Sexistische Sprüche kommen in Zürich an den Pranger

Kussgeräusche, «Catcalling» und unerwünschte Berührungen: Auf der Stadtzürcher Meldeplattform «Zürich schaut hin» werden pro Tag im Schnitt 1,5 Vorfälle gemeldet. Die Stadt führt das Projekt gegen Belästigungen deshalb weiter.

«Ein Paar redet respektlos über Lesben und Schwule», «An der Bushaltestelle wird eine Transfrau angepöbelt», «Ein Mann fasst einer Frau beim Einsteigen in den Bus an den Po»: Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) könnte noch ewig aus den anonym eingegangenen Meldungen vorlesen.
Seit dem Start der Meldeplattform «Zürich schaut hin» gingen 2581 selbst erlebte Vorfälle und Beobachtungen ein. Im Schnitt 1,5 pro Tag. Am Montag gab Mauch vor den Medien deshalb bekannt, dass das Projekt fortgesetzt wird. Es war ursprünglich bis Ende 2025 befristet, wird nun aber unbeschränkt fortgesetzt. Kosten wird dies 80'000 Franken pro Jahr.
«Ziel ist es, Belästigungen sichtbar zu machen und zu zeigen, dass sie nicht OK sind», sagte Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) dazu. «Das Projekt hat etwas bewirkt, auch wenn das natürlich nicht genau messbar ist.» Es finde ein Umdenken statt.
«Sexuelle Belästigungen werden weniger als Kleinigkeiten abgetan», sagte Rykart weiter. Dies würden Umfragen bestätigen, welche die Stadt zum Projektstart 2021 und im vergangenen Jahr durchführte.
Diese zeigten, dass Sexismus zunehmend als «eher grosses» oder «sehr grosses Problem» wahrgenommen wird, sowohl von Frauen als auch von Männern. Der Anteil der Männer, die sexistische Belästigungen 2021 noch als «eher geringes Problem» bezeichneten, ging deutlich zurück.
Die Stadt wertete alle 2581 Meldungen der Plattform «Zürich schaut hin» aus und kam zum Schluss, dass Frauen am häufigsten belästigt werden, aber auch viele Homosexuelle und Transpersonen Ziel sind von sexistischen Sprüchen oder Übergriffen.
Tatort ist dabei keineswegs nur das Nachtleben. Ein Grossteil der Vorfälle passiert im Öffentlichen Verkehr und in den Schwimmbädern. Die Plattform «Zürich schaut hin» wurde deshalb temporär in Bussen und in den Frei- und Hallenbädern beworben. Das VBZ- und Badpersonal erhielt zudem eine Schulung zu dem Thema.
Bürgerliche hatten die Meldeplattform auch schon als «Pranger» bezeichnet, auf dem Personen denunziert würden. Für Mauch ist «Pranger» jedoch das falsche Wort. Es sei ja alles anonym, sagte sie. «Und hier werden nicht Personen, sondern Verhaltensweisen an den Pranger gestellt. Und das ist auch richtig so.»
Die Meldeplattform ersetzt jedoch nicht den Gang zur Polizei. Die Website weist ausdrücklich darauf hin, sich allenfalls auch bei der Polizei zu melden und Anzeige zu erstatten. Zudem bietet sie Hinweise zu Beratungsangeboten.
Auch die Städte Bern und Luzern übernahmen inzwischen das Zürcher Anti-Belästigungs-Projekt, dort heisst es entsprechend «Bern schaut hin» und «Luzern schaut hin».
Ab dem 8. März stehen Plattform und Kampagne auch anderen Städten und Kantonen zur Verfügung. Diese können beides übernehmen. Rykart freut sich sehr darüber. Man müsse das Rad nicht immer neu erfinden.
Die Fortführung von «Zürich schaut hin» kommt nicht überall gut an. Die städtische FDP kritisierte in einer Mitteilung, dass sich die Stadtpräsidentin und die Sicherheitsvorsteherin «selbstzufrieden auf die Schultern klopfen» würden. Was die anonymen Meldungen bewirken würden, bleibe völlig im Dunkeln. Es brauche keine Meldeplattformen, sondern Zivilcourage und entschlossenes Handeln der Polizei.





