Yasmine Bourgeois: «Guter Unterricht muss wieder im Zentrum stehen»

Die Schule müsse sich wieder stärker auf ihren Kernauftrag konzentrieren: guten Unterricht. Das schreibt Yasmine Bourgeois im Gastbeitrag.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Gruppe von Bildungsfachleuten hat sich an die Schweizer Öffentlichkeit gewandt.
- Ziel ist es, das hohe Qualitätsniveau der Schweizer Schulen zurückzuholen.
- Gastautorin Yasmine Bourgeois ist Schulleiterin und Alt-Gemeinderätin FDP im Kanton Zürich.
- Zudem ist Bourgeois Initiantin der Förderklassen-Initiative im Kanton Zürich.
Jedes Kind hat nur eine Bildungsbiografie. Darum hat jedes Kind das Recht auf einen Unterricht, der wirklich wirkt – hier und jetzt.
Was während der Schulzeit versäumt wird, lässt sich später oft nur schwer aufholen. Umso problematischer sind Entwicklungen im Schulalltag, die guten Unterricht zunehmend erschweren.
Drei Beispiele zeigen, wo wir ansetzen müssen
Erstens die integrative Schule. Der Gedanke dahinter ist richtig: Kinder sollen möglichst gemeinsam lernen.
Doch in vielen Klassen ist die Spannweite der Lernvoraussetzungen heute so gross, dass gemeinsames Lernen kaum mehr möglich ist.
Die Lehrperson soll gleichzeitig Kinder unterrichten, die dem Stoff gut folgen, grosse Lernschwierigkeiten haben – oder aufgrund ihres Verhaltens viel Aufmerksamkeit benötigen.

Mehr Bewegung, Lärm und Unruhe
Der Unterricht zerfällt dadurch immer stärker in Einzelbetreuung. Gleichzeitig stehen mehr Stützpersonen im Klassenzimmer. Sie müssen sich absprechen und einzelne Kinder begleiten.
Das führt zu zusätzlichem Koordinationsaufwand, mehr Bewegung, Lärm und Unruhe. Die Lehrperson organisiert zunehmend Fördermassnahmen, statt die Klasse als Ganzes zu führen.
Darunter leidet die Beziehung zwischen Lehrperson und Klasse, die für erfolgreiches Lernen zentral ist.
Integration ist wünschenswert, aber nicht auf Biegen und Brechen. Nicht jedes Kind profitiert in jeder Situation von der Regelklasse. Entscheidend muss sein, welche Form der Förderung seinen Bedürfnissen tatsächlich entspricht.
Immer mehr Aufgaben
Zweitens wird die Schule mit immer mehr Aufgaben überladen. Lehrpersonen sollen neben dem Unterricht zusätzliche Programme durchführen, Präventionsarbeit leisten und immer neue gesellschaftliche Themen behandeln.
Vieles davon ist sinnvoll und gut gemeint. Doch: Jede zusätzliche Aufgabe beansprucht Zeit, und der Schultag wird dadurch nicht länger.
Was neu hinzukommt, verdrängt zwangsläufig etwas anderes. Qualität entsteht nicht durch mehr Vorhaben, sondern durch konsequente Umsetzung von relevanten Themen.
Unterricht auf Kernkompetenzen ausrichten
Zu oft fehlt diese Zeit beim Wesentlichen: beim Lesen, Schreiben und Rechnen, beim sorgfältigen Üben und beim konzentrierten Lernen.
Diese Grundlagen entscheiden darüber, ob Kinder später einer Ausbildung folgen und ihr Leben selbstständig gestalten können. Deshalb müssen wir den Unterricht wieder viel mehr auf die Kernkompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen – ausrichten.
Viel Administration
Drittens werden auch Schulleitungen zunehmend von Administration gebunden. Berichte, Abklärungen, Konzeptpapiere und Controlling nehmen einen immer grösseren Teil der Arbeitszeit ein.
Dazu kommt eine Schulbeurteilung, bei der nicht evaluiert wird, was die Kinder tatsächlich können.
Im Zentrum stehen stattdessen vordefinierte Kriterien, die Beobachtung der Lehrpersonen im Unterricht und die Frage, wie viele Konzeptpapiere eine Schule vorweisen kann. Das sagt aber nur beschränkt etwas über den Lernerfolg der Kinder aus.
Aufgabe einer Schulleitung liegt im Schulhaus
Natürlich braucht eine professionell geführte Schule klare Abläufe und Rechenschaft. Doch Verwaltung darf nicht zum Selbstzweck werden.
Wer seine Zeit vor allem mit Formularen, Berichten und Konzeptpapieren verbringt, kann seine Führungsaufgabe nicht ausreichend wahrnehmen.
Die Aufgabe einer Schulleitung liegt im Schulhaus: Sie muss die Unterrichtsqualität weiterentwickeln, das Team führen und insbesondere gute Rahmenbedingungen schaffen.
Darum braucht es wieder mehr Fokus auf den Kernauftrag der Schule: guten Unterricht.
Lehrpersonen brauchen Zeit zum Unterrichten und Kinder brauchen Lernbedingungen, die wirklich zu ihren Bedürfnissen passen.
Denn eines ist klar: Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Diese Zeit müssen wir so nutzen, dass Lernen tatsächlich gelingt und auf das Leben und die Arbeitswelt vorbereitet.

Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht
Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Darum hat es das Recht auf einen bildungswirksamen Unterricht. Wir Erwachsenen tragen dafür die Verantwortung.
Die heutige Volksschule wird diesem Auftrag zu wenig gerecht. Warum?
– Sie vernachlässigt das gemeinsame und systematische Lernen.
– Überfrachtete Lehrpläne und pädagogische Dogmen verdrängen das Zusammenspiel von Lehren und Lernen.
– Zentral verordnete Reformen binden Zeit und Ressourcen, entwerten das Pädagogische und tragen zu sinkenden Lernleistungen bei.
– Administration und Organisation ersticken die Freiheit und verdrängen den Sinn des Lehrberufs.
– Pädagogische Hochschulen verlieren den Bezug zur Praxis.
Darum fordern wir eine Neuausrichtung hin zu einer Volksschule, die über klare Ansprüche und systematisches Üben elementares Basiswissen sichert und so tragfähige Grundlagen fürs Leben vermittelt:
– verstehendes Lesen und kohärentes Schreiben,
– präzises Reden und begründetes Argumentieren,
– grundlegendes Rechnen,
– logisches Denken und freies Fantasieren,
– kreative und kulturelle Fähigkeiten,
– einen respektvollen Umgang und Förderung des Gemeinsinns.
Darauf müssen die Pädagogischen Hochschulen vorbereiten – und dafür müssen sie einstehen, in engem Austausch mit der Schulpraxis.
Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden.
Eine bildungswirksame Schule schafft entscheidende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Darum gehört sie ins Zentrum der Politik.
Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl,
Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., Roland Stark
Zürich, 27. April 2026







