Stadt Zürich

    Balthasar Glättli: «In ersten 4 Wochen nie vor 2.30 Uhr ins Bett»

    Jan Strobel
    Jan Strobel

    Zürich,

    Seit gut vier Monaten ist Balthasar Glättli (Grüne) Schul- und Sportvorsteher der Stadt Zürich. Er spricht über Spardruck, heisse Klassenzimmer und seine Pläne.

    Balthasar Glättli
    Neue Etage: Balthasar Glättli hat die nationale Politbühne gegen das Zürcher Schul- und Sportdepartement getauscht. - Christian Lanz

    Das Wichtigste in Kürze

    • Während 14 Jahren war Balthasar Glättli (Grüne) auf der nationalen Politbühne unterwegs.
    • Seit gut vier Monaten ist er nun als Schul- und Sportvorsteher der Stadt Zürich im Amt.
    • Im grossen Interview spricht Glättli über seinen Rollenwechsel.

    Seit gut vier Monaten ist Balthasar Glättli (Grüne) als Schul- und Sportvorsteher im Amt. Im Interview spricht er über die schlaflosen ersten Wochen, überhitzte Klassenzimmer, den Spardruck – und darüber, was er in seinem neuen Amt verändern will.

    Redaktion: 14 Jahre Nationalrat, Parteipräsident, nationale Politbühne. Und jetzt geht es um Mittagstische, überhitzte Klassenzimmer und Fussballplätze. Ist das ein Kulturschock?

    Balthasar Glättli: Schock ist das falsche Wort. Das würde heissen, dass man erschrickt und es wehtut. Es war eher ein grosser Rollenwechsel, den ich aber sehr bewusst vollzogen habe.

    Redaktion: Sie mussten sich also das Nationalrats-Denken erst abgewöhnen?

    Glättli: Mental habe ich mich zum Beispiel darauf vorbereitet, aus einem Muster herauszukommen, das man als Nationalrat kennt: Man hat eine Sitzung, bespricht etwas und geht mit mehr Arbeit hinaus als vorher.

    Ich habe mir deshalb eine eigene Regel gegeben: Ich gehe aus keiner Sitzung mit Arbeit heraus, die ich selbst noch erledigen muss. Die Menge an Arbeit ist dennoch erheblich. In den ersten vier Wochen bin ich nie vor 2.30 Uhr ins Bett gegangen und habe vor 6 Uhr wieder angefangen.

    Redaktion: Wie viel wussten Sie bei Ihrem Amtsantritt überhaupt über das Zürcher Schulsystem?

    Glättli: Es gibt vieles, was ich vorher nicht wusste. Ich war ja nie Bildungs oder Sportpolitiker. Ich hatte das Privileg, sehr viel zu lernen. Etwa, wie die Schule in dieser föderalen Struktur organisiert ist: Was gibt der Kanton vor, was liegt in der Verantwortung der Kreisschulbehörden und welche Rolle spielen die Schulleitungen?

    Redaktion: Wo haben Sie sich inzwischen gefragt: Warum machen wir das eigentlich so?

    Glättli: Nehmen wir zum Beispiel die Buchung von Ferien- und Freizeitkursen. Heute geht das eigentlich nur noch online. Grenzt das Menschen aus, die weniger digitalaffin sind? Und ist das Prinzip «Wer zuerst kommt, hat den Vorrang» wirklich geschickt?

    Morgens um sieben geht die Webseite auf und das Rennen beginnt. Ich habe den Auftrag gegeben, zu prüfen, ob es andere Methoden gäbe.

    Balthasar Glättli
    Balthasar Glättli: «Es war ein grosser Rollenwechsel, den ich aber sehr bewusst vollzogen habe.» - keystone

    Redaktion: Wenn Sie auf Ihre eigene Schulzeit zurückblicken: Waren Sie ein guter Schüler?

    Glättli: Ich war immer ein guter Schüler und habe immer gerne gelernt. Meine Eltern waren beide Primarlehrer. Als Kind hatte ich Leukämie und wurde deshalb die ersten beiden Jahre zu Hause von meiner Mutter unterrichtet. In die Schule im Zürcher Oberland trat ich erst in der dritten Klasse ein.

    Ab der vierten Klasse war dann mein Vater mein Lehrer. Dadurch habe ich schon als Kind viel darüber gelernt, mit unterschiedlichen Rollen umzugehen. Eine Lehre fürs ganze Leben.

    Redaktion: Sie haben vorher von Ihrem Vater erzählt, der Lehrer war. Das bringt uns zur Debatte um den Lehrpersonenmangel. Nach vier Jahren erklärte der Kanton ihn für beendet. Können Sie als Zürcher Schulvorsteher tatsächlich Entwarnung geben?

    Glättli: Bei den Lehrerinnen und Lehrern haben wir derzeit tatsächlich nicht den grössten Mangel. Anders sieht es etwa bei der Heilpädagogik aus. Heute ist Schule ausgeprägte Teamarbeit. Dabei müssen wir uns überlegen, wie wir die verschiedenen Fachqualifikationen im Klassenzimmer erhalten und gleichzeitig die Zahl der Bezugspersonen reduzieren können.

    Redaktion: Das kantonale Stimmvolk hat die Entlastung der Lehrpersonen deutlich abgelehnt, anders als die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher. Der Druck im Schulzimmer bleibt. Was nun?

    Glättli: Die Zürcher Schulpflege und ich bedauern den negativen Ausgang der Abstimmung. Eine angemessene Abgeltung der hohen Zusatzbelastung der Lehrpersonen und insbesondere der Klassenlehrpersonen bleibt damit weiterhin aus.

    Positiv ist, dass auf kantonaler Ebene offenbar die Diskussion um eine zusätzliche Entschädigung zumindest der Klassenlehrpersonen nicht einfach vom Tisch ist.

    Redaktion: Ein Schulassistent sagt uns: «Ich begleite seit fünf Jahren neben Primarschulklassen unter anderem ein blindes Kind sowie autistische Kinder und Kinder mit ADHS, ohne spezifische Ausbildung. Mein Monatslohn beträgt netto 1300 Franken, die letzte Lohnerhöhung betrug 18 Franken. Ich empfinde das angesichts meiner Verantwortung als Geringschätzung.» 1300 Franken netto für diese Verantwortung. Ist das angemessen?

    Glättli: Ich habe solche Rückmeldungen ebenfalls schon von verschiedenen Personen erhalten, die als Schulassistenzen arbeiten. Vor wenigen Wochen wurde erstmals ein Kurs durchgeführt, der ihnen mehr Professionalität und Klarheit über ihre Rolle vermitteln soll.

    Es sollte auch nicht sein, dass eine Lehrperson von einer Assistenz etwas erwartet, wozu diese weder ausgebildet noch verpflichtet ist. Dann muss man sagen: Es ist auch nicht deine Aufgabe, eine Mini-Heilpädagogin oder ein Mini-Heilpädagoge zu sein.

    Wenn Leute nach dieser Erfahrung merken, dass ihnen die Begleitung junger Menschen liegt, sollten wir sie bei einer entsprechenden Ausbildung unterstützen.

    schule
    Glättli: «Es sollte nicht sein, dass eine Lehrperson von einer Assistenz etwas erwartet, wozu diese weder ausgebildet noch verpflichtet ist.» (Symbolbild) - keystone

    Redaktion: Die Stadt muss sparen, gleichzeitig wächst der Personalbestand im Schulbereich kräftig. Wo können Sie überhaupt noch den Rotstift ansetzen?

    Glättli: Beim Schulraum müssen wir sorgfältig darauf achten, nur dort zu bauen, wo er tatsächlich gebraucht wird. Aufgrund der veränderten Bevölkerungsentwicklung hat man die Prognosen bereits nach unten korrigiert. Gleichzeitig werden weiterhin Investitionen nötig sein.

    In Zürich-Nord gibt es Quartiere, für die wir bis 2040 mit 15 Prozent mehr Schülerinnen und Schülern rechnen. Und auch die Umstellung zur Tagesschule braucht Raum. Beim Sport haben wir in den letzten fünfzehn Jahren ohne einen einzigen zusätzlichen Rasensportplatz 80 Prozent mehr Kapazität geschaffen, dank Kunstrasen und Beleuchtung.

    Diese Zitrone ist nun aber langsam ausgepresst. Eigentlich bräuchte es dringend neue Infrastruktur. Wir können Bedarf und Angebot in der aktuellen Finanzlage aber nicht einfach sofort in Einklang bringen.

    Redaktion: Ist der grosse Schulbau-Boom in Zürich vorbei?

    Glättli: Von der Schulraumplanung her ist diese Zeit ein Stück weit vorbei. Wir schaffen es heute, genau zu planen. Aber selbst wenn wir hypergenau sind, können wir überrascht werden. Bei einer neuen Siedlung kann man die Gesamtzahl der Kinder manchmal fast auf zwei oder drei Kinder genau prognostizieren – nicht aber, ob es Kindergärtler oder Sekundarschülerinnen und -schüler sind.

    Setzt Balthasar Glättli die richtigen Prioritäten für die Zürcher Schulen?

    So weit sind wir dann halt doch keine sozialistische Planwirtschaft! Die Schulraumplanung muss deshalb flexibel bleiben. Auch die Umstellung auf die Tagesschule braucht mehr Räume für die Betreuung, auch bei stagnierenden Schülerzahlen. Das ist eine riesige Herausforderung. Die Frage stellt sich deshalb: Wo investieren wir wie, und vielleicht auch mit welchem Ausbaustandard?

    Redaktion: Sie haben kühlere Schulzimmer zu einem Ihrer Schwerpunkte für die kommenden vier Jahre erklärt. Bis Sommer 2027 wollen Sie bei mindestens 20 Prozent der am stärksten hitzebelasteten Schulräume Massnahmen umsetzen. Wo ist der Handlungsdruck am grössten?

    Glättli: Das Schulamt, die Kreisschulbehörden und auch ich haben sehr viele Rückmeldungen erhalten. Lehrerinnen und Lehrer, die uns geschrieben haben, führten teilweise sogar Hitzeprotokolle: Morgens um acht Uhr waren es bereits 32 Grad. Das fliesst alles in die Priorisierung ein.

    Welche Schulanlagen zuerst drankommen, werden wir gemeinsam in der Schulpflege besprechen. Und wenn ich hier einen Aufruf machen darf: Wenn eine Lehrperson bisher das Gefühl hatte, sie müsse die Hitze einfach erdulden, dann ist jetzt der richtige Moment, sich beim Schulamt, bei der Kreisschulbehörde oder auch bei mir persönlich zu melden.

    Glättli
    Seit gut vier Monaten ist Balthasar Glättli als Zürcher Schul- und Sportvorsteher im Amt. (Archivbild) - keystone

    Redaktion: Sie wollen Mädchen und Frauen stärker für den Sport gewinnen. Wo sehen Sie heute die grössten Hürden?

    Glättli: Das eine ist tatsächlich wieder die Infrastruktur. Wenn man mehr Menschen in eine bestimmte Sportart bringen will, wird der Kampf um die knappen Ressourcen natürlich noch schwieriger. Wenn man sagt, man fördere den Mädchen und Frauensport auf Kosten bereits bestehender Angebote, beispielsweise von Buben- und Männerclubs, dann macht man sich damit natürlich auch nicht wahnsinnig viele Freunde.

    Deshalb müssen wir gleichzeitig versuchen, Lösungen zu finden – nicht nur im Fussball –, um mehr Plätze zu bekommen oder noch mehr Nutzung aus dem herauszuholen, was bereits vorhanden ist. Wir haben auch bereits Programme, die man vertiefen oder ausweiten kann.

    Zum Beispiel «Atleta Plus», bei dem wir mit GC zusammenarbeiten. Es geht aber auch um die Rahmenbedingungen. Zum Beispiel um eine Verbesserung der Prävention von Übergriffen. Das ist ein schwieriges, aber umso wichtigeres Thema.

    Eltern sollen ihre Töchter mit einem guten Gefühl zum Sport schicken können! Und hier dürfen wir nicht vergessen, dass gerade im Sport enorm viel freiwillige Arbeit geleistet wird, auch von Trainerinnen und Trainern.

    Zur Person

    Balthasar Glättli wurde 1972 in Zürich geboren. Der Grünen- Politiker gehörte von 1998 bis 2011 dem Zürcher Gemeinderat und von 2011 bis 2026 dem Nationalrat an. Von 2013 bis 2020 führte er die grüne Bundeshausfraktion, von 2020 bis 2024 war er Präsident der Grünen Schweiz. Im März 2026 wurde Glättli in den Zürcher Stadtrat gewählt. Seit Ende Mai steht er dem Schul- und Sportdepartement vor. Glättli ist mit der SP-Politikerin und Journalistin Min Li Marti verheiratet; das Paar hat eine Tochter.

    Redaktion: Wenn wir uns nach vier Jahren wieder treffen: Woran sollen die Zürcher Eltern und Kinder merken, dass Balthasar Glättli Schulvorsteher ist?

    Glättli: Ich hoffe, dass man in vier Jahren merkt, dass es uns gelungen ist, die Tagesschule praktisch überall erfolgreich einzuführen. Und dass wir trotz des Spardrucks, den man jetzt sieht, dort nicht auf die Bremse getreten sind. Das Zweite, was mir wichtig wäre: dass es uns gelungen ist, aus der Vielfalt der Zürcher Schule zu lernen.

    Mit 36’000 Schülerinnen und Schülern haben wir ein riesiges Experimentierfeld. Wir wollen eine Expedition in den Bildungsdatenraum starten. Dort kann man mit anonymisierten Daten auswerten: Welche Organisationsformen und welche Formen der Schule haben einen positiven Einfluss auf die Bildungsqualität und auf den Lernerfolg – aber auch, und das liegt mir sehr am Herzen, auf die Bildungsgerechtigkeit?

    Mein grosses Ziel bleibt das, was bei der liberalen Idee der Volksschule Pate stand: Eine Schule für alle. In der Schule soll nicht die Herkunft der Kinder im Zentrum stehen, sondern ihre Zukunft.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

    Mehr zum Thema:

    Kommentare

    User #3376 (nicht angemeldet)

    Wenn jemand bis 2:30 Uhr nachts arbeiten muss, um seinen Job zu erledigen, läuft offensichtlich etwas falsch. Entweder ist er überfordert oder er beginnt erst am Nachmittag zu arbeiten.

    Weiterlesen

    Balthasar Glättli Nationalrat Grüne
    228 Interaktionen
    Balthasar Glättli
    Balthasar Glättli
    136 Interaktionen
    Bye-bye Bundesbern

    Mehr aus Stadt Zürich

    zsc lions
    Kloten siegt in Davos
    Harmattan AI
    140 Interaktionen
    Militär-KI
    6 Interaktionen
    Kanton Zürich
    SMI Börse
    Kursgewinne

    Mehr aus Zürich

    Das Gebäude der ehemaligen ZKB-Filiale in Zürich-Seebach weicht einem Neubau. - Pia Meier
    154 Interaktionen
    Bargeld-Ärger