Erster Solotänzer beim Ballett Zürich macht Schluss

Nach 23 Jahren beendet Esteban Berlanga vom Ballett Zürich seine Tänzerkarriere. Bei seinem letzten Auftritt wurde er mit Standing Ovations gefeiert.

Nach seiner Vorstellung am Sonntag im Opernhaus Zürich ist nun endgültig Schluss: Der 39-jährige Spanier verabschiedete sich von der aktiven Ballettbühne. Das Publikum feierte ihn mit stehenden Ovationen. Auch Ballettdirektorin Cathy Marston würdigte den langjährigen Ersten Solisten persönlich.
Sie bezeichnete Berlanga als Ausnahmekünstler, jederzeit loyalen Kollegen und grossen Publikumsliebling. Ihre Worte und die Reaktion des Publikums machten deutlich, welchen Stellenwert Berlanga beim Ballett Zürich und bei seinem Zürcher Publikum hatte.
Seinen letzten Auftritt absolvierte er als Don José in Mats Eks «Carmen» im Rahmen von «Oiseaux Rebelles». Noch vor seinem Abschied sprach Berlanga über diesen besonderen Schlussstrich, über 23 Jahre Tanz, den Preis des Tänzerlebens und darüber, was nach dem letzten Vorhang kommt.

Redaktion: Esteban Berlanga, Ihr letzter Auftritt als aktiver Solotänzer ist ab Sonntag Geschichte. Warum war gerade Don José in Mats Eks «Carmen» der richtige Schluss für Ihre Karriere?
Esteban Berlanga: Ich glaube nicht, dass es die eine perfekte Rolle gibt, mit der man eine Karriere beendet, die so viele Jahre gedauert und mir so viel gegeben hat. Vielmehr geht es darum, dass der Zeitpunkt stimmt – und dieses Stück gehörte für mich genau zu diesem Moment.
Für mich war es ein Geschenk, den Don José in Mats Eks «Carmen» zu tanzen und ein kleines Stück meiner eigenen Seele in die Rolle einfliessen zu lassen. Als spanischer Tänzer Don José zu verkörpern, fühlte sich wie eine wunderschöne Art an, dieses wunderbare Kapitel meines Lebens zu schliessen.
Redaktion: Ihr Abschied war ein längerer Prozess. Wann wurde aus dem Gedanken «Ich muss mich schonen» das endgültige «Das war's»?
Berlanga: Mein «Das war's» hatte nichts mit einer Verletzung zu tun. Ich hatte einfach das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen war, mich von der Bühne auf diesem Niveau zurückzuziehen. Es waren viele Jahre, mein Körper hat sich verändert, und ich habe so viele Stücke sowohl körperlich als auch mental durchlebt.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich nicht all meine Kräfte aufbrauchen möchte, nur um weiterhin auf der Bühne stehen zu können. Der Segen oder vielleicht auch der Fluch des Tänzerlebens besteht darin, dass wir gewissermassen zwei Leben leben können. Früher oder später kommt der Moment der Veränderung, und wir alle müssen uns ihm stellen.
Redaktion: Werden Sie die körperliche Anstrengung vermissen?
Berlanga: Ich glaube natürlich nicht, dass irgendjemand gerne mit einem schmerzenden Körper lebt. Wir Tänzer bringen unseren Körper tatsächlich an Grenzen, die die meisten Menschen wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen können.
Ich freue mich darauf, meinem Körper ein wenig Ruhe zu gönnen. Vor allem, weil ich gerne noch mindestens die nächsten 40 Jahre einen gesunden Körper haben möchte.
Gleichzeitig weiss ich, wie wichtig Bewegung und körperliche Aktivität sind. Deshalb möchte ich weiterhin an meinem Körper arbeiten, aber ohne ihn bis an die Erschöpfungsgrenze zu bringen oder ihm zu viel abzuverlangen.

Redaktion: Sie haben in Madrid, London und Spanien getanzt und kamen 2018 nach Zürich. Welcher Moment Ihrer 23-jährigen Karriere bleibt Ihnen besonders?
Berlanga: Es gab so viele wunderschöne Momente auf der Bühne, dass es unmöglich ist, nur einen einzigen auszuwählen. Die drei Compagnien, denen ich angehört habe, stehen für ganz unterschiedliche Phasen meines Lebens. Jede von ihnen hat ihren eigenen Platz in meiner Entwicklung und in meinem Herzen.
So viele Bühnen, so viele verschiedene Ballette, so viele Kollegen, Freunde, Lehrer und Choreografen – und vor allem so viele Zuschauer. Ich nehme all das mit mir.
Redaktion: Was hat Zürich mit Ihnen gemacht?
Berlanga: Als ich nach Zürich kam, hatte ich bereits viel Bühnenerfahrung. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, mich noch mehr zu öffnen und mich dem Schweizer Publikum ganz hinzugeben. Ich habe immer mit offenem Herzen getanzt oder es zumindest versucht.
Aber hier hatte ich das Gefühl, dass ich wirklich mit meiner Seele, meinem Herzen und meinem ganzen Körper getanzt habe. Zürich hat mir ausserdem so viele Freunde geschenkt. Menschen, von denen ich unglaublich viel gelernt habe und denen ich sehr viel verdanke. Es war eine wunderbare Erfahrung.
Redaktion: Wer ist Esteban Berlanga nach dem letzten Vorhang?
Berlanga: Ich glaube, ich werde immer Tänzer sein, auch wenn ich nicht mehr Teil einer Compagnie bin oder auf diesem Niveau auf der Bühne stehe. Aber eigentlich verstehe ich mich eher als Künstler denn als Tänzer und das wird für immer ein Teil von mir bleiben.
Die Menschen können mich nennen, wie sie möchten. Aber der Künstler Esteban Berlanga wird immer da sein.
Redaktion: Was kommt jetzt?
Berlanga: Natürlich werde ich die Bühne vermissen, die Aufmerksamkeit. Die Verantwortung, ein ganzes Ballett zu tragen, den Applaus des Publikums und das Tanzen mit einem Live-Orchester. Kurz gesagt: Ich werde unzählige Dinge vermissen. Aber ich weiss sehr genau, dass jetzt meine Zeit gekommen ist.
Und auf eine gewisse Weise möchte ich aus dem Scheinwerferlicht heraustreten und im Hintergrund arbeiten. Ich würde sehr gerne anderen dabei helfen, dieses Licht zu erreichen und dasselbe hohe Niveau in ihrem Tanz zu entwickeln.
Redaktion: Bleiben Sie dem Ballett als Coach oder Choreograf erhalten?
Berlanga: Ich möchte mir zunächst die Zeit geben, verschiedene Dinge auszuprobieren, herauszufinden, wo mein Platz sein könnte, und zu entdecken, was mir am meisten Freude macht. In Spanien in Albacete haben wir die Esteban Berlanga Foundation gegründet – eine Kunststiftung, die Architektur, Tanz, Musik und Malerei mit Wissenschaft und Gesundheit verbindet.
Ausserdem eröffnen wir dort das Esteban Berlanga Institute, eine Tanzschule mit Ballettunterricht auf unterschiedlichen Niveaus. Unser Ziel ist es, nach dem von Alicia Cebrián Córdoba entwickelten Berlanga System zu unterrichten.
Redaktion: Was geben Sie dem Ensemble des Ballett Zürich mit auf den Weg?
Berlanga: Geniesst jede einzelne Sekunde. Macht es euch nicht zu bequem. Und wenn ihr irgendwann das Gefühl habt, dass ihr eine Veränderung braucht, dann wagt sie. Die Tage vergehen so schnell, und es gibt keine Zeit für Reue.
Redaktion: Und was sagen Sie dem Zürcher Publikum, das Sie über Jahre begleitet hat?
Berlanga: Meine Botschaft an das Publikum und an all jene Menschen, die mich über so viele Jahre hinweg unterstützt haben, ist ganz einfach: ein grosses Dankeschön und zwar von ganzem Herzen.
Ich hoffe, dass ich auf irgendeine Weise eine Spur hinterlassen habe und dass ich durch meinen Tanz ihre Welt ein kleines bisschen besser machen konnte. Ich möchte das Zürcher Publikum ermutigen, diese Kunst weiterhin zu unterstützen. Danke. Wirklich.





