Stadt Zürich

«Wer einmal genau hinschaut, sieht die Stadt nie wieder gleich»

Isabella Seemann
Isabella Seemann

Zürich,

Zürich ist Lebensraum für eine erstaunlich vielfältige Vogelwelt. Lucas Lombardo von BirdLife erklärt, worauf es beim Urban Birding ankommt.

Verborgene Wildnis entdecken
Alpensegler gehören mit ihren «screaming parties» zu warmen Sommernächten. - Lucas Lombardo

Redaktion: Was fasziniert Sie persönlich am Urban Birding?

Lucas Lombardo: Mich fasziniert der Kontrast. Mitten im Beton, im Lärm und in der Hektik entdeckt man «plötzlich» eine verborgene Wildnis – einen Wanderfalken über den Dächern oder einen Eisvogel an der Limmat.

Urban Birding verändert den Blick auf den Alltag: Man nimmt den vertrauten Weg zur Arbeit oder den Heimweg vom Ausgang plötzlich mit anderen Augen – und Ohren – wahr.

Redaktion: Was macht Zürich aus Sicht eines Vogels zu einem guten Lebensraum?

Lombardo: Zürich ist strukturreicher, als man denkt. Limmat und Sihl, alte Parks mit mächtigen Bäumen, Friedhöfe, Ruderalflächen, Wälder und offene Felsen wie die Fallätsche am Üetliberg, Rebberge wie der Chillesteig, dazu die Gebäude selbst, deren Nischen, Simse und Nisthilfen für viele Arten Ersatz ihres ursprünglichen Habitats sind. Und dann ist da natürlich noch der See, der besonders für Wintergäste eine internationale Bedeutung hat.

Eisvogel
Der Eisvogel huscht wie ein blauer Pfeil über Limmat und Sihl. - keystone

Redaktion: Was könnte Zürich für seine Vögel noch besser machen?

Lombardo: Vieles beginnt in einer dicht bebauten Stadt bei den Gebäuden: Oft verschwinden bei Sanierungen die Nistgelegenheiten von Gebäudebrütern wie Mauer- oder Alpenseglern, Mehlschwalben oder weniger «spektakulären» Arten wie dem Haussperling – hier braucht es konsequent Ersatz und Nisthilfen.

Ebenso wichtig sind offene, unversiegelte Böden statt zubetonierter Flächen und generell einheimische Bepflanzung: blütenreiche Wildpflanzen statt Schotterwüsten oder englischem Rasen, der mit seiner Artenarmut mehr an Wimbledon erinnert, und als Sichtschutz Sträucher wie Tierlibaum, Schneeball oder Holunder statt Thuja-Hecken, die für Vögel und Insekten ökologisch wertlos sind.

Redaktion: Gibt es «urbane Spezialisten» unter den Vögeln, die in der Stadt sogar bessere Bedingungen finden als auf dem Land?

Lombardo: Ja, einige Arten finden hier sogar bessere Bedingungen. Die Häuserschluchten suggerieren ihnen oft ihr einstiges Habitat: steile Felsschluchten.

So nutzt etwa der Wanderfalke Hochhäuser oder Silos als Brutplatz und findet mit den Stadttauben reichlich Beute.

Der Hausrotschwanz, ursprünglich ein Vogel der Felsen und Berge, ist heute ein typischer Stadtbewohner. Und über den Dächern jagen im Sommer Mauersegler und Alpensegler, die in historischen Gebäuden oder Kirchtürmen brüten.

Redaktion: Welche Vogelarten überraschen selbst erfahrene Vogelbeobachter, weil sie mitten in Zürich vorkommen?

Eine meiner Lieblingsarten sind Mauer- und Alpensegler. Ihre Rufe läuten den Sommer ein, und ihre «screaming parties» gehören zu einer warmen Sommernacht wie das Klirren der Gläser auf den Balkonen.

Lucas Lombardo
Schaut Vögeln hinterher: Lucas Lombardo. - pd

Eher überraschend sind für viele aber Eisvögel, die wie ein blauer Pfeil kaum sichtbar über Sihl oder Limmat huschen und sich oft nur durch ihren Ruf verraten.

Redaktion: Was kann Urban Birding bewirken, über die Freude am Beobachten hinaus?

Lombardo: Sehr viel. Ich bin überzeugt: Nur wer die Vögel und anderen Lebewesen vor der eigenen Haustür kennt, schützt sie auch – Faszination ist der beste Einstieg in den Naturschutz.

Beobachtungen, die man auf Plattformen wie eBird.org meldet, liefern der Forschung wertvolle Daten.

Und ganz persönlich: Ein bewusster Blick in den Himmel, ins Gebüsch oder auf das Gewässer erdet und tut der Seele gut – mitten im Stadttrubel.

Hast du schon einmal bewusst Vögel in der Stadt beobachtet?

Meine Freunde sind längst gewohnt, dass ich ständig in den Himmel schaue oder einem Vogel nachblicke, der im Augenwinkel vorbeihuscht – auch wenn wir eigentlich nur irgendwo ein Bierchen trinken.

Redaktion: Welchen Tipp geben Sie Einsteigern, die Zürichs Vögel entdecken möchten?

Lombardo: Klein anfangen, im eigenen Quartier – ob früh morgens oder am Feierabend, vom Balkon aus oder der Sihl entlang. Ein einfaches Fernglas genügt, und KI-unterstützte Apps helfen bei der Bestimmung.

Der Lerneffekt mit solchen Apps ist jedoch gering. Deshalb empfehle ich allen Interessierten unsere Naturkurse, die unser BirdLife-Kantonalverband anbietet und in denen man Vögel, Pflanzen und weitere Arten bestimmen lernt.

Mit bird-song.ch haben wir zudem die erste Plattform geschaffen, auf der kostenlos und autodidaktisch Vogelstimmen gelernt werden können.

Am meisten lernt man aber draussen «im Feld» und auf geführten Exkursionen. Und ganz wichtig: Geduld mitbringen. Wer einmal genau hinschaut, sieht die Stadt nie wieder gleich.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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