Feuerwehr-Kommandant: «Einzige Rakete kann grossen Brand auslösen»

Der 1. August muss ohne Feuerwerk und Feuer gefeiert werden. Ein Zürcher Feuerwehrkommandant sagt, warum es wichtig ist, dass sich alle an die Verbote halten.

Das Feuer- und Feuerwerksverbot in Regensdorf ZH und der Region ist eindeutig. Trotzdem halten sich einige Leute nicht daran, wie auch der jüngste Fall der Feuerwehr Regensdorf vom letzten Sonntag zeigt, bei der zum Löschen eines Grillfeuers ausgerückt werden musste.
Warum es so wichtig ist, dass sich alle an die Verbote halten, fasst der Regensdorfer Feuerwehrkommandant Laurent Cohn zusammen.

Redaktion: Haben Sie Verständnis für Menschen, die das Verbot als übertrieben empfinden, oder ist dafür angesichts der aktuellen Lage kein Platz?
Laurent Cohn: Für den Frust habe ich Verständnis – ein Feuer im Freien gehört für viele zum Sommer und auch das 1. Augustfeuerwerk ist ein Teil unserer Tradition. Ein Verbot fühlt sich nach Bevormundung an, aber für die Aussage, es sei übertrieben, habe ich kein Verständnis.
Wir haben Waldbrandgefahrstufe 4 von 5, seit Wochen keinen ergiebigen Regen und der Waldboden ist komplett ausgetrocknet. Am Sonntag brauchten wir für ein einzelnes Grillfeuer fast 1000 Liter Wasser, bis die Glut wirklich abgekühlt war.
Ein paar Wochen ohne Holzkohlegrill (Gas und Elektro bleiben ja erlaubt) gegen einen Waldbrand, den man nicht mehr rückgängig machen kann – diese Abwägung fällt für mich eindeutig aus.
Redaktion: Wie bereitet sich die Feuerwehr auf den 1. August vor? Gibt es zusätzliche Einsatzkräfte oder eine erhöhte Pikettbereitschaft?
Cohn: Der 1. August ist für uns seit jeher ein Datum mit erhöhter Aufmerksamkeit, dieses Jahr erst recht. Zu unserer Tradition gehört es, dass der Feuerwehrverein am Bundesfeiertag jeweils ein Grillfest im Depot für die Angehörigen der Feuerwehr und ihre Familien organisiert.
Das ist in erster Linie Kameradschaftspflege, hat aber den angenehmen Nebeneffekt, dass ein Teil der Mannschaft bereits im Depot ist. Damit haben wir faktisch eine Pikettstellung und ein erstes Einsatzelement kann innert kürzester Zeit ausrücken.
Selbstverständlich halten wir uns dabei ans Verbot wie alle anderen auch: Bei uns kommt der Gasgrill zum Einsatz.
Redaktion: Wie hat die Feuerwehr generell aufgerüstet, da künftig mit längeren Trockenphasen und wärmeren Temperaturen zu rechnen ist. Ist der Klimawandel bei der Feuerwehr im Einsatzalltag angekommen?
Cohn: Wir haben uns in den letzten Jahren, wie viele andere Feuerwehren im Kanton Zürich übrigens auch, intensiv mit dem Thema Wald- und Flächenbrand auseinandergesetzt. Das ist ein Szenario, das man nicht mit der normalen Ausrüstung bewältigt: im Gelände gibt es meistens keine Hydranten, die Wege sind eng, und man arbeitet über weite Strecken.
Wir haben deshalb unsere Leute ausgebildet und ein Waldbrandmodul beschafft mit speziellem Werkzeug und Löschleitungen, die genau für diese Verhältnisse ausgelegt sind.
Aber der Klimawandel ist nur eine von mehreren Entwicklungen, die wir beobachten. Regensdorf verändert sich baulich stark: dichter, höher, technisch anspruchsvoller. Auch darauf müssen wir uns einstellen.
Eine Feuerwehr, die heute noch so aufgestellt ist wie vor 15 Jahren, hat ihre Aufgabe nicht verstanden.
Redaktion: Wie gehen Sie mit Verstössen gegen das Feuer- und Feuerwerksverbot um? Welche Rolle übernimmt dabei die Feuerwehr, und welche die Polizei?
Cohn: Die Rollenverteilung ist klar: Wir sind für die Gefahr zuständig, die Polizei für den Verstoss. Wenn wir ausrücken, ist unser Auftrag, das Feuer zu löschen und die Umgebung zu sichern. Wir haben keine Polizeikompetenzen, wir büssen niemanden und wir patrouillieren auch nicht durch den Wald.

Redaktion: Ärgern Sie sich darüber, dass die Feuerwehr möglicherweise wegen einigen Unvernünftigen zusätzliche Risiken und eventuell auch Mehrkosten tragen muss?
Cohn: Ärgern ist das falsche Wort. Ausrücken ist unsere Aufgabe, dafür sind wir da. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes: Unsere Leute sind Milizfeuerwehrleute.
Sie stehen vom Familientisch auf und gehen bei 30 Grad oder mehr in voller Ausrüstung zum Einsatz – freiwillig und gerne, aber in der Erwartung, dass man das nicht leichtfertig auslöst.
Der Verursacher vom Sonntag war einsichtig und hat sich entschuldigt, damit ist es für mich gut. Was in den Kommentaren teilweise stand, ging zu weit. Wir wollen niemanden an den Pranger stellen, sondern erreichen, dass es gar nicht erst so weit kommt.
Redaktion: Gibt es Gebiete in Ihrer Gemeinde, auf die Sie am 1. August ein besonderes Augenmerk richten?
Cohn: Präventivarbeit im Sinne von Patrouillen ist nicht unsere Aufgabe, entsprechend richten wir auch kein besonderes Augenmerk auf einzelne Gebiete. Was sich dieses Jahr aber grundlegend ändert: Die traditionellen Höhenfeuer sind ebenfalls abgesagt. Das kommt uns entgegen.
In der Vergangenheit haben genau diese Feuer zu vielen Meldungen aus der Bevölkerung geführt, die sich dann als bewilligte Höhenfeuer herausstellten. Dieses Jahr fällt diese Unsicherheit weg. Wenn morgen jemand Feuer oder Rauch meldet, können wir nicht von einem kontrollierten Feuer ausgehen und wir müssen von einem Ernstfall ausgehen. Jede Meldung bekommt damit deutlich mehr Gewicht.
Redaktion: Für viele klingt es übertrieben, dass eine einzige Feuerwerksrakete einen grossen Band verursachen kann. Können Sie erklären, weshalb das keine Panikmache ist?
Cohn: Wer heute einen Spaziergang durchs Dorf macht sieht, dass an jedem Waldrand und auf jedem abgeernteten Feld Material liegt, das trockener ist als das Holz im Cheminée und das entzündet sich nicht nach Minuten, sondern innerhalb von Sekunden.
Eine Rakete explodiert in der Höhe und verteilt danach unkontrolliert heisse Ware über eine grosse Fläche. Wo diese Teile landen, bestimmt der Wind, nicht die Person, die gezündet hat.
Fallen glühende Partikel ins trockene Gestrüpp oder ins Stoppelfeld, brennt es und es entsteht ein Flächenbrand, der sich schneller ausbreitet, als ein Mensch gehen kann.
Wir brauchen von der Alarmierung bis zum ersten Wasser realistisch zehn bis fünfzehn Minuten. Das ist keine Panikmache, das ist schlicht Physik.

Redaktion: Was wünschen Sie sich von Politik und Behörden: Reichen Verbote aus oder braucht es schärfere Kontrollen und Sanktionen?
Cohn: Ehrlich gesagt weder das eine noch das andere. Verbote braucht es in einer Lage wie dieser, das ist unbestritten, aber sie ersetzen kein Urteilsvermögen. Ich wünsche mir mehr gesunden Menschenverstand: dass jemand vor dem Anzünden kurz schaut, wie es um ihn herum aussieht, statt nachzuschlagen, was gerade noch erlaubt ist.
Und mehr Miteinander. Sehe ich, dass jemand am Waldrand grillieren will, mache ich ihn auf die Gefahr und die geltenden Regeln aufmerksam.
Redaktion: Hat die Bevölkerung den Ernst der Lage verstanden – oder wird die Gefahr noch immer unterschätzt?
Cohn: Grösstenteils ist das Verständnis da und das sage ich ausdrücklich positiv. Der Einsatz vom Sonntag wurde uns von Drittpersonen gemeldet und wurde nicht zufällig entdeckt. Die Leute schauen hin. Auch die vielen Reaktionen im Netz zeigen, dass das Thema angekommen ist.
Zwei Dinge machen mir trotzdem Sorgen.
Erstens sind nicht alle informiert. Der Verursacher vom Sonntag wusste vom Verbot schlicht nichts. Zweitens die Gewöhnung: das Verbot gilt jetzt seit Wochen, es ist nichts Grosses passiert und dann schleicht sich der Gedanke ein, es sei wohl doch nicht so schlimm. Genau das Gegenteil ist der Fall: mit jedem Tag ohne Regen wird die Lage gefährlicher.
Redaktion: Haben Sie genügend Personal und Material, falls es gleichzeitig zu mehreren Bränden kommen sollte, oder wären Sie auf Unterstützung anderer Feuerwehren angewiesen?
Cohn: Für den ersten Einsatz sind wir gut aufgestellt – Personal und Material reichen aus. Kommt ein zweites Ereignis dazu oder zieht sich eines in die Länge, wird nachalarmiert.
Wir können z.B. auf die Nachbarhilfe unserer Feuerwehrkameraden aus Buchs-Dällikon zählen und bei Bedarf fordern wir zusätzliche Mittel und personelle Ressourcen beim Stützpunkt Dielsdorf an.

Redaktion: Nochmal kurz zurück zum Vorfall vom letzten Sonntag, die Emotionen in den sozialen Medien schwappten über – hat Sie das überrascht oder haben Sie damit gerechnet?
Cohn: Dass ein Beitrag zu diesem Thema Reaktionen auslöst, damit habe ich gerechnet. Überrascht hat mich aber der Tonfall. Vieles war vorverurteilend, teilweise auch schlicht aggressiv und das gegenüber einer Person, die sich vor Ort einsichtig gezeigt und entschuldigt hat.
Aufschlussreich war für mich etwas anderes. In den Kommentaren hat sich gezeigt, dass durchaus einige Leute die geltenden Regeln gar nicht richtig kennen, was wo erlaubt ist, was Waldesnähe bedeutet, wo die Grenze zwischen kantonalem und kommunalem Verbot verläuft.
Wer im Netz am lautesten über Unvernunft schimpft, weiss nicht zwangsläufig selber wirklich Bescheid.
Redaktion: Was ist abschliessend Ihre klare Botschaft an alle, die trotz Verbots Feuerwerk abbrennen wollen?
Cohn: Schauen Sie, was gerade in Frankreich, Spanien und Portugal passiert. Bei Bordeaux sind innert weniger Tage zehntausende Hektaren verbrannt, hunderttausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Das sind keine Einsätze, die nach ein paar Stunden vorbei sind.
Da stehen die Feuerwehrleute über Wochen und Monate im Einsatz und die Landschaft ist danach für Jahrzehnte eine andere. Das wollen wir hier nicht. Wer trotz Verbot eine Rakete zündet, spielt genau mit dem Risiko, einen verheerenden Brand auszulösen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Furttaler» erschienen.








