Stadt Zürich

«Zeit für einen Zürcher Schwingerkönig wäre überreif!»

Thomas Renggli
Thomas Renggli

Zürich,

Der Schwingklub Zürich setzt Massstäbe, historisch und grössenmässig – auch dank dem exklusivsten Fest der Schweiz. Eine Kolumne von Thomas Renggli.

Thomas Renggli
Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Autor von zwei Büchern.
  • Heute schreibt er über den Schwingklub Zürich.
  • Hat der Schwingsport in der Stadt Zürich eine Zukunft?

Vom Zürcher Rigiblick – der Name lässt es erahnen – sieht man bis ins historische Ursprungsland der Schweiz. Doch davon abgesehen ist an dieser Adresse im Zürcher Stadtkreis 6 der Einfluss der alten Eidgenossen verschwunden.

Wilhelm Tell hätte kaum am Zürichberg Rast gemacht. Und als Kulisse für einen Heimatfilm gibt es auch passendere Orte. Ein Swinger-Club scheint hier definitiv näher als ein Schwingerklub.

Auf den zweiten Blick ist am Rigiblick aber alles anders. Nur ein paar Schritte von der Seilbahnstation und der Tramhaltestelle entfernt befindet sich eine der aussergewöhnlichsten Sportanlagen der Stadt.

Schwingerhalle am Rigiblickplatz
Die Schwingerhalle am Rigiblickplatz in Zürich. - zvg

Hier schlägt der Puls unserer Ahnen fast so stark wie im Landesmuseum oder auf dem Lindenhof – in der mehrstöckigen Halle des Schwingklubs Zürich. «Eine der schönsten im ganzen Land», wie der frühere Obmann des Eidgenössischen Schwinger-Verbands Ernst Schläpfer, ein Appenzeller, sagt.

Tatsächlich ist die Welt, die sich dem urbanen Besucher hinter den hölzernen Türen eröffnet, überraschend und beeindruckend zugleich: Ein Schwingplatz mit 40 Kubikmetern Sägemehl, eine Tribüne für ungefähr 30 Zuschauer. Im Untergeschoss gibt es Garderoben, Toiletten und Duschen. Im Keller einen Kraftraum.

Pittoreskes Schwingerstübli

Gesellschaftliches Herzstück in den 46-jährigen Gemäuern ist das pittoreske Schwingerstübli. Plakate denkwürdiger Feste zieren die Wände. Dunkle Holzbalken an der Decke verleihen dem Raum eine heimelige Atmosphäre. Auf den Stühlen sind die Namen der Ehrenmitglieder eingeschnitzt.

Der Schwingklub Zürich ist der älteste der Schweiz (beziehungsweise der Welt) – gegründet 1887 von schwing- und turnbegeisterten Mitgliedern des Jodler-Sextetts des Turnvereins Alte Sektion Zürich. Einmal im Jahr geben die Jodler noch heute den Ton an – an der Berchtoldsfeier, welche aus Anlass des Geburtstags des Schwingklubs steigt.

Kein weiteres Zürcher Stadionproblem

Die Schwinger an der Limmat sind in einer privilegierten Situation. Im Gegensatz zu den lokalen Fussball-Klubs haben sie kein Stadionproblem. Die Halle befindet sich in Klubbesitz – an einer Lage, an welcher der Quadratmeterpreis über 10'000 Franken beträgt.

Die Ausnahmestellung des SKZ steht in direktem Zusammenhang mit dem traditionsreichen Kilchberger Schwinget. Der Zürcher Stadtklub tritt bei diesem alle sechs Jahre stattfindenden eidgenössischen Anlass als Organisator auf – das nächste Mal am 5. September 2026. «Darum beneiden uns viele», sagt Ruedi Schweizer, langjähriges Vorstandsmitglied und seit bald 20 Jahren als Klubpräsident höchster Stadtzürcher Schwinger. «Der Kilchberger ist in vielen Dingen einzigartig: Es sind nur die 60 Bösesten zugelassen. Und es wird auf nur zwei Plätzen gekämpft.»

60'000 Ticketanfragen

Rund 60'000 Ticketanfragen gehen jeweils für diesen exklusiven Anlass ein. So hat das Fest eine direkte Auswirkung auf die erstaunliche Grösse des Zürcher Schwingklubs. Rund 1300 Namen umfasst seine Mitgliederliste – mehr als in jedem anderen Klub. Allerdings sind praktisch alle Passivmitglieder, die sich damit bessere Chancen auf eine Einladung nach Kilchberg erhoffen.

Obmann Schweizer stellt aber klar: «Es kommen nur Mitglieder zum Zug, die schon einige Jahre dabei sind – oder sich speziell engagieren.»

So oder so: Bei einem Jahresbeitrag von 25 Franken stehen Aufwand und Ertrag in einem tolerierbaren Verhältnis.

Hat der Schwingsport in der Stadt Zürich eine Zukunft?

Wo bleibt der Nachwuchs?

Wesentlich schwieriger ist es, die Zürcher Sportfreunde selbst ins Sägemehl zu locken. Der Technische Leiter Roger Burkhart kämpft quasi gegen Windmühlen: «Das Freizeitangebot in der Stadt ist enorm gross. Es sind nicht nur Fussballklubs, die uns Konkurrenz machen, sondern auch die unzähligen Orte, wo andere Kampfsportarten trainiert werden können.»

Die Zürcher Jungschwinger heissen Enzner Simon, Zellweger Jonas oder Schatt Nino. Secondos – in den meisten Sportklubs tragende Säulen – sucht man vergeblich.

Bleibt die Schlüsselfrage: Hat der Schwingsport in der Stadt Zürich eine Zukunft?

Burkhart ist optimistisch: «Traditionelle Werte werden heute eher wieder wichtiger. Vielleicht können ja auch wir von dieser Entwicklung profitieren.»

Die Zeit für einen Schwingerkönig aus Zürich wäre auf jeden Fall überreif. Der letzte (und einzige) hiess Thommen Karl. Er gewann den Titel 1923 in Vevey.

Zum Autor

Der Zürcher Journalist und Buchautor Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Verfasser der Bestseller «Schwingen, die Bösen – ein Schweizer Phänomen» und «Brienzer, Kommerz und Halligalli».

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