«Man muss die Eltern kritisieren, nicht die Kinder!»

Kinder brauchen Regeln – und öffentliche Räume brauchen Rücksicht. Verena Brunschweiger hinterfragt, wo die Grenzen von Eltern und Kindern liegen.

Das Wichtigste in Kürze
- Dr. Verena E. Brunschweiger schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über Rücksicht, Erziehung und die Frage, wo Kinder im öffentlichen Raum Grenzen brauchen.
- Im Park «Seleger Moor» in Kanton Zürich schreien Kinder im Sinnesgarten.
Auch im Herbst besticht das «Seleger Moor» zwischen Rifferswil und Hausen am Albis durch «poetische Schönheit». Auf der Website wird der Park im Kanton Zürich völlig zurecht als «magisches Naturparadies» angepriesen.

Kindergeschrei im Sinnesgarten
Es ist ein wunderschöner Ort der Stille. Die Natur kann erlebt werden, Achtsamkeit ist ein Thema. Zahlreiche Tiere bewohnen diesen Park. Es ist also durchaus angebracht, dort nicht laut zu kreischen und zu trampeln. Und dadurch die Eichhörnchen, Vögel und so weiter zu erschrecken und zu verscheuchen.
Aber da kann man vielleicht noch argumentieren, den armen Kindern könne man doch unmöglich zumuten, auf die Tier- und Pflanzenwelt Rücksicht zu nehmen.
Im Falle des «Sinnesgartens mit Barfussweg» im Park jedoch ist es meines Erachtens durchaus erforderlich, ihnen zu erklären, was das überhaupt ist – und warum man dort auch tatsächlich etwas ruhiger sein sollte.
Die ganze Pointe eines solchen geht komplett verloren, wenn Kleinkinder um einen herum brüllen. Und wieder einmal fragt man sich unweigerlich, was Eltern dazu treibt, Leute zwischen 0 und 10 Jahren auf einen solch achtsamen Schweigepfad mitzunehmen?

Wahrscheinlich, weil sie auch lieber in der Altstadt am Zierbrunnen planschen statt in ein Schwimmbad oder an den Fluss zu gehen? Oder lieber an Gebäudeteilen klettern, die nicht dafür geeignet sind, statt sich in einen Abenteuerspielplatz zu begeben?
Es scheint sich um eine ausgeprägte Tendenz bei manchen Eltern zu handeln, der Allgemeinheit aufzubürden, was man selber nicht hinbekommt: Die adäquate, sozialverträgliche Erziehung der eigenen Kinder.
Das Yoga-Problem
Erst wenn man das geschafft hat, sollte man mit seinem Clan im Schlepptau öffentliche Räume heimsuchen. Vielen ist das aber einfach nicht vermittelbar: Da werden beim Erwachsenen-Yoga Vierjährige mitgezerrt («Ich fand leider niemanden, der heute auf ihn aufpasst …»).
Wen interessiert schon, dass Ruhebedürftige Yoga betreiben wollen, um sich mal richtig zu entspannen, was naturgemäss nicht möglich ist, wenn Vierjährige im Hintergrund Lärm machen.

Bitte mehr Rücksichtnahme
Insofern plädiere ich für mehr Rücksichtnahme auf Menschen, die sich zeitgleich im öffentlichen Raum aufhalten. Es geht nicht nur um die Kinder, da sind auch noch andere Personen, deren Bedürfnisse auch zählen.
Aber die Fähigkeit, das zu erkennen, ist manchen Eltern leider völlig abhandengekommen, weswegen es Massnahmen wie den kinderfreien Campingplatz und dergleichen dringend braucht.
Bestimmte Einrichtungen sind einfach von Haus aus nicht kindgeeignet. Und wenn Eltern das nicht von sich aus einsehen, muss ihnen über klares Reglement klargemacht werden, dass ihre Wünsche nicht wichtiger sind als die der anderen Menschen.
Kinder brauchen Regeln
Man kann einfach nicht schlichtweg alles in einen Spielplatz umwandeln. Kinder brauchen Regeln und Grenzen.
Eltern, die ihren Erziehungsauftrag nicht wahrnehmen, vergehen sich nicht nur an den Mitmenschen. Sondern eben auch an den Kindern, denen sie glauben, einen Gefallen zu tun, wenn sie sie alles tun lassen, worauf diese gerade Lust haben.

Zur Autorin
Dr. Verena E. Brunschweiger, Autorin, Aktivistin und Feministin, studierte Deutsch, Englisch und Philosophie/Ethik an der Universität Regensburg. 2019 schlug ihr Manifest «Kinderfrei statt kinderlos» ein und errang internationale Beachtung.




