Circus Monti gastiert auf Kasernen-Areal – das sagt Jongleur

Seit 20 Jahren steht Mario Muntwyler in der Manege. Zum Jubiläum spricht der 30-Jährige über das Zürcher Publikum, seine Freundin und fehlende Sommerferien.

Der Circus Monti der Familie Muntwyler gastiert noch bis Ende November in Zürich. Ein Gespräch mit Mario Muntwyler (30), dem mittleren Sohn, der seit 20 Jahren selbst auftritt.
Redaktion: Sie standen schon mit sechs Jahren das erste Mal in der Manege. Wie ist es, als Zirkuskind aufzuwachsen?
Mario Muntwyler: Mein erster Auftritt war 2003. Ich überredete den Regisseur, dass ich bei einer Nummer den Diabolo einwerfen darf. Seither habe ich in 20 Monti-Inszenierungen mitgemacht. Ich hatte grosses Glück, im Zirkus aufzuwachsen, es ist kein 0815-Leben.
Das Gelände war für mich wie ein Spielplatz und ich war von allerhand interessanten Leuten umgeben. Für viele Kinder ist das ein Traum.
Redaktion: Sie sind Jongleur wie auch Ihr Vater Johannes (62). Ist er für Sie ein Vorbild?
Muntwyler: Natürlich ist mein Vater mein artistisches Vorbild. Das Jonglieren habe ich von ihm abgeschaut, sodass ich schon mit drei Jahren damit angefangen habe. Doch später habe ich meinen eigenen Stil entwickelt, weg von seiner Art.
Ich bewundere meinen Vater auch menschlich. Er hat einen unglaublichen Optimismus, das Urvertrauen, dass alles gut kommt und es immer eine Lösung gibt.

Redaktion: Dieses Jahr jonglieren Sie im Duo mit dem Kanadier John Witte (29). Was ist anders?
Muntwyler: Ich habe John vor rund zwei Jahren in Prag kennengelernt. Sein Stil ist anders als meiner. Ich bin mehr auf die Technik fokussiert, er hingegen bringt Bewegung in die Nummer.
Durch ihn habe ich auf eine neue Weise gelernt, wie wichtig Choreografie für eine Darbietung sein kann. Wir haben nun beide unsere Stile kombiniert.
Redaktion: Was motiviert Sie an diesem Job?
Muntwyler: Das Publikum gibt einem ein direktes Feedback, das gibt es in vielen Jobs nicht. Es ist unbezahlbar, den Applaus und die Freude in den Augen der Leute zu sehen. Dafür mache ich das.
Ich schätze es auch, so viele soziale Kontakte zu haben. Im Zirkus hast du immer Menschen um dich herum.
Redaktion: Wie sieht Ihr Alltag aus?
Muntwyler: Um 8 Uhr sitze ich im Büro und arbeite. Dann trainiere ich und gehe in die Maske. Nach der Vorstellung pflege ich die Kontakte im Buffetzelt. Um Mitternacht ist der Tag dann vorbei.
Redaktion: Gibt es auch Schattenseiten am Zirkusleben?
Muntwyler: Es bleibt wenig Zeit nebenbei. Ich hatte zum Beispiel noch nie Sommerferien. Auch meine Freunde zu treffen, ist nicht einfach.
Aber sie wissen ja, wo ich bin, und kommen für einen Kaffee vorbei. Es ist einfach so, ich kenne nichts anderes. Das Positive überwiegt aber.
Wir schaffen etwas Sinnvolles, denn die Menschheit braucht und will Kultur. Und ich geniesse es, mit den Leuten zusammen zu sein, wir sind wie eine kleine Familie.
Redaktion: Während der Tournee leben Sie in einem 25 Quadratmeter grossen Wohnwagen. Wird es da nicht eng?
Muntwyler: Nein, gar nicht. Der Wohnwagen ist sehr komfortabel. Er ist mit Dusche, WC, Küche und Waschmaschine ausgestattet.
Ich brauche nicht mehr. Ausserdem schätze ich es, mehr draussen zu sein. Aber es ist auch immer wieder schön, in meine Wohnung in Baden AG zurückzukehren.
Redaktion: Sie wohnen mit Ihrer Freundin Nicole Martres zusammen. Was lieben Sie besonders an Ihrer Beziehung?
Muntwyler: Ich schätze ihre Gelassenheit. Sie bringt Ruhe in den ganzen Trubel und ist mein Ruhepol. Wir haben uns in der Saison 2024 kennengelernt, sie ist als Artistin spezialisiert auf Handstand und Zopfhang.
Mittlerweile hat sie ihren Wohnsitz von Frankreich in die Schweiz verlegt. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zukunft.
Redaktion: Sie haben wegen Arthrose ein künstliches Hüftgelenk bekommen. Wie haben Sie sich in die Manege zurückgekämpft?
Muntwyler: Ich werde seit Februar von einem Physiotherapeuten betreut. Er begleitet uns jetzt auch für diese Saison, so dass alle Artisten davon profitieren. Wegen der Arthrose hatte ich grosse Schmerzen, das kommt von einer Fehlstellung und der vielen Bewegung. Doch jetzt habe ich mich gut erholt und bin wieder voll belastbar.
Redaktion: Das diesjährige Programm «Poussière d’étoiles» lebt von leiser Magie. Ist dies das Erfolgsrezept vom Circus Monti?
Muntwyler: Wir erzählen Geschichten mit Witz, die wie ein roter Faden durch den Abend führen. Dabei erfinden wir uns jedes Jahr immer wieder neu und gehen auch immer wieder Risiken ein. Diesen Mut, Neues auszuprobieren, zeichnet den Circus Monti aus.
Redaktion: Was schätzen Sie am Zürcher Publikum?
Muntwyler: Man spürt, dass die Zürcher kulturaffiner sind als an anderen Orten. Da sie schon viel gesehen haben, sind sie vielleicht kritischer, schätzen aber unsere Leistung umso mehr. Es ist ein gutes Publikum.

Redaktion: Erst kürzlich haben Sie Ihren persönlichen Rekord gebrochen und mit zehn Bällen gleichzeitig jongliert. Was wollen Sie noch erreichen?
Muntwyler: Was das Jonglieren angeht, habe ich keine grossen Ambitionen. Ich bin zufrieden, wenn ich in der Manege stehen darf, mehr brauche ich nicht. Doch es ist mir wichtig, dass die Leute noch in 30 Jahren Lust verspüren, den Circus Monti zu besuchen. Meine Brüder Nicola und Tobias und ich wollen die Zukunft des Montis sichern.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.





