Rüstungs-Start-up lockt Schweizer Ingenieure mit hohen Löhnen

Harmattan AI expandiert in Zürich und Lausanne und besetzt zahlreiche Tech-Jobs. Für eine Leitungsstelle werden bis zu 240'000 Franken Lohn genannt.

Das Wichtigste in Kürze
- Harmattan AI sucht in Zürich und Lausanne zahlreiche Fachkräfte.
- Das französische Rüstungs-Start-up entwickelt autonome Militärsysteme.
- In der Schweiz geht es laut der Firma vor allem um Hardwareentwicklung.
- Stelleninserate zeigen aber auch Bedarf an KI, Software und Flugsteuerung.
Flugsteuerung, Künstliche Intelligenz, Bildauswertung: Das französische Rüstungsunternehmen Harmattan AI sucht derzeit zahlreiche hochqualifizierte Fachkräfte in der Schweiz.
Allein das Stellenportal Jobsswitzerland.ch listet rund 40 offene Stellen von Harmattan AI in Zürich und Lausanne auf. Darunter sind zahlreiche technische Funktionen.
Gesucht werden in Zürich etwa Spezialisten für die visuelle Wahrnehmung von Drohnen, Flugnavigation und Regelung sowie eingebettete Software.
Ein «Module Lead, Guidance & Control» soll gar zentrale Systeme für autonome Fluggeräte mitentwickeln. Laut Stellenbeschrieb geht es dabei unter anderem darum, Flugbewegungen zu planen und das Verhalten des Fluggeräts zu kontrollieren.
Die Fachkräfte sind offenbar begehrt – und entsprechend gut bezahlt. Für die leitende Stelle im Bereich «Guidance & Control» nennt ein Jobportal eine Lohnspanne von jährlich 180'000 bis 240'000 Franken. Harmattan selbst veröffentlicht für die Stelle keine Gehaltsangabe.
Rüstungs-Start-up ist 1,4 Milliarden Dollar wert
Dabei muss man wissen: Harmattan AI ist eines der zurzeit am schnellsten wachsenden europäischen Defence-Tech-Unternehmen.
Das Rüstungs-Start-up entwickelt autonome Systeme für militärische Zwecke. Dazu gehören unter anderem Aufklärungs- und Angriffsdrohnen, Systeme zur Drohnenabwehr und elektronische Kampfführung.
Letztere umfasst vereinfacht gesagt Technik, mit der etwa Funk- oder Radarsignale erkannt, gestört oder abgewehrt werden können.
Im vergangenen Januar sammelte das 2024 gegründete Unternehmen 200 Millionen Dollar bei Investoren ein. Angeführt wurde die Finanzierungsrunde von Dassault Aviation, dem Hersteller des französischen Rafale-Kampfjets. Harmattan wurde dabei mit 1,4 Milliarden Dollar bewertet.

An militärischen Auftraggebern mangelt es nicht: Harmattan arbeitet bereits für das französische und britische Verteidigungsministerium und liefert autonome Systeme an Streitkräfte aus.
Nun wächst Harmattan auch in der Schweiz.
Wie viele Personen hierzulande bereits beschäftigt sind, will Sprecher Lucas Person gegenüber Nau.ch nicht sagen. Weltweit beschäftige Harmattan mehr als 400 Mitarbeitende. Die Büros in der Schweiz machten davon aber einen «bedeutenden Teil» aus.
Auch dazu, wie viele zusätzliche Stellen in Zürich und Lausanne geschaffen werden sollen, äussert sich das Unternehmen nicht. «Wir wachsen sehr schnell, veröffentlichen aber keine Personalpläne», erklärt Person.
Was entwickelt Harmattan in der Schweiz?
Ebenso zurückhaltend gibt sich Harmattan bei der Frage, was genau hierzulande entwickelt wird. «Unsere Schweizer Standorte entwickeln hauptsächlich Hardware», sagt Person.
Die Stellenanzeigen zeigen allerdings, dass Harmattan in Zürich auch Fachkräfte für Software, Künstliche Intelligenz und autonome Flugfunktionen sucht.

Ein Beispiel ist Computer Vision. Diese Technologie lässt Maschinen ihre Umgebung über Kameras und Sensoren «sehen» und darin Objekte oder Hindernisse erkennen.
Fachleute für «Guidance, Navigation and Control» wiederum sorgen vereinfacht gesagt dafür, dass ein Fluggerät weiss, wo es ist, wohin es soll und wie es dorthin gelangt.
Und bei der Bewegungsplanung berechnet das System selbstständig eine geeignete Flugbahn und kann auf seine Umgebung reagieren.
Was davon konkret in Harmattans bewaffneten Systemen eingesetzt wird, verrät das Unternehmen nicht.
Mensch gibt Einsatz frei – danach übernimmt das System
Klarer äussert sich Harmattan dazu, wie viel Entscheidungsfreiheit seine Waffensysteme erhalten sollen. Man entwickle keine Systeme, die ohne menschliche Freigabe selbstständig ein Ziel angreifen, betont Sprecher Person.
Jede Mission werde zuerst von einem Menschen genehmigt. Danach laufe sie autonom ab. Ein menschlicher Kommandant könne den Einsatz aber weiterhin abbrechen.
Was bedeutet das in der Praxis?
Jean-Marc Rickli beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit genau solchen Fragen. Der Schweizer Sicherheitsexperte hat zahlreiche Analysen dazu veröffentlicht und beteiligt sich an hochrangigen internationalen Gesprächen über tödliche autonome Waffensysteme.
Er unterscheidet verschiedene Stufen menschlicher Kontrolle.
Bei klassischen ferngesteuerten Militärdrohnen steuert ein Mensch das Fluggerät und trifft die massgeblichen Entscheidungen.
Bei stärker automatisierten Systemen erledigt dagegen die Maschine einen immer grösseren Teil der Arbeit. Der Mensch überwacht den Vorgang und muss unter Umständen nur noch zustimmen oder eingreifen.

Genau dort werde es schwierig, erklärt Rickli.
«Entscheidend ist nicht nur, ob am Ende noch ein Mensch eine Freigabe erteilt. Die Frage ist, wie viel tatsächliche Kontrolle dieser Mensch noch hat.»
Denn Algorithmen können längst viel mehr als lediglich eine Drohne von A nach B fliegen lassen.
Sie können grosse Mengen an Sensordaten auswerten, Gegenstände erkennen oder mögliche Ziele vorschlagen. Der Mensch erhält danach womöglich eine Empfehlung und entscheidet, ob ein Angriff freigegeben wird.
Formal trifft er damit zwar weiterhin die letzte Entscheidung. Doch ein grosser Teil der Auswahl kann zuvor bereits durch die Maschine erfolgt sein.
In der internationalen Debatte spricht man deshalb von «meaningful human control» – also einer tatsächlich wirksamen menschlichen Kontrolle.
Hat der Mensch überhaupt noch genügend Zeit?
Hinzu kommt ein zweites Problem: die Geschwindigkeit.
Je autonomer militärische Systeme werden, desto schneller können sie Informationen verarbeiten und darauf reagieren.
«Wenn das Tempo der Einsätze steigt, stellt sich die Frage, ob ein Mensch überhaupt noch genügend Zeit hat, um sinnvoll einzugreifen», sagt Rickli.
Entscheidend sei dabei nicht bloss, dass ein Mensch am Ende zustimme. Er müsse die Ergebnisse der KI auch tatsächlich hinterfragen können. Etwa Unsicherheiten erkennen, die zugrunde liegenden Informationen prüfen und eine Empfehlung gegebenenfalls ablehnen.

Ein Grund für die zunehmende Autonomie liegt direkt auf dem modernen Schlachtfeld. Dort versuchen Armeen, gegnerische Funkverbindungen und Navigationssysteme gezielt zu stören.
Verliert eine Drohne den Kontakt zu ihrem Piloten, soll sie deshalb möglichst selbstständig weiterfliegen und navigieren können.
Künstliche Intelligenz könne dabei nicht nur für die Navigation eingesetzt werden, erklärt Rickli. Sie könne auch Objekte oder mögliche Ziele erkennen.
Viele günstige Drohnen statt weniger teurer Waffen
Für Rickli zeigt Harmattan exemplarisch, wohin sich die Entwicklung militärisch bewegt.
Künstliche Intelligenz, günstigere Elektronik und neue Produktionsmethoden ermöglichen zunehmend präzise und autonome Systeme zu tieferen Kosten. Statt weniger sehr teurer Waffen können Streitkräfte dadurch grössere Mengen an Drohnen einsetzen.
Das kann gegnerische Abwehrsysteme vor Probleme stellen.
Denn selbst eine leistungsfähige Luftabwehr kann nur eine begrenzte Zahl von Zielen gleichzeitig bekämpfen. Werden mehr Drohnen geschickt, als sie abfangen kann, droht sie überfordert zu werden.
Genau auf dieses Prinzip setzt auch Harmattan. Das Unternehmen bezeichnet seinen Ansatz als «Coordinated saturation at the edge». Also vereinfacht gesagt als koordinierte Überlastung der gegnerischen Abwehr.
Für die Entwicklung solcher autonomen Systeme braucht es hochspezialisierte Ingenieure. Und genau hier kommt die Schweiz ins Spiel.
Darum kommt Harmattan in die Schweiz
Harmattan sagt gegenüber Nau.ch offen, dass der Schweizer Fachkräftepool der Hauptgrund für die Ansiedlung sei.
Man wolle weltweit die besten Talente anstellen. Die vielen Fachkräfte für Robotik und Drohnentechnologie hätten deshalb bei der Wahl der Schweiz den Ausschlag gegeben.
Rickli überrascht das nicht.
«Die Schweiz verfügt über sehr starke Forschung und hervorragend ausgebildete Ingenieure. Für Unternehmen, die an solchen Technologien arbeiten, ist das sehr attraktiv.»
Insbesondere die ETH Zürich und die EPFL bilden Fachkräfte in Bereichen wie Robotik, Künstlicher Intelligenz und Computer Vision aus. Genau jene Kompetenzen also, die auch in modernen autonomen Systemen gefragt sind.
Eine institutionelle Zusammenarbeit mit Schweizer Hochschulen gibt es laut Harmattan allerdings nicht. Auch mit Schweizer Unternehmen unterhalte man keine Partnerschaften.








