Hitzewelle: Kalk als Klimaanlage für Pflanzen?

«Unsere Landwirtschaft muss sich an ein Klima anpassen, das sich schneller verändert, als uns lieb ist», schreibt Kolumnistin Martin Jucker.

Das Wichtigste in Kürze
- Martin Jucker betreibt die bekannte «Jucker Farm» in Seegräben ZH.
- Auf Nau.ch schreibt Jucker regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt Jucker über die Hitze und den Einsatz von Kalk.
Wenn es uns Menschen zu heiss wird, suchen wir Schatten. Wir ziehen leichtere Kleidung an – oder setzen eine Mütze auf. Pflanzen können das nicht. Sie stehen dort, wo sie wachsen. Und wenn die Sonne brennt, dann müssen sie irgendwie damit zurechtkommen.
Das Klima wird wärmer. Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern auf unseren Feldern längst Alltag. Die Maximaltemperaturen steigen, Hitzewellen kommen früher und dauern länger. Das belastet nicht nur Mensch und Tier, sondern eben auch Pflanzen. Durch die Hitze geraten sie unter Stress.

Pflanzen schwitzen (ähnlich wie wir), indem sie Wasser verdunsten, um sich zu kühlen. Aber dieses Wasser ist nicht unbegrenzt vorhanden. Und jede Verdunstung kostet die Pflanze Energie. Wird es sehr heiss, geht es für die Pflanze ums Durchhalten. Und letztendlich ums Überleben.
In der Natur gibt es dafür einfache Lösungen. Unter einem Baum ist es für niedrigwachsende Pflanzen kühler als mitten auf einer offenen Fläche. Eine Hecke spendet Schatten. Eine gestufte Vegetation schützt den Boden und die Pflanzen darunter. In der Permakultur ist das ein Grundsatz. In der Landwirtschaft versuchen wir dasselbe – einfach unter etwas anderen Bedingungen.
Lösungen gesucht und gefunden
Auf dem Feld müssen wir nicht nur Pflanzen schützen, sondern auch Nahrungsmittel produzieren. Und zwar so, dass die Arbeit noch effizient bleibt.
Wenn jede Massnahme am Schluss die Lebensmittel stark verteuert, wird sie von vielen Konsumentinnen und Konsumenten kaum akzeptiert. Das ist nicht schön, aber es ist Realität. Darum haben wir einfachere Lösungen gesucht – und zum Teil auch schon gefunden.
Eine effektive Massnahme gegen Hitzestress sind Untersaaten. Zwischen den Kulturen – in unserem Fall den Kürbisreihen – wird eine Gras-Klee-Mischung gesät. Sie bedeckt den Boden, hält ihn kühler und hilft somit während Hitzewellen.
Nur können wir diese Untersaaten nicht gleichzeitig mit den Kürbissen säen. Dann wachsen sie den jungen Kulturpflanzen davon und konkurrenzieren sie. Also kommen sie erst später aufs Feld.
Natur hat Plan durchkreuzt
Das war bisher meistens kein Problem. Die grossen Hitzewellen rollten bei uns in der zweiten Julihälfte oder im August heran. Sie kamen also früher meistens dann, wenn die Untersaat schön gewachsen war.
Dieses Jahr wurde schon im Juni Rekordhitze gemessen. Einmal mehr hat die Natur unseren gut gemeinten Plan durchkreuzt.
Also haben wir eine Sofortmassnahme ergriffen. Wir verpassten den Pflanzen kurzerhand eine Klimaanlage. Natürlich nicht mit Strom, Kompressor und Fernbedienung, sondern mit Kalk.
Helle Flächen erwärmen sich weniger
Gerade im Juni, wenn die Sonne sehr hoch steht und die Einstrahlung maximal ist, spielt die Farbe einer Oberfläche eine grosse Rolle. Dunkle Flächen erwärmen sich stärker, helle Flächen weniger. Das kennen alle, die einmal barfuss über dunklen Asphalt gelaufen sind.
Wir haben deshalb verschiedene Kulturen mit Kalk besprüht. Kalk ist ein natürlicher Rohstoff aus Böden und Gestein. Auf den Blättern entstehen durch ihn weisse Flecken. Sprich, die Oberflächenfarbe der Pflanze wird heller und sie nimmt dadurch weniger Wärme auf. So muss sie zudem weniger Wasser verdunsten, um sich zu kühlen.
Kein Bauerntrick aus Märchenkiste
Das ist keine Esoterik und auch kein Bauerntrick aus der Märchenkiste. Der Effekt lässt sich messen. Je nach Situation kann der Kühleffekt zwei bis drei Grad betragen. Das klingt nach wenig. Für eine Pflanze während einer Hitzewelle kann genau das aber den Unterschied machen.

Für Sie als Konsumentin oder Konsument heisst das: Wenn Sie auf einem Feld Kulturpflanzen mit weissem Belag sehen, muss das kein Pestizid sein.
In unserem Fall ist es Kalk zum Kühlen. Pestizide sind heute so weit entwickelt, dass sie selten bis nie sichtbare Rückstände hinterlassen.
Neuer Kalk nach jedem Gewitter
Beim nächsten Regen wird der Kalk wieder abgewaschen. Dann kommt er dorthin zurück, wo er herkommt: In den Boden. Für die Natur ist das unproblematisch.
Für uns bedeutet es allerdings, dass wir nach jedem Gewitter wieder neuen Kalk sprühen müssen.
Der Vollständigkeit halber: Kalk kann noch mehr. Er hält teilweise auch schädliche Frassinsekten von den Pflanzen fern.
Entscheidend ist für mich aber etwas anderes: Die Landwirtschaft muss sich an ein Klima anpassen, das sich schneller verändert, als uns lieb ist. Manchmal sind die Lösungen technisch hochkomplex. Und manchmal sind sie erstaunlich einfach. In diesem Fall ist es ein weisser Belag auf einem Blatt.

Zur Person
Martin Jucker ist gelernter Obstbauer und hat sich mit der «Jucker Farm» in Seegräben ZH über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Er steht für innovative, nachhaltige und unabhängige Landwirtschaft. 2014 wurde er zusammen mit seinem Bruder Beat als bisher einziger Bauer zum Schweizer Unternehmer des Jahres gewählt.









