Trotz Regen: Noch keine Entwarnung für Zürcher Wälder!

Die Regenfälle der letzten Tage bringen dem Wald am Uetliberg Entlastung. Für eine Entwarnung ist es jedoch zu früh, sagt Revierförster Nils Schönenberger.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Bäume im Wald am Uetliberg haben den Regen bitter nötig.
- Förster Nils Schönenberger erklärt, warum der kürzlich gefallene Niederschlag noch lange nicht ausreicht.
- Besonders Buchen dürften im Stadtwald langfristig weniger werden.
Der Regen. Für Hitzegeplagte und Landwirte bedeutet er langersehnte Erholung. Auch Nils Schönenberger, Förster des Waldreviers Uetliberg, freut sich über jeden Tropfen, der in den vergangenen Tagen vom Himmel gefallen ist. Denn die Bäume im Wald haben das Wasser bitter nötig.
«Entwarnung gibt es noch nicht. Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Schönenberger.
Der Boden ist nach den Hitzeperioden ausgetrocknet. Kurze Regenfälle erreichen oft nur die oberste Bodenschicht. Nach Schönenbergers Einschätzung müsste es jetzt rund drei Wochen durchregnen.

Verglichen mit anderen Regionen in der Schweiz, wo ganze Wälder und Bäume verdorrt sind, geht es dem Stadtwald verhältnismässig gut.
«Die Böden hier am Uetliberg sind tiefgründig. Die Bäume können ihre Wurzeln weit in den Boden wachsen lassen und so auch tiefer liegendes Wasser erreichen. Das ist der Grund, warum der Wald hier oben noch frisch und grün wirkt», erklärt Schönenberger. «Wir können von Glück reden.»
Trotzdem sind die Spuren des Hitzesommers deutlich sichtbar. Besonders die Buchen leiden. Einige Bäume im Alter von rund 40 bis 100 Jahren haben wegen der langen Trockenheit ihren Wasserhaushalt eingestellt.
Sie werfen ihr Laub ab und wechseln in den Wintermodus – eine Überlebensstrategie. «Bei manchen Buchen ist leider ungewiss, ob sie im kommenden Frühling überhaupt noch einmal grüne Blätter treiben werden», sagt Schönenberger.
Die Sicherheit der Waldbesucher hat für ihn oberste Priorität. Trockene Äste oder abgestorbene Kronenteile können jederzeit abbrechen. Entlang von Waldstrassen, Erholungsinfrastrukturen und Wegen müssen solche Bäume kontrolliert und im Notfall gefällt werden.
«Als Förster pflege ich den Wald und fördere ihn. Aber die Natur sagt, welcher Baum wegkommt.» Besonders anfällig sind Buchen an exponierten Standorten, etwa auf Kretenlagen. Manche werden die zunehmenden Hitzeperioden kaum überleben.
So schade das ist, Schönenberger sieht darin auch eine Chance: Wo Bäume verschwinden, entstehen Öffnungen. Licht fällt auf den Waldboden und gibt jungen Bäumen Raum zum Wachsen.
Mediterraner Stadtwald
Buchen dürften im Stadtwald langfristig weniger werden. Nach Sturmereignissen oder Käferbefall werden deshalb zunehmend Baumarten gepflanzt, die besser mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen. Dazu gehören etwa Zerreichen, Nussbäume, Edelkastanien und Eiben.
Gerade die Eibe macht dem Förster Freude. «Wir haben das Glück, viele davon im Stadtwald zu haben. Sie sind sehr resistent.» Die Samen der Eiben werden gesammelt und im Forstpflanzgarten Albisgüetli selbst zu Jungbäumen herangezogen.
Bis sie im Wald ausgepflanzt werden können, vergehen rund zehn bis fünfzehn Jahre. «Der Wald braucht Zeit. Wir Förster müssen langfristig denken.»
Aus diesem Grund laufen Testpflanzungen mit Baumarten aus südlicheren Regionen, etwa aus der Türkei. Zerreichen oder die Baumhasel könnten mit einem wärmeren Klima besser zurechtkommen. «Der Stadtwald wird mediterraner werden», prognostiziert Schönenberger. Doch das geschehe nicht von heute auf morgen.
Nicht nur die Hitze macht dem Wald zu schaffen. Auch Neophyten profitieren von den veränderten Bedingungen und müssen jedes Jahr konsequent bekämpft werden. Manche Problempflanzen verdrängen einheimische Arten und verringern die Biodiversität. Am Uetliberg hat gezielte Waldpflege sogenannte «lichte Wälder» geschaffen.
Diese offenen Waldstrukturen bieten dank des zusätzlichen Lichts am Boden seltenen Pflanzen und Insekten – besonders Schmetterlingen – einen wertvollen Lebensraum. «Das ist kostbar», sagt Schönenberger.

Eine weitere Sorge bleibt das Feuer. Wegen der grossen Waldbrandgefahr gilt im Kanton Zürich seit Juni ein generelles Feuerverbot im Wald und in Waldesnähe. Schönenberger ist froh, dass dieses früh ausgerufen wurde.
Trotzdem gebe es immer wieder Menschen, die Plakate und Absperrungen entfernen und trotzdem grillieren. «Das ist ärgerlich. Und gefährlich.»
Auch Regenschauer ändern daran nicht grundsätzlich etwas. Die Böden seien weiterhin zu trocken.
Der Klimawandel macht keinen Halt vor dem Wald. Das aktuelle Bild verdorrter Bäume und brauner Blätter zeigt die Nebenwirkungen des heissen Sommers. «Dass sich die Bevölkerung um die Bäume und die Natur sorgt, finde ichermutigend», sagt Schönenberger.
Denn Bäume sind nicht nur Kulisse. Sie spenden Schatten, kühlen die Stadt und bringen Lebensqualität. Für Nils Schönenberger ist der Regen deshalb willkommen. «Jetzt zählt jeder Tropfen.»
Bäume unter Stress
Nicht im Wald, sondern im Zürcher Siedlungsgebiet stehen rund 70'000 Stadtbäume. Besonders Jungbäume brauchen während der Anwuchsphase, also in den ersten fünf Jahren, regelmässig Wasser. Bei Trockenheit werden sie deshalb teilweise bis zu dreimal pro Woche mit bis zu 70 Litern Wasser bewässert. Grün Stadt Zürich setzt auf klimaresilientere Baumarten, grössere Wurzelräume, geeignete Baumsubstrate und ein gezieltes Regenwassermanagement. Bei Neupflanzungen soll zudem eine möglichst grosse Artenvielfalt entstehen. Eichen etwa können mit ihren Wurzeln Wasser aus tieferen Bodenschichten erschliessen.
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.






