Stadt Zürich

    Zürich: Müller-Bau wird zum Resonanzraum für Klang

    Kunsthaus Zürich
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    Zürich,

    Vom 20. November 2026 bis 3. Januar 2027 verwandeln Ralph Lemon und Kevin Beasley den Müller-Bau des Kunsthaus Zürich in einen Raum für Klang und Performance.

    Zürich
    Der Neubau des Kunsthaus in der Stadt Zürich (Symbolbild) - Nau.ch / Miriam Danielsson

    Mit «Residuum (Tell it anyway)» verwandeln Ralph Lemon und Kevin Beasley vom 20. November 2026 bis 3. Januar 2027 den Müller-Bau des Kunsthaus Zürich in einen Resonanzraum für Klang und Performance. Die Ausstellung fragt danach, was von einem Live-Moment bleibt und wie sich Geschichte und Erinnerung in Körper, Stimme und Klang einschreiben.

    Die Ausstellung «Residuum (Tell it anyway)» lädt ein, aufmerksam zuzuhören und die Architektur eines Teils des Kunsthauses neu zu entdecken: des Müller-Baus, benannt nach seinem Architekten Erwin Müller (1925–2017). Dieser Erweiterungsbau des Kunsthauses wurde 1976 eröffnet. Die Offenheit des Gebäudes galt damals als radikale Geste.

    Deshalb wurden leichte, verschiebbare Wände eingeführt, mit denen sich einzelne Präsentationen gestalten liessen – ähnlich wie bei der flexiblen Aufteilung eines Messepavillons. Im Lauf der Jahrzehnte wurden einige dieser temporären Wände jedoch stillschweigend zu festen Bestandteilen.

    Jetzt, fünfzig Jahre später, rückt das Kunsthaus den Müller-Bau erneut in den Mittelpunkt, um ihn zu verwandeln. In einem ersten Schritt werden im Rahmen von «Residuum (Tell it anyway)» einige der Wände entfernt, und dieses Juwel der Postmoderne findet zurück zur Vision seines Architekten: das Museum als offener, öffentlicher Platz, bereit, die Kunst seiner Zeit aufzunehmen.

    Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Frage, wie sich der Müller-Bau mit den Augen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler neu denken lässt. Mit seinen offenen Räumen, Treppen und vielfältigen Blickachsen ist das Gebäude seinem Wesen nach choreografisch: Es setzt Menschen in Bewegung und eröffnet immer neue Perspektiven auf Raum und Kunst. «Residuum (Tell it anyway)» greift diese Eigenschaften auf und rückt die unmittelbare Erfahrung von Körpern, Stimmen, Bewegungen und Klängen ins Zentrum.

    Für «Residuum (Tell it anyway)» setzen der Choreograf und Künstler Ralph Lemon (*1952 in Cincinnati, USA) und der Bild- und Klangkünstler Kevin Beasley (*1985 in Lynchburg, USA) ihre langjährige Zusammenarbeit fort. Beide beschäftigen sich in ihrer Arbeit mit Performance, Klang und Bewegung. Gemeinsam entwickeln sie für den gesamten Müller-Bau eine mehrkanalige Klanginstallation, die im Dezember durch zwei Live-Performances ergänzt wird.

    KÖRPER UND KLANG ALS ARCHIVE

    Ralph Lemon gehört zu den einflussreichen Choreografen, die aus der New Yorker Downtown-Szene hervorgegangen sind. Nach seiner Zusammenarbeit mit der Choreografin Nancy Hauser und der Compagnie von Meredith Monk gründete er 1985 die Ralph Lemon Company. Zehn Jahre später löste er die erfolgreiche Tourneecompagnie auf und entwickelte eine offenere künstlerische Praxis an den Schnittstellen von Choreografie, Schreiben, Zeichnung, Video und Installation.

    Im Zentrum steht dabei der Körper als Archiv: Wie werden Geschichte, Erinnerung, Zugehörigkeit und Entwurzelung körperlich gespeichert und weitergetragen? Lemon zählt zu jener Generation von Kunstschaffenden, die Tanz und Choreografie seit den frühen 2000er-Jahren verstärkt ins Museum gebracht und damit das Ausstellungsformat erweitert haben. 2024 widmete ihm das MoMA PS1 in New York mit «Ceremonies Out of the Air» seine erste grosse Überblicksausstellung.

    Kevin Beasley arbeitet mit Materialien, die Spuren von Gebrauch, Arbeit und Geschichte in sich tragen. Für seine Skulpturen verwendet er unter anderem Kleidung, Sneakers, Durags oder Sportgeräte, die er in Harz und Schaumstoff einarbeitet. Der Herstellungsprozess bleibt in den fertigen Objekten physisch präsent.

    Klang versteht Beasley ebenfalls als materielles und körperlich erfahrbares Medium. Besonders deutlich wurde dies in «A view of a landscape» im Whitney Museum of American Art in New York (2018–2019): Ausgangspunkt der Installation war der Motor einer Baumwoll-Egreniermaschine aus den 1940er-Jahren. Dessen Vibrationen und Frequenzen dienten Beasley dazu, die Geschichte der Baumwollproduktion und Sklaverei sowie der Great Migration und der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu thematisieren.

    Lemon und Beasley verbindet seit rund fünfzehn Jahren ein kontinuierlicher künstlerischer Dialog. Er begann, als Lemon den damals frisch von der Kunsthochschule kommenden Beasley zu einer Performance im Atrium des Museum of Modern Art in New York einlud. Daraus entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit, getragen von der gemeinsamen Überzeugung, dass Körper und Klang historisches Material sein können.

    Beasley wirkte wiederholt an Lemons Performance «Rant» (2019 bis heute) mit und verantwortete Musik und Sound-Mixing. Gemeinsam verarbeiteten die Künstler Aufnahmen aus diesen Performances anschliessend zu «Rant redux» (2020–2024), einer vierkanaligen Video- und Klanginstallation, die zum Herzstück von Lemons Überblicksausstellung im MoMA PS1 wurde.

    Dieses langjährige Gespräch bildet den Ausgangspunkt für «Residuum (Tell it anyway)» und für die Frage, was durch Choreografie und Klang gegenwärtig wird – und was davon zurückbleibt.

    Für «Residuum» erscheint der Müller-Bau zunächst beinahe leer. Temporäre Wände werden entfernt und die offene Architektur des Gebäudes wieder freigelegt. Zugleich bleiben Spuren früherer Eingriffe sichtbar.

    Aus diesem scheinbar leeren Raum entsteht eine neue, akustische Architektur: Klang, Gesang und Musik breiten sich über drei Stockwerke aus und verbinden die einzelnen Ebenen miteinander.

    Die mehrkanalige Klanginstallation blickt auf die Zusammenarbeit von Lemon und Beasley rund um «Rant» und weitere gemeinsame Projekte zurück. Sie basiert auf ihrem Album «Tell it anyway» (2026) und versteht Klang als Träger vergangener künstlerischer Arbeit, in dem Körper, Stimmen, Geschichten und Emotionen nachhallen. Zwei Filminstallationen von Lemon rahmen die Ausstellung im Erdgeschoss und im obersten Stockwerk.

    Am 12. und 13. Dezember 2026 kehrt der Live-Moment unmittelbar in den Müller-Bau zurück. Lemon und Beasley entwickeln dafür einen neuen Performance-Zyklus mit vier langjährigen Weggefährt:innen: Darrell Jones, Lysis (Ley), April Matthis und Okwui Okpokwasili. Mit den Performances kehrt der lebende, atmende, singende und tanzende Körper in den Raum zurück und trifft unmittelbar auf die Klanginstallation und die Architektur.

    Am 19. November findet ein Artist Talk mit Kevin Beasley statt.

    «Residuum (Tell it anyway)» macht den Müller-Bau selbst zum Bestandteil der künstlerischen Arbeit: Seine Architektur wird zum Resonanzraum für Klang, Film und Performance. Die von Hendrik Folkerts kuratierte Ausstellung untersucht dabei nicht nur die Unmittelbarkeit des Live-Moments, sondern ebenso das, was von ihm bleibt und weiterwirkt.

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