als Irrtum erwies?
Céline Widmer: Meine Erwartungen wurden sogar übertroffen: Ich kann jetzt ganz nahe bei den Menschen Politik machen und ihr Leben direkt verbessern. Das ist ein Unterschied zur Arbeit im Nationalrat.
Neu ist für mich die grosse Verantwortung, die man in einem solchen Amt trägt. Es ist die Verantwortung für konkrete Politik und ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Menschen in Zürich. Das gefällt mir.
Redaktion: Kurz nach Ihrer Wahl erhielten Sie die Diagnose Brustkrebs und unterzogen sich einer Strahlentherapie. Wie geht es Ihnen heute?
Widmer: Den Umständen entsprechend gut. Wie für alle Menschen, die mit einer solchen Diagnose und einer Therapie konfrontiert sind, ist es für mich psychisch und körperlich eine Belastung. Die Krankheit hat mich durchgeschüttelt.
Zum Glück konnte ich dennoch von Anfang an alle Aufgaben übernehmen. Ich achte darauf, meinem Körper Sorge zu tragen und mir genügend Erholung zuzugestehen, damit ich dieses Amt dauerhaft und vollumfänglich ausüben kann.

Redaktion: 2400 Mitarbeiter, ein Milliardenbudget, erstmals operative Verantwortung: Was für eine Chefin sind Sie?
Widmer: Ein vertrauensvoller und nahbarer Umgang mit meinen Mitarbeitenden ist mir sehr wichtig. Auch weil ich mich natürlich noch in einem Lernprozess befinde und Fehler machen kann. Sie sollen mich darauf aufmerksam machen können.
Denn in meinem Departement arbeiten grossartige Fachleute. Sie sollen ihre fachliche Kompetenz einbringen können, während ich die strategische und politische Führung übernehme.
Redaktion: Welches Problem soll am Ende der Legislatur nachweisbar kleiner sein als heute?
Widmer: Ich wehre mich gegen die Vorstellung, man könne komplexe Probleme mit einer einzelnen Massnahme lösen. Einen besonderen Fokus lege ich auf die schwächsten Menschen unserer Gesellschaft, auf Randständige und Suchtbetroffene.
In der Drogenpolitik möchte ich verschiedene Massnahmen vorantreiben und konsequent dranbleiben. Es wäre aber unseriös, wenn ich versprechen würde, am Ende der Legislatur sei das Drogenproblem gelöst.
Redaktion: Mitte Juni sagten Sie im Stadtparlament, man habe die Situation im Griff. Einen Monat später erklärte die Stadt vier Gebiete zu polizeilichen Brennpunkten. Anwohner und Gewerbetreibende berichteten weiterhin von erheblichen Belastungen. Haben Sie die Crack-Krise unterschätzt?
Widmer: Meine damalige Aussage bezog sich auf die Bäckeranlage. Dort gab es eine Phase, in der sich die Situation deutlich verbessert hatte. Unmittelbar vor den Sommerferien nahm der Konsum im öffentlichen Raum wieder zu. Darauf haben wir sehr rasch reagiert.
Die verschiedenen Departemente arbeiten dabei intensiv zusammen. Die Situation kann sich allerdings sehr schnell verändern. Es gibt hier keine einfache Lösung.
Redaktion: Was unternehmen Sie konkret?
Widmer: Wir müssen die Drogenpolitik entlang aller vier Säulen weiterentwickeln. Für die Säule Schadensminderung brauchen wir zum Beispiel dringend einen vierten Standort für die Kontakt- und Anlaufstellen, auch wenn die Standortsuche schwierig ist. Bei der Therapie stellt sich die Frage, was wir aus den Erfahrungen mit der Heroinabgabe lernen können.
Denkbar sind medizinische Pilotversuche zur Abgabe oder Substitution von Kokain. Das lässt sich aber nicht in ein oder zwei Monaten umsetzen. Und auch in der Prävention müssen wir uns auf die neuen Herausforderungen einstellen. Die vierte Säule ist die Repression. Hier arbeiten wir eng mit der Polizei zusammen.
Redaktion: Wem geben Sie bei einem Zielkonflikt Vorrang: der Schadensminderung für Suchtkranke oder dem Anspruch der Anwohner und Gewerbetreibenden auf Sicherheit und Lebensqualität?
Widmer: Das will ich nicht gegeneinander ausspielen. Die Anliegen der Quartierbevölkerung nehme ich sehr ernst. Ich wohne selbst in der Nähe der Bäckeranlage, meine Kinder gingen dort zur Schule, und ich bin fast jeden zweiten Tag dort.
Ich weiss, wie belastend die Situation für Anwohnende und Gewerbetreibende sein kann. Wir müssen alles daransetzen, dass möglichst wenige Menschen im öffentlichen Raum konsumieren. Auch für suchtkranke Menschen ist ein Konsumraum besser.
Dort erhalten sie medizinische Betreuung und können sich beraten lassen. Gleichzeitig wäre es unrealistisch zu versprechen, der Drogenkonsum lasse sich vollständig aus dem öffentlichen Raum verdrängen. Entscheidend ist das Ausmass.
Die Situation muss für die Quartierbevölkerung, die Gewerbetreibenden und die Betroffenen selbst tragbar sein. Etwa die Hälfte der Konsumierenden stammt nicht aus der Stadt Zürich. Gerade deshalb müssen wir gemeinsam mit den Herkunftsgemeinden Lösungen finden.

Redaktion: Bis dahin trägt die Zürcher Bevölkerung die Belastung. Wie lange ist das noch vertretbar?
Widmer: Zürich kann sich nicht allein um diese Menschen kümmern. Wir brauchen eine kantonale Versorgung. Ich setze alles daran, mit den Gemeinden Lösungen zu finden. Es braucht Strukturen, durch die suchtkranke Menschen auch in ihren Herkunftsgemeinden Unterstützung erhalten.
Redaktion: Wie gehen Sie mit Kritik um?
Widmer: Kritik beschäftigt mich, sie lässt mich nicht kalt. Wenn man kritisiert wird, fällt das Zuhören manchmal schwer. Trotzdem muss man Kritik aushalten und prüfen, was man davon aufnehmen kann. Vor politischem Gegenwind habe ich keine Angst, den kenne ich aus dem Nationalrat. Wichtig ist mir, dass wir anständig miteinander umgehen.
Redaktion: Das Bundesgericht bestätigte den städtischen Mindestlohn, doch Vorstösse im Bundesparlament setzen ihn erneut unter Druck. Ist es klug, ihn einzuführen, bevor alle Fragen geklärt sind?
Widmer: Die Stimmbevölkerung hat den städtischen Mindestlohn deutlich angenommen. Durch die Rekurse mussten die Menschen in Tieflohnbereichen schon rund zwei Jahre länger darauf warten. Darum setzen wir ihn nun so rasch wie möglich um.
Den genauen Zeitplan kann ich noch nicht nennen. Bei der Umsetzung beziehen wir aber die Sozialpartner ein. Für mich ist der Mindestlohn eine wichtige Massnahme gegen die Working- Poor-Problematik.
Redaktion: Bezirksrat, Regierungsrat und Verwaltungsgericht erklärten die Basishilfe für Sans-Papiers für unzulässig. Der Gemeinderat geht ans Bundesgericht. Als ehemalige Co-Präsidentin der Plateforme sans-papiers: Was tun Sie, wenn auch das Bundesgericht Nein sagt?
Widmer: Wie das Verfahren ausgeht, weiss ich nicht. Während der Covid-Pandemie wurde deutlich, dass Menschen durch alle Maschen fallen. Gewisse Personen beantragen keine Sozialhilfe, obwohl sie Anspruch darauf hätten, weil sie fürchten, dadurch ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren.
Sans-Papiers können aufgrund ihres Status keine reguläre Sozialhilfe beziehen. Gleichzeitig garantiert die Bundesverfassung Menschen in Notlagen einen Anspruch auf Hilfe. Selbstverständlich werde ich den Entscheid des Bundesgerichts akzeptieren, wie auch immer er ausfällt.
Wir leben in einem Rechtsstaat. Das Problem wäre mit einem ablehnenden Urteil aber nicht gelöst. Dann müssten wir andere Wege finden, um die Problematik anzugehen.
Redaktion: Unter Ihrem Vorgänger weitete das Sozialdepartement seine Leistungen über die klassische Armutsbekämpfung hinaus bis in den Mittelstand aus, etwa bei der Kinderbetreuung. Zugleich steigen die Schulden der Stadt stark. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen gezielter Hilfe und teurer Giesskanne?
Widmer: Die familienergänzende Kinderbetreuung gehört für mich zum Service public. Es ist richtig, dass auch der Mittelstand Unterstützung erhält. Im internationalen Vergleich hat die Stadt Zürich bei der bezahlbaren Kinderbetreuung noch Luft nach oben.
Gleichzeitig richten wir einen besonderen Fokus auf benachteiligte Menschen. Beides gehört zum Auftrag des Sozialdepartements. Zudem setzen wir politische Entscheide des Parlaments und der Stimmbevölkerung um. Weder mein Vorgänger noch ich bestimmen diese Leistungen nach persönlichem Gutdünken.
Redaktion: Sie sprechen vor allem darüber, was Sie im Sozialdepartement ausbauen möchten. Kommt in Ihren Plänen auch das Sparen vor?
Widmer: Mir ist ein hohes Kostenbewusstsein sehr wichtig, im Sozialdepartement wie in der gesamten Stadtverwaltung. Wir arbeiten mit Steuergeldern und finanzieren damit Leistungen, die politisch beschlossen wurden. Eine Verwaltung setzt gesetzliche Grundlagen und politische Aufträge um.
Dafür erstellen wir Budgets und müssen ausweisen, wofür wir jeden Franken benötigen. Kostenbewusstsein bedeutet für mich, mit den vorhandenen Mitteln die bestmögliche Wirkung zu erzielen.
Redaktion: Gibt es konkrete Bereiche, in denen Sie sparen wollen?
Widmer: Ich habe nicht von Sparen gesprochen, sondern von Kostenbewusstsein.
Redaktion: Von Ihrem Vorgänger erben Sie ein IT-Debakel: Der Ombudsbericht spricht bei der Sozialhilfe-Software Citysoftnet von einer «misslungenen» Einführung. Wann kehrt der normale Betrieb ein?

Widmer: Die Einführung von Citysoftnet war für alle Beteiligten anspruchsvoll und ist teilweise noch immer eine grosse Belastung für die Mitarbeitenden. In den mehr als eineinhalb Jahren seit der Einführung wurden aber zahlreiche technische Anpassungen vorgenommen.
Meine Fachleute bestätigen mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es braucht aber noch Zeit, bis wir im normalen Betrieb angekommen und auch die letzten Fachfragen geklärt sind.
Die Sozialhilfebeziehenden erhielten immer die ihnen zustehenden Zahlungen. Verzögerungen gab es vor allem bei administrativen Abläufen, etwa bei Schlussabrechnungen nach einer Ablösung von der Sozialhilfe.
Redaktion: Wenn morgen niemand etwas von Ihnen wollte, wie würden Sie den Tag in Zürich verbringen?
Widmer: Ich würde auf der Bäckeranlage verweilen. Trotz teils belastender Situationen ist sie sehr oft ein wunderschöner Ort. Ich fahre gerne Rennvelo oder gehe joggen und liebe Zürichs kulturelle Vielfalt. Zürich ist auch eine tolle Familienstadt. Ich stamme aus Winterthur, doch fühle ich mich in Zürich zu Hause.
Zur Person
Céline Widmer (SP), geboren am 26. Mai 1978, wuchs in Winterthur auf. Nach ihrer Ausbildung zur Tontechnikerin studierte sie Politikwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, wo sie später wissenschaftlich arbeitete. Von 2014 bis 2024 gehörte sie dem Stab von Stadtpräsidentin Corine Mauch an.
Widmer sass von 2012 bis 2019 im Kantonsrat und von 2019 bis 2026 im Nationalrat. Im März 2026 wurde sie in den Stadtrat gewählt, Ende Mai übernahm sie das Sozialdepartement. Zuvor präsidierte sie das SAH Zürich und war Co-Präsidentin der Plateforme sans-papiers Suisse. Sie hat zwei Kinder und wohnt im Kreis 4.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.





