Krankenkasse zahlt nach Ausland-Pfusch-OP 55'000.-

Immer wieder müssen die Krankenkassen teure Folgebehandlungen nach verpfuschten Schönheits-OPs bezahlen. Eine junge Zürcherin erzählt, was ihr passiert ist.

Das Wichtigste in Kürze
- Viele Schweizerinnen und Schweizer gehen für Schönheits-OPs ins Ausland.
- Nicole (31) aus Zürich war eine von ihnen – eine Entscheidung, die sie bereut.
- Nach ihrer Brust-OP erlitt sie Komplikationen. Doch der Arzt war plötzlich unerreichbar.
- In der Schweiz wurden teure Folgebehandlungen nötig. Das zahlt die Krankenkasse.
Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer legen sich für die Schönheit unters Messer. Viele gehen dafür ins Ausland, wo die Preise oft günstiger sind als in der Schweiz.
Nur: Auch zu Komplikationen kommt es häufiger, wie Studien zeigen. Eine Betroffene ist Nicole (31) aus Zürich. Als sie nach ihrer OP merkte, dass etwas nicht stimmt, war ihr Chirurg aber plötzlich nicht mehr erreichbar.
Bei Nau.ch erzählt sie, was ihr passiert ist.
OP für 3600 Franken statt 6000 bis 15'000
«Ich hatte immer eine sehr kleine Brust und habe mich damit nie richtig wohlgefühlt», erinnert sich Nicole. Die heute 31-jährige Zürcherin wünschte sich lange eine Brustvergrösserung.
Vor wenigen Jahren entscheidet sie sich schliesslich dafür, den Schritt zu wagen. Sie kontaktiert eine Agentur in Zug, die alles organisiert. «Operiert wurde ich in der Türkei», erzählt sie.

«Der Gesamtpreis lag bei 3600 Franken. Darin enthalten waren der Flug, die Operation selbst und eine Nacht im Spital.»
Ein tiefer Preis. In der Schweiz kosten Brustvergrösserungen laut dem Vergleichsdienst Comparis zwischen ungefähr 6000 und 15'000 Franken.
Verkaufsgespräch statt medizinische Aufklärung
Schon damals hat Nicole ein ungutes Gefühl: «Wenn ich heute zurückdenke, muss ich ehrlich sagen, dass ich nicht wirklich überzeugt war.»
Die Beratung bei der Agentur in Zug war zwar auf Deutsch, wie die Zürcherin berichtet. Sie hat sie aber als «stark verkaufsorientiert» in Erinnerung.
«Es ging viel mehr darum, wie schön das Spital sei oder dass man mit einer Limousine vom Flughafen abgeholt werde. Aber kaum um eine echte medizinische Aufklärung.»
Rückblickend ist für sie klar: «Ich habe nicht realisiert, dass ich eher wie eine Touristin behandelt wurde als wie eine Patientin.» Sie sei «wahrscheinlich etwas naiv» gewesen.
Doch eines überzeugt sie damals: Der Preis. «Das hat meine Entscheidung stark beeinflusst.»
Implantatgrösse? Chirurg: «Entscheide im Operationssaal»
Also fliegt Nicole in die Türkei. Erst etwa zehn Minuten vor der Operation sieht sie den zuständigen Chirurgen zum ersten Mal.
«Ich hatte keine Möglichkeit, in Ruhe über die Implantatgrösse oder meine Erwartungen zu sprechen. Er meinte, er habe genug Erfahrung und entscheide das im Operationssaal.»
Die Zürcherin fühlt sich fremd. Die Mitarbeitenden im Spital sprechen untereinander Türkisch, mit ihr gebrochenes Deutsch oder Englisch.

«Als ich bereits auf dem Operationstisch lag und die Narkose vorbereitet wurde, hatte ich innerlich Zweifel.» Doch sie traut sich nicht, jetzt noch einen Rückzieher zu machen.
Danach wird das ungute Gefühl stärker. «Vor der Operation hiess es noch, ich könne problemlos am nächsten Tag zurückfliegen», erzählt sie. «Nach der Operation wurde mir dann plötzlich gesagt, es wäre eigentlich sicherer, noch ein paar Tage im Hotel zu bleiben.»
Für die junge Frau klingt das so, als wolle man mit ihr nur zusätzlich Geld verdienen. «Das hat mich sehr verärgert, und ich habe mich entschieden, trotzdem zurückzufliegen.»
Von dem Moment an bemerkt die Zürcherin, dass anders mit ihr umgegangen wird. «Als wäre ich nicht mehr die ‹gute Kundin›.»
Brust entzündet sich – Arzt «in den Ferien»
Zurück in der Schweiz geht es Nicole zunächst gut. Doch in der zweiten Woche beginnt ihre Brust, sich schwer und warm anzufühlen und ist gerötet.
«Es fühlte sich nicht normal an – wie eine beginnende Infektion.» Die Zürcherin versucht, die Klinik telefonisch zu erreichen. Vergeblich.
Auf eine E-Mail erhält sie zwar relativ schnell Antwort, allerdings nur vom Kundendienst. «Die Mitarbeiterin meinte, sie müsse das erst mit meinem Arzt besprechen. Danach habe ich zwei Tage nichts mehr gehört.»
In der Zeit verschlechtert sich Nicoles Zustand. Eine Brust ist inzwischen sehr rot und warm, der Verband nass.
Pfusch-Horror: «Das Implantat war sichtbar»
«Als ich nochmals nachgefragt habe, teilte mir eine andere Person mit, dass mein Arzt in den Ferien sei. Ich war in dieser Situation ziemlich verzweifelt.»
Nachdem sie sogar Fieber bekommt, beschliesst sie, sich in der Schweiz Hilfe zu suchen. «Eine Freundin von mir hatte ihre Brustvergrösserung bei Dr. Kelly in Zug machen lassen und war sehr zufrieden.» Also vereinbart sie dort einen Termin.
«Bei der Untersuchung wurde mir erklärt, dass ich eine Infektion habe. Die Wunde hatte sich teilweise geöffnet, sodass Bakterien eindringen konnten. Das Implantat war sichtbar.»
Sofort muss Nicole Antibiotika nehmen und das Implantat auf einer Seite entfernen lassen. «Für mich bedeutete das, dass ich erneut operiert werden musste.»
Kein kleiner Eingriff – Nicole muss ins Spital, benötigt intravenöse Antibiotika und muss stationär behandelt werden. «Das Implantat auf der betroffenen Seite wurde entfernt und das entzündete Gewebe wurde chirurgisch gereinigt.»
Nicole muss eine Woche im Spital bleiben, danach sind einmal pro Woche Kontrollen und Verbandswechsel fällig. Bis die Wunde nach ungefähr zwei Monaten verheilt ist.
Nachbehandlung kostet wegen Ärzte-Pfusch 55'000 Franken
Weil es sich um eine medizinisch notwendige Behandlung einer akuten Infektion handelt, übernimmt die Krankenkasse die Kosten.
«Ich habe später gesehen, dass sich die Gesamtkosten der Behandlung auf rund 55'000 Franken beliefen.»
Die Zeit ist für die Zürcherin belastend. Neben all den medizinischen Problemen hat sie nun auch eine asymmetrische Brust. «Deshalb habe ich mich entschieden, auch das zweite Implantat entfernen zu lassen – auf eigene Kosten.»
Schönheitschirurgin: Solche Fälle begegnen mir «regelmässig»
Wie Nicole geht es vielen. Schönheitschirurgin Dr. Kelly Vasileiadou, die der jungen Zürcherin das zweite Implantat entfernte, sagt zu Nau.ch, solchen Fällen begegne sie «regelmässig».
Brustvergrösserungen gehören laut der Ärztin zu den Schönheitsoperationen, die am häufigsten Nachbehandlungen in der Schweiz zur Folge haben.

«Viele Probleme zeigen sich erst Tage oder Wochen nach der Rückreise. Dann sind die behandelnden Kliniken im Ausland oft nicht mehr erreichbar.»
Nicole hat inzwischen gar keine Implantate mehr – heute geht es ihr gut. Vor ein paar Wochen wurde sie zum ersten Mal Mutter.
Die Erfahrung in der Türkei schreckt sie jedoch nicht vor weiteren Behandlungen ab: Wenn ihre Familienplanung abgeschlossen ist, will sie es noch einmal versuchen.
«Langfristig denke ich über eine erneute Brustoperation nach – diesmal gut informiert und unter anderen Voraussetzungen.»











