Stadt Zürich

«Atom-Kopfsalat» und falsche Strahlenexperten in Zürcher Läden

Keystone-SDA Regional
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Zürich,

Vor 40 Jahren erreichte die Angst vor radioaktiver Strahlung auch den Kanton Zürich. Falsche Experten besuchten Geschäfte und die Gemüseproduzenten wehrten sich nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegen die Empfehlungen des Bundes.

Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kam es 1986 zu Demonstrationen in der Schweiz, auch in Zürich. (Archivbild)
Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kam es 1986 zu Demonstrationen in der Schweiz, auch in Zürich. (Archivbild) - KEYSTONE/STR

Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe waren bis nach Zürich zu spüren: Ab dem 30. April gab es in der Ostschweiz Niederschläge, die zu radioaktiven Ablagerungen führten, auch das Zürcher Oberland war am Rand betroffen. Der Bund empfahl unter anderem, im Freiland angebautes Gemüse zu waschen und bestimmte Gemüsesorten zu schälen.

Der Gemüseproduzenten-Verband wehrte sich. Zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe kritisierte er die Verhaltensempfehlungen der Behörden als «ungenügend und irreführend». Er wies darauf hin, dass in der Schweiz Kopfsalat und alle anderen Blattgemüse gegenwärtig mit dem radioaktiven Ausfall überhaupt nicht in Berührung kämen, wie die Nachrichtenagentur SDA damals schrieb.

Das Gemüse stamme «samt und sonders aus überdecktem Anbau und wird mit Grundwasser bewässert». Direkte gesundheitliche Folgen durch den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln konnten bei der Schweizer Bevölkerung nicht festgestellt werden, schrieb denn auch das BAG auf seiner Website.

Während die Gemüseproduzenten also die Angst vor dem «Atom-Kopfsalat» zu zerstreuen suchten, waren in Zürcher Lebensmittelgeschäften an zwei Tagen Anfang Mai falsche Strahlenmess-Trupps unterwegs.

Sie brachten an Gestellen mit Frisch- und Milchprodukten Kleber mit der Aufschrift «Vorsicht Strahlengefahr» an. Dem Personal machten die «Experten» weis, sie seien Strahlenschutz-Leute und handelten im Auftrag des «Eidgenössischen Reaktorforschungs-Instituts».

Das Institut existierte tatsächlich von 1955 bis 1988. Danach ging es im Paul Scherrer Institut auf. Die Urheber der Aktion konnten damals aber nicht eruiert werden. Die Zürcher Stadtpolizei sprach von «Panikmache».

Anfang Mai zogen auch einige Demonstrationszüge durch die Zürcher Strassen. Am 6. Mai etwa forderten rund 1000 AKW-Gegnerinnen und Gegner das Ende der Atomenergie in der Schweiz. Sie verlangten auf Flugblättern, dass alternative Energieträger gefördert werden.

Ein Sprecher verurteilte ausserdem die Informationspolitik der sowjetischen Behörden. In einem Flugblatt der Organisatoren hiess es damals, Tschernobyl stelle nur «die Spitze des Eisberges» dar. Von nun an müsse mit radioaktiver Verseuchung «als einer Begleiterscheinung der Atomenergie» gelebt werden. Die Demonstration blieb gemäss der Stadtpolizei friedlich.

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