Stadt Zürich

Werden die Schüler in der Schule infantilisiert?

Allan Guggenbühl
Allan Guggenbühl

Zürich,

«Die Kinder und Jugendlichen haben sich den Abläufen und Gesetzmässigkeit der Schule anzupassen und nicht umgekehrt», schreibt Allan Guggenbühl im Gastbeitrag.

Allan Guggenbühl.
Allan Guggisberg. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Gruppe von Bildungsfachleuten hat sich an die Schweizer Öffentlichkeit gewandt.
  • Darunter ist Allan Guggenbühl (74), Schweizer Psychologe und prominenter Autor.
  • Bekannt ist Guggenbühl für seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Ausser einem Schüler in der ersten Reihe blicken alle freundlich, doch ernst in die Kamera. Einigen Mädchen lächeln schüchtern und ein Schüler hält einen Kasperli in die Höhe.

In der letzten Reihe erkennt man den Lehrer: Krawatte, Anzug und strenger Blick. Es ist kaum zu glauben, dass dieser Lehrer die rund vierzig Kinder einer fünften Klasse im Griff hatte. Wie ging das?

Das Klassenfoto, die vor rund 60 Jahren gemacht wurde, zeugt von einer fremden Schulkultur.

Die Schule hat sich geändert

Die Lehrer galten als Autoritäten, Regelverstösse wurden bestraft und der Stoff war vorgegeben. Man studierte das Schulwandbild mit dem Kälbchen, das aufgeregt vor der Gotthardkutsche flüchtet oder bemühte sich um eine schöne Schrift; und bei Diktaten gab es noch rote Dreier, ungenügend.

Die Schule hat sich geändert. Der pädagogische Diskurs räumte mit Ungerechtigkeiten, zweifelhaften Unterrichtsmethoden und der Lehrerzentriertheit auf.

Heute wird nicht Stoff gepaukt und auf Benotungen wird verzichtet, sondern der Unterricht geschieht selbsttätig.

«Es gilt, sie anzuspornen»

Nicht die Schule setzt die Ziele und Vorgaben, sondern die Schüler und Schülerinnen erarbeiten den Stoff eigenständig – und folgen persönlichen Interessen. Sie setzen individuelle Ziele und lassen sich von Vorlieben leiten.

Statt ihnen Stoff aufzudrängen, gilt es, sie anzuspornen, ihn selbst zu erarbeiten.

Im individuumszentrierten Unterricht wird der Schüler durch den Lehrer gecoacht, der den Lernprozess begleitet. Hat ein Schüler familiäre, persönliche Belastungen oder ein Trauma erlitten, dann gibt es den Nachteilausgleich.

Ziel ist jedem Schüler und jeder Schülerin gleiche Chancen zu geben, unabhängig vom Milieu. In universitären pädagogischen Milieus wird dieser Ansatz als kindgerecht und Revolution beschrieben.

Mehr Probleme, Leistungen sinken

Stimmt das? Der selbsttätige Unterricht und der Abschied vom klassischen Unterricht führten zu einer unglaublichen Explosion von Bezugspersonen. Heute gibt es keine Klassen, in denen ein einzelner Lehrer wirkt, sondern es gibt Teamteaching, Klassenassistenzen, Zivis, Schulsozialarbeiter, die sich um die Kinder kümmern. Kaum eine Lehrperson arbeitet zudem Vollzeit.

Die Folge dieses Aufgebots: Probleme in Klassen sind gestiegen und die Leistungen der Schüler gesunken oder wurden wegdefiniert: Rechtschreiben, Auswendiglernen, Stoffbüffeln gehört der Vergangenheit an. Benotungen gelten als problematisch, weil ungerecht und möglicherweise traumatisch.

Es geht um lebenslanges Lernen, soziale Kompetenzförderung und die Arbeit an einer besseren Gesellschaft.

Das tönt alles gut. Das Problem ist jedoch, dass sich die Schule eine Aufgabe gibt, die ihr gar nicht zusteht.

Bist du mit dem heutigen Schulsystem in der Schweiz zufrieden?

Frustrationstoleranz muss steigen

Die Schule hat nicht primär die Aufgabe, die Gesellschaft zu verändern und Persönlichkeitsbildung zu betreiben, sondern die nachfolgende Generation in die Gesellschaft einzuführen.

Es geht um die Vermittlung von Normen, Codes, Stoffen und Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft wichtig sind, um zu überleben und erfolgreich zu sein.

Dieser Sozialisationsprozess ist nicht nur angenehm. Frustrationen, Misserfolge müssen ertragen werden. Die Welt wartet nicht auf einen.

Schule
In der Schule gehören auch Misserfolge dazu. - Keystone

Keine Wohlfühloase

Es ist auch wichtig, dass man sich durchsetzen, disziplinieren kann, Spannungen und Frust erträgt.

Selbstverwirklichung ist nur möglich, wenn man auch zu Selbstüberwindung fähig ist. Die Kinder und Jugendlichen haben sich den Abläufen und Gesetzmässigkeit der Schule anzupassen und nicht umgekehrt. Die Schule ist keine Wohlfühloase.

Wichtig ist, dass diese Einführung in die Gesellschaft von liebevollen, kompetenten Erwachsenen begleitet wird, die auch fordern.

Basiskompetenzen der Gesellschaft

Das Lernen ist ein Nebeneffekt einer guten Beziehung zu einer Lehrperson. Diese definiert den Stoff und fordert von der 1. Klasse an, welches Verhalten erwartet wird.

Anstand, gute Umgangsformen, Ehrlichkeit, Fleiss und die Aneignung eines Bildungskanons.

Es gilt, sich auf die Basiskompetenzen unserer Gesellschaft zu konzentrieren: Rechnen, Lesen, Schreiben und ein Orientierungswissen.

Ehrliches Feedback wichtig

Natürlich sind die Schüler nicht mit allem einverstanden. Oft möchten sie lieber spielen, blödeln, gamen, chatten oder Filme schauen. Doch es ist die Aufgabe der Erwachsenen, sie in die reale Gesellschaft einzuführen.

Ehrliches Feedback und Benotungen sind wichtig. Die allermeisten Schüler brechen deswegen nicht zusammen, sondern sie können sich realistischer einschätzen und Konsequenzen ziehen.

Der aktuelle pädagogische Diskurs führt nicht zu einer kindsgerechten Schule, sondern zu einer Infantilisierung und einer Ausgrenzung der Kinder vom wirklichen Leben.

Zur Person:

Allan Guggenbühl (*1952 in Zürich) ist ein Schweizer Psychologe, Psychotherapeut und Autor. Bekannt ist er für seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Zu seinen Fachgebieten gehören Jugendgewalt, Konfliktmanagement und Gewaltprävention. Guggenbühl studierte Psychologie an der Universität Zürich. Danach absolvierte er eine Ausbildung zum analytischen Psychotherapeuten am C.G. Jung-Institut. Er gründete das Institut für Konfliktmanagement in Zürich. Zudem war er Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Guggenbühl veröffentlichte zahlreiche Bücher zu Erziehung, Pubertät, Mobbing und Jugendgewalt.

Autoren des Manifests
Die Autoren des Manifests auf einen Blick. - zvg

Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht

Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Darum hat es das Recht auf einen bildungswirksamen Unterricht. Wir Erwachsenen tragen dafür die Verantwortung.

Die heutige Volksschule wird diesem Auftrag zu wenig gerecht. Warum?

– Sie vernachlässigt das gemeinsame und systematische Lernen.

– Überfrachtete Lehrpläne und pädagogische Dogmen verdrängen das Zusammenspiel von Lehren und Lernen.

– Zentral verordnete Reformen binden Zeit und Ressourcen, entwerten das Pädagogische und tragen zu sinkenden Lernleistungen bei.

– Administration und Organisation ersticken die Freiheit und verdrängen den Sinn des Lehrberufs.

– Pädagogische Hochschulen verlieren den Bezug zur Praxis.

Darum fordern wir eine Neuausrichtung hin zu einer Volksschule, die über klare Ansprüche und systematisches Üben elementares Basiswissen sichert und so tragfähige Grundlagen fürs Leben vermittelt:

– verstehendes Lesen und kohärentes Schreiben,

– präzises Reden und begründetes Argumentieren,

– grundlegendes Rechnen,

– logisches Denken und freies Fantasieren,

– kreative und kulturelle Fähigkeiten,

– einen respektvollen Umgang und Förderung des Gemeinsinns.

Darauf müssen die Pädagogischen Hochschulen vorbereiten – und dafür müssen sie einstehen, in engem Austausch mit der Schulpraxis.

Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.

Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden.

Eine bildungswirksame Schule schafft entscheidende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Darum gehört sie ins Zentrum der Politik.

Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl,

Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., Roland Stark

Zürich, 27. April 2026

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