Die Stadt, die in Zürich nie entstand

Vor 55 Jahren wollte Zürich auf dem Adlisberg eine neue Stadt für bis zu 100’000 Menschen errichten.

Die Fortschrittsgläubigkeit kannte keine Grenzen. Am 2. September 1971 präsentierte Stadtpräsident Sigmund Widmer die «Waldstadt»: Vom Dolder über den Loorenkopf bis zum Zoo sollte sich ein viereinhalb Kilometer langes Band aus bis zu hundert Meter hohen Häusern erstrecken. Geplant waren 27’000 Wohnungen und 13’000 Arbeitsplätze.
Kostenpunkt: 3,8 Milliarden Franken. Dennoch versprach man sich davon eine Sanierung der Stadtfinanzen. Zürich verlor damals Einwohner.
Wohnungen wichen Büros, Familien zogen ins Umland, die Bevölkerung überalterte. Die Waldstadt sollte die Abwanderung stoppen, die Wohnungsnot schockartig lindern und die Zersiedelung im Umland bremsen.
«Sigi-Ville», wie das Projekt im Volksmund hiess, sah neben den Wohnhäusern in grosser Zahl Schulen vor, Geschäfte, Hallenbäder, Kirchen, ein Spital und eine Kehrichtverbrennungsanlage, zu der Förderbänder aus allen Gebäuden führten.
Autos sollten unterirdisch fahren, eine U-Bahn ins Zentrum führen. Auch SP-Stadträtin Emilie Lieberherr unterstützte die sozial durchmischte Stadt. Politiker und Medien schwärmten vom «faszinierenden Abenteuer», wenn es gelinge, «die unsichtbare Denkschranke des Herkömmlichen zu überschreiten».
Der Stadtrat beantragte die Rodung von 45 Hektaren Wald. Forstfachleute errechneten mit Nebenanlagen 175 Hektaren. Umwelt- und Heimatschützer protestierten, in den Leserbriefspalten tobte ein heftiger Meinungskampf.
Im Herbst 1971 verweigerte der Kanton die Bewilligung und nannte das Projekt «absolut unrealistisch». Die Wohndichte von 2000 Menschen pro Hektare sei in der westlichen Welt beispiellos.
Die Regierung bezweifelte, dass ein «der Massierung und dem Gigantismus huldigender Städtebau» der «seelischen Entfaltung des einzelnen Menschen» förderlich sei. Die Waldstadt war damit schon Geschichte.
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.






