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Zürich: Kann man lieben müssen – Ethiker erforschen die Nächstenliebe

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An der Universität Zürich erforscht ein internationales Netzwerk unter Leitung des Ethikers Michael Coors den christlichen Liebesbegriff – und dessen Grenzen.

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Der Campus Irchel der Universität Zürich (Symbolbild) - Nau.ch / Miriam Danielsson

Tatsächlich ist der Liebesbegriff gewissermassen der Dreh- und Angelpunkt der theologischen Ethik. Doch erstaunlicherweise wurde dazu schon länger nicht mehr geforscht. Das will das internationale Forschungsnetzwerk «ExiL – Explorations in Love» nachholen.

Unter der Co-Leitung von Michael Coors und Kinga Zeller, Professorin an der Theologischen Universität Utrecht, wurde über zwei Jahre hinweg der christliche Liebesbegriff erforscht und diskutiert. «Wir haben uns gefragt, wie die christliche Liebe zu einer theologischen Ethik beitragen kann», sagt Michael Coors.

Mitgefühl und Nächstenliebe Lieben heisst, mit den anderen mitzufühlen. Und Mitgefühl ist gut, darüber besteht ein breiter kultureller Konsens. «Die positive moralische Bewertung von Mitgefühl ist eine Prägung, die auch dank der christlichen Kultur bis heute nachwirkt», sagt Coors.

Entstanden ist das christliche Liebesethos des Mitgefühls oder der Nächstenliebe in der Antike. Damals begannen erste christliche Gemeinden sich um Arme und Alte zu kümmern. «Aus diesem frühchristlichen Engagement entwickelten sich allmählich Fürsorgesysteme», sagt der Ethiker.

Die Fürsorge institutionalisierte sich immer mehr, zunächst im 3. und 4. Jahrhundert in Pflegespitälern, später in christlichen Orden, dann in diakonischen Häusern. «Der Verbindung von Nächstenliebe und Pflege haftet eine gewisse Ambivalenz an», erklärt Coors. Oft wurden nämlich Diakonissen unter dem Deckmantel der Nächstenliebe zu Pflegearbeit verpflichtet und so ausgebeutet.

Als eigenständiger Beruf etablieren konnte sich die Krankenpflege erst im 20. Jahrhundert – dank dem Engagement von Agnes Karll. Die deutsche Krankenschwester und Präsidentin des International Council of Nurses setzte sich Anfang 20. Jahrhundert dafür ein, dass Pflegearbeit professionalisiert wurde. «Auch wenn sich heute die Care-Arbeit grösstenteils säkularisiert hat, ist sie in ihrem Ethos der Sorge für Hilfsbedürftige durchaus noch vom Christentum geprägt», sagt Coors.

So haben viele Pflegeeinrichtungen eine kirchliche Trägerschaft.

Und wie steht es mit der Nächstenliebe im Privaten? Was heisst Mitfühlen, wenn es um die Angehörigen geht? «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst», fordert das Gebot.

Doch kann man lieben müssen? Diese Frage hat sich vielleicht schon manche Kirchgängerin oder mancher Kirchgänger gestellt, wenn am Sonntagmorgen über die christliche Liebe gepredigt wird, während die Kirchenbank so langsam im Rücken drückt, der geschunden ist vom Pflegen des betagten Grossonkels. Dieser reisst vielleicht bösartige Sprüche, nachdem man ihn aus dem Bett in den Rollstuhl gehoben und auf den sonnigen Balkon geschoben hat.

Kierkegaards Ethik der Liebe kann als Sehschule bezeichnet werden, in der man die Liebe übt.

Lea Hümbeli Ethikerin

Die Nächstenliebe könnte Motivation sein, es trotzdem zu tun – den Onkel zu pflegen, obwohl er undankbar ist. Doch was, wenn sich keine Zuneigung, sondern Abneigung einstellt? Muss ich meinen Grossonkel trotzdem lieben?

Geht das überhaupt: ein Gefühl verordnen? Denn Liebe ist auch ein Gefühl, und die Eigenart von Gefühlen ist, dass sie sich einstellen und eben gerade nicht willentlich herbeigeführt werden.

Das Lieben üben Wie also steht es um Moral und Gefühl? Was genau ist hier moralisches Gebot: das Handeln oder das Fühlen? Tatsächlich kann einem das Liebesgebot ziemliches Kopfzerbrechen bereiten.

Gleichzeitig zu lieben und einer Pflicht nachzugehen, kommt der Quadratur des Kreises gleich. «Hier wird es interessant», sagt Lea Hümbeli, Mitglied des Forschungsnetzwerks ExiL und Assistentin am Institut für Sozialethik. Sie fokussiert sich in ihrer Forschung auf die Bedeutung des Gefühls im christlichen Liebesbegriff. «Sicher lässt sich die christliche Liebe nicht auf eine Emotion reduzieren», sagt die Ethikerin, «doch sie ist auch eine Emotion.»

Das Liebesgebot zwinge nicht zu bestimmten Empfindungen, aber es könne durchaus als Aufforderung, das Lieben zu üben, verstanden werden. «Diese Art zu lieben könnte heissen, sich jedem andern gegenüber offen zu halten», sagt Hümbeli.

Üben könne man dies beispielsweise in der Kirchgemeinde, so die Forscherin. «In diesem zusammengewürfelten Mix von Leuten, die unter anderem gemeinsam singen, versuchen die Menschen offen zu bleiben, auch wenn sie sich nicht unbedingt alle mögen.» Das Liebesgebot bedeute mehr als Toleranz, Respekt und Anerkennung, auch mehr als die Goldene Regel der Ethik.

Dieser universalistische moralische Grundsatz fordert, dass man andere so behandelt, wie man von ihnen behandelt werden will. Doch dafür brauche es nicht zwingend ein Gefühl wie Empathie oder Mitgefühl.

Ungleiche Machtverhältnisse reflektieren Aus diesem Grund ist es wichtig, sich zu überlegen, wie eine Beziehung in ethischer Hinsicht geregelt ist. Es gehe nicht nur darum, dass man lieben soll, sondern auch darum, wie man lieben soll. «Das christliche Liebesethos braucht selbst eine Ethik der Liebe, ein ethisches Korrektiv, das paternalistische Übergriffe und toxische Beziehungen verhindern soll», sagt der Sozialethiker.

Eine Ethik der Liebe richtet sich deshalb gegen manipulatives Verhalten, reflektiert ungleiche Machtverhältnisse, Abhängigkeiten, Ungerechtigkeit.

Michael Coors Ethiker Und was ist gute Liebe? «Eine konstruktive Liebe liebt die Freiheit, sie schätzt die geliebte Person in ihrer Einzigartigkeit als freie Person», sagt Michael Coors. Oder wie es Søren Kierkegaard 1847 in seinem Buch «Der Liebe Tun» formulierte: «Wenn es Pflicht ist, in der Liebe die Menschen zu lieben, welche man sieht, so gilt es in der Liebe zu dem einzelnen wirklichen Menschen, keine eingebildete Vorstellung davon unterzuschieben, wie man meinen oder wünschen könnte, dass dieser Mensch sein solle.»

Simona Ryser ist freie Autorin.

Forschungsnetzwerk ExiL: Die Liebe erkunden Das internationale Forschungsnetzwerk «ExiL- Explorations in Love» beschäftigte sich mit der Liebe. Unter der Co-Leitung des theologischen Ethikers Michael Coors und der Theologin Kinga Zeller von der Protestantisch Theologischen Universität Utrecht erkundete das Team die Bedeutung und Funktion des christlichen Begriffs der Liebe in theologischer und ethischer Hinsicht. Im Zentrum stand die Frage, wie der Begriff in unterschiedlichen Anwendungskontexten theologischer Ethik und in theologischer Hinsicht verstanden wird, wie er von christlichen Lehren und Traditionen geprägt ist und wie sich konstruktive Formen von Liebe von verzerrten oder gar toxischen Formen der Liebe unterscheiden lassen.

Für das Projekt fanden Forschende aus unterschiedlichen Fachgebieten der Dogmatik und theologischen Ethik zusammen, die ihre Ergebnisse in einer Anthologie präsentieren. Darin geht es etwa um Fragen der politischen Dimension der christlichen Liebe, um das fragile Verhältnis von Fürsorge und Nächstenliebe, um die moralische Bedeutung der Emotion im Liebesgebot. In einem weiteren Kapitel wird aus der Perspektive der Sexualethik gefragt, wieviel Moral in der romantischen Liebe steckt und ob Sex-Work auch Care-Arbeit sein kann.

Eine Untersuchung aus tierethischer Sicht wirft die Frage auf, ob es sinnvoll ist, den christlichen Liebebegriff auf die Tiere und die Umwelt auszuweiten, eine weitere Arbeit beschäftigt sich mit der zwischenmenschlichen Versöhnung und dem komplexen Verhältnis von Schuld und Vergebung.

Das Resultat dieser theologischen Erkundungen der Liebe wird im Sammelband «Love in Christian Dogmatics und Ethics» nachzulesen sein. Das Buch erscheint voraussichtlich Anfang 2027.

Kommentare

User #3359 (nicht angemeldet)

In der Schweiz ist alles ein muss, unehrlich und gespielt. Wir müssen weinen oder lachen, wenn es von einem erwartet wird sonst wird man komisch angesehen, echte Gefühle darf man nicht zeigen.

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