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    UZH: Darf man Menschen zum Töten trainieren?

    Universität Zürich
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    Zürich,

    Die UZH-Philosophin Regina Surber erforscht in Zürich, wie militärisches Training natürliche Hemmungen überwindet und fragt, ob das moralisch vertretbar ist.

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    Ist ein «gerechter Krieg» letztlich ein rein theoretisches Konstrukt? Regina Surber plädiert für mehr Realitätsnähe beim moralischen Nachdenken über Krieg. - Dan Cermak

    Im Jahr 1753 liess Friedrich der Grosse ein geheimes Buch drucken: «Die General-Principia vom Kriege». Der preussische König erwartete einen weiteren Krieg gegen Österreich um die Provinz Schlesien. Und da hielt er es für angebracht, seine Generäle über den richtigen Umgang mit den Truppen zu unterrichten.

    Er war überzeugt, dass einerseits Disziplin und andererseits das Wohlergehen der Soldaten über Sieg und Niederlage entscheiden. Wichtig war ihm unter anderem ihre stete Versorgung mit Bier und Schnaps.

    «Wenn man eine Expedition unternehmen will, so muss das Commissariat auf den Grentzen dahin gnugsames Bier brauen und Brandtwein brennen lassen», schrieb er. Und: «Sobald die Armée in den Feindes Lande ist, muss man sich sofort aller Brau- und Brandtwein-Brennereyen, so sich zunechst der Armée finden, bemächtigen.» Der Alkohol sollte den Mut, die Kampfmoral sowie den Zusammenhalt in der Gruppe stärken.

    Ausserdem half er, mit Stress, Erschöpfung und Langeweile umzugehen. Praktisch war er aus einem weiteren Grund: Er machte es einfacher zu töten.

    Töten im Krieg ist kein Instinkt

    Regina Surber ist Philosophin, Kriegs- und Friedensethikerin und Postdoktorandin an der UZH. Sie fragt sich: Darf man das? Mit ihrer Forschung hat sie zwar nicht Rauschmittel im Visier, sondern militärisches Training, das Soldaten zum Töten befähigt.

    Doch im Grundsatz betrifft es dieselbe moralische Frage: Ist es erlaubt, Menschen in einen Zustand zu bringen, in dem sie keine Hemmungen mehr haben, andere zu töten?

    Seit ungefähr 14’000 Jahren führen die Menschen organisierten Krieg. Das ist eine relativ kurze Zeit in der Menschheitsgeschichte. Zum Vergleich: Den Homo sapiens gibt es seit 300’000, seine Urvorfahren sogar schon seit drei Millionen Jahren.

    Dank der Archäologie, der Anthropologie und der Evolutionsbiologie wissen wir, dass die Sesshaftigkeit und mit ihr die Entstehung von Eigentum und sozialen Hierarchien zu den Haupttreibern von organisierter Kriegsgewalt gehörten.

    Schliesslich zeigt die Neurobiologie: Wenn Menschen, die nicht neurologisch krank sind, Gewalt anwenden, werden dieselben Hirnregionen gebraucht, die auch bei Angst, Ekel oder Scham aktiv sind. Gewalt ist demnach kein Instinkt wie Essen oder Fortpflanzung – nichts, was Freude macht. Sie ist immer eine Reaktion auf eine gefühlte oder wahrgenommene Bedrohung.

    Absichtlich daneben schiessen

    Wir haben den Krieg also nicht in unserem Blut. Der amerikanische Militärhistoriker S. L. A. Marshall sprach nach dem Zweiten Weltkrieg mit Tausenden Soldaten aus rund 400 Infanteriekompanien der amerikanischen Armee. Seine erstaunliche Erkenntnis: Weniger als 25 Prozent der Soldaten hatten tatsächlich auf ihre Gegner geschossen – der Rest feuerte entweder nicht oder schoss bewusst daneben.

    Bekannt sind auch die Experimente des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram, der Versuchsteilnehmerinnen und Versuchsteilnehmer dazu aufforderte, Schülern elektrische Schläge zu versetzen, wenn diese Fehler machten. Was diese nicht wussten: Sowohl Versuchsleiter als auch Schüler waren Schauspieler.

    Erstaunlicherweise brachen die wenigsten Probanden das Experiment ab, selbst wenn die Stromschläge immer stärker wurden und die Schüler um Abbruch des Experiments baten. Milgram folgerte daraus, dass die meisten Menschen unter bestimmten Bedingungen bereit sind, schwere Gewalt anzuwenden, weil sie geneigt sind, einer Autorität statt ihrem Gewissen zu folgen.

    «Spannend und wenig zitiert ist hingegen», sagt Surber, «dass die Menschen keine Elektroschocks zufügten, wenn der Versuchsleiter sie nicht dazu anwies oder wenn neben dem zur Gewalt anspornenden Leiter einer stand, der den Teilnehmenden sagte, sie müssten dies nicht tun.» Nur schon wenn der Versuchsleiter den Raum verliess oder die Menschen sich im selben Raum wie ihre «Opfer» befanden, wendete fast niemand mehr Gewalt an.

    Hemmungen wegtrainieren

    Auch wenn manche dieser Experimente aus den 1940er- und 1960er-Jahren später wegen ihrer Methodik angezweifelt wurden, so herrscht heute in der Wissenschaft doch Einigkeit darüber, dass Menschen eine natürliche Hemmung haben, Gewalt anzuwenden. Indirekt bewiesen haben das auch die Armeen selbst. Belegt ist, dass das US-Militär auf Basis solcher Studienergebnisse seine Ausbildung anpasste.

    «Nach dem Zweiten Weltkrieg fing die amerikanische Armee damit an, Soldaten auf eine besondere Art zu trainieren, um die Schiessmomente zu erhöhen», sagt Surber. Damit hatte sie Erfolg. Im Vietnamkrieg schossen gemäss einer Studie 95 Prozent der amerikanischen Soldaten auf andere Menschen – also rund 70 Prozent mehr als noch im Zweiten Weltkrieg.

    «Dass sich durch die Trainings ein derart deutlicher direkter Effekt zeigte, scheint zu bekräftigten, wie stark die natürlichen Hemmungen tatsächlich sind», so die Philosophin, die für ihre Arbeiten auf viele Erkenntnisse anderer Disziplinen zurückgreift – Archäologie, Evolutionsbiologie, Neurobiologie und Kriegsgeschichte – und diese vorgängig von Fachleuten validieren lässt.

    Auf menschenähnliche Ziele schiessen

    Für das Gespräch hat Surber den Garten des Ethikzentrums der UZH im Zürcher Seefeld vorgeschlagen, wo sie arbeitet. Ihre Teetasse hat sie auf den kleinen Steintisch gestellt, selber setzt sie sich auf die Kante einer hüfthohen Mauer. Immer wieder macht sie lange Pausen, um nachzudenken. Wenn sie dann spricht, kommt sie gleich auf den Punkt.

    «Diese Kampftrainings, die ich in Anlehnung an andere Forscher mentale und physische Konditionierung nenne, befähigen Soldaten, wiederholt und systematisch zu töten», sagt sie. Es ist eine ihrer Hauptbeobachtungen, die sie in mehreren ihrer Arbeiten ausführt. «Das führt für mich zur Frage, ob sie moralisch zu rechtfertigen sind.»

    Um mehr über die Methoden dieser Trainings herauszufinden, hat sich Surber unter anderem während eines ihrer Aufenthalte in Oxford mit einem ehemaligen Offizier der US Army unterhalten. Die Trainings sind aber auch in zahlreichen Studien beschrieben. Zum körperlichen Drill gehört das Schiessen auf menschenähnliche Ziele, die umfallen, wenn sie getroffen werden, sowie Kämpfe in detailgetreuen Modellstädten und Trainings mit Computersimulationen.

    Trainings verbieten

    Mit unzähligen Wiederholungen soll das Töten zur Routine gemacht werden. Ebenso wichtig wie diese physische Konditionierung sei die mentale: Indem die Soldaten möglichst davon überzeugt würden, dass das Töten gegnerischer Soldaten nicht per se falsch sei, sondern dass es im Kampf auf Aggression, Eroberung und Vorherrschaft ankomme, werde versucht, die eigene moralische Urteilsfähigkeit der Männer einzuschränken oder zu umgehen, so Surber.

    Surber kommt in ihren Arbeiten deshalb zum Schluss, dass militärische Konditionierung möglicherweise die Menschenwürde der Soldaten verletzt – und sie schlägt vor, solche Kampftrainings im internationalen Völkerrecht zu verbieten.

    Im Gespräch im lauschigen Garten führt Regina Surber aus, warum sie mit ihren Schlussfolgerungen bei manchen Grössen ihres Fachs aneckt. «Ich habe festgestellt, dass populäre Theorien der Kriegsethik von einem eher realitätsfremden Bild des Kriegs und der Menschen ausgehen. Wenn ich behaupte, dass alle Elefanten fünf Beine haben und dann etwas über diese Elefanten aussage, dann bringt uns das nicht viel. Weil es eben nur für alle Elefanten mit fünf Beinen gilt.»

    Kann Krieg gerecht sein?

    Worum geht es? Die Philosophie beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit dem Krieg. Zwar kann die Philosophie die Frage nicht direkt beantworten, warum es Krieg gibt.

    Denn es ist eine Frage nach den Ursachen von empirischen Tatsachen. Dafür sind andere Disziplinen da. «Aber die Philosophie kann helfen, über Dinge nachzudenken», so Surber.

    Noch heute stehe in ihrem Fachgebiet grosso modo dieselbe Frage im Zentrum wie im Mittelalter: Wann ist Krieg gerecht?

    Wenn es um konkrete Kriege geht wie den Ukraine- oder den Irankrieg, halten sich manche Philosophen bewusst zurück. Auch Surber, die sagt: «Allein um zu beurteilen, was die gerechte Strafe für einen Mord ist, braucht die Justiz oft mehrere Jahre. Da kann man von der Philosophie nicht erwarten, mir nichts dir nichts zu klären, ob man 10’000 Menschen töten darf.»

    Sieben Voraussetzungen

    In der Theorie aber hält das Fach eine Antwort bereit. Die Philosophie nennt sieben Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit ein Krieg gerecht ist. Einige davon: Es braucht einen gerechten Kriegsgrund wie einen aggressiven Überfall oder einen Völkermord.

    Der Krieg darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Es braucht eine realistische Chance, dass das Ziel erreicht werden kann. Das verursachte Leid darf nicht schwerwiegender sein als das beseitigte Unrecht.

    Allerdings lassen die Formulierungen viel Spielraum für unterschiedliche Deutungen. Surber sagt denn auch: «Der einzige Krieg, bei dem sich die meisten Kriegsethiker einig sind, dass alle Kriterien zutreffen, dass es also ein gerechter Krieg war, war jener gegen Hitler.» Die Philosophie müsse sich also die Frage stellen, ob es so etwas wie einen gerechten Krieg in der Praxis überhaupt geben könne.

    «Oder ob das letzten Endes nur in der Theorie funktionieren kann.»

    Verantwortung der Soldaten

    Thematisiert wird auch die moralische Verantwortung der Soldaten. Seit den 1990er-Jahren sind in der Philosophie sogenannte revisionistische Theorien des gerechten Kriegs populär. Diese sehen Soldaten als rational handelnde Menschen an.

    Ein Recht zum Töten haben für solche Theoretiker nur Soldaten, die im gerechten Krieg kämpfen – also im paradigmatischen Fall der verteidigenden Partei angehören.

    «Damit wäre in der Realität jeder russische Soldat ein Mörder. Ich halte das für eine zu steile Aussage», sagt Surber. Denn: «Man muss sich die Frage stellen, ob jeder Soldat beurteilen kann, ob sein Krieg gerecht ist oder nicht, insbesondere deshalb, weil er im Training konditioniert wird, das Erstere zu denken.» Die Handlungen der Soldaten könnten nicht direkt verglichen werden mit der Gewalt, die Zivilpersonen etwa in Notwehrsituationen anwendeten.

    Mit ihren Arbeiten möchte Surber die Philosophie wieder etwas näher an die Realität heranbringen. «Wir müssen sehr genau, neutral und ehrlich beobachten, ehe wir moralische Urteile über viele andere Menschen fällen», sagt sie. In einem aktuellen Aufsatz lotet sie aus, inwiefern den Soldaten überhaupt Absicht unterstellt werden kann, wenn sie töten.

    Reflexion vs. Gewaltanwendung

    Dies hat sie auf einen übergeordneten Gedanken gebracht, der sie nicht mehr loslässt: «Ich glaube, Absicht oder absichtliches Handeln hat letztlich viel mit unserer Denkfähigkeit zu tun. Das heisst, man könnte, wie es einige Philosophen tun, sagen, wir handeln aus Gründen. Ich glaube, dass sich diese Fähigkeit zum Reflektieren mit der Anwendung von Gewalt beisst.» Diese These möchte Surber gerne in einem Buchprojekt bearbeiten.

    Solche moralischen Fragen stellte sich Friedrich der Grosse von Preussen vermutlich nicht, als er mit seinen Truppen im Jahr 1756 – drei Jahre nachdem er seine Generäle mit einem geheimen Buch über den richtigen Umgang mit den Soldaten unterrichtet hatte – im Kurfürstentum Sachsen einmarschierte. Er löste damit den Siebenjährigen Krieg gegen die Grossmächte Österreich, Russland und Frankreich aus. Der einstige Provinzstaat Preussen ging daraus als europäische Grossmacht hervor.

    Ob das damit zu tun hatte, dass Friedrich seinen Männern Bier und Schnaps in rauen Mengen bereitstellte, ist nicht belegt.

    Kommentare

    User #4466 (nicht angemeldet)

    =das indirekte töten wird doch schon anderswo trainiert, landraub, wasserraub, konzerne usw.=

    User #4891 (nicht angemeldet)

    Ich wünschte mir, dass sie stattdessen darüber forschen würde, ob Plünderungen, Brandschatzungen, Zerstörung, wie sie gerade in unsern europäischen Städten passieren, moralisch gerechtfertigt sind. Und wenn nein, wie diese verhindert, bzw bestraft werden können.

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