Oberland

    Martin Jucker: Ist Gentechnologie wirklich das Heilmittel?

    Martin Jucker
    Martin Jucker

    Wetzikon,

    «Eine grosse Biodiversität verhindert, dass sich Krankheiten und Schädlinge in der Landwirtschaft epidemisch ausbreiten können», schreibt Martin Jucker.

    Martin Jucker.
    Martin Jucker schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. - zVg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Martin Jucker betreibt die bekannte «Jucker Farm» in Seegräben ZH.
    • Auf Nau.ch schreibt Jucker regelmässig Kolumnen.
    • Heute schreibt Jucker über Gentechnologie in der Schweizer Landwirtschaft.

    Gentechnologie und moderne Züchtung werden oft als Schlüssel für fast alle Probleme der Landwirtschaft verkauft. Resistente Pflanzen, weniger Pflanzenschutzmittel, sichere Ernten. Das klingt verlockend. Aber ist das wirklich das Gelbe vom Ei?

    Krankheiten und Schädlinge machen uns Bauern seit jeher das Leben schwer. Wie schön wäre es, wenn wir sie einfach loswerden könnten.

    Pflanzenschutzmittel haben hier tatsächlich grosse Fortschritte gebracht. Bevor diese Hilfsmittel zur Verfügung standen, wurden immer wieder ganze Ernten vernichtet. Mit schlimmen Folgen bis hin zu Hungersnöten.

    Der schöne Apfel im Regal

    Gleichzeitig hat sich aber etwas verschoben: Weil viele Krankheiten und Schädlinge plötzlich kontrollierbar waren, wurde in der Züchtung weniger auf Robustheit geachtet. Wichtiger wurden Normen, Aussehen und Lagerfähigkeit. Kurz gesagt: der schöne Apfel im Regal.

    Jetzt, wo uns die Schattenseiten des Pflanzenschutzes immer klarer vor Augen geführt werden, suchen wir wieder nach Resistenzen.

    Nur: Klassische Züchtung ist langsam. Eine neue Apfelsorte braucht schnell einmal zwanzig Jahre, bis sie marktreif ist. Und weil wir die Probleme zu lange ignoriert haben, bleibt uns nicht mehr unendlich viel Zeit.

    Braucht die Schweizer Landwirtschaft Gen-Technik?

    Pilz bleibt weiterhin da

    Da kommt die Gen-Schere ins Spiel. Mit Methoden wie «CRISPR/Cas» lässt sich – etwas vereinfacht gesagt – ein Resistenz-Gen gezielt in eine bestehende Pflanze einbauen. Aus Gala würde also nicht irgendein neuer Apfel, sondern ein Gala mit zusätzlichem Schutz gegen eine Krankheit. Das klingt nach einer eleganten Lösung. Vielleicht ist es kurzfristig auch eine.

    Aber ist das Problem damit wirklich gelöst? Der Erreger – also der Pilz, das Insekt oder das Bakterium – ist ja weiterhin da.

    Evolution ist knallhart

    Stellen wir uns vor: Plötzlich pflanzt die ganze Branche Hunderttausende Gala-Apfelbäume, die gegen Schorf und Feuerbrand resistent sind. Es wird weniger Pflanzenschutzmittel gespritzt – was erst mal gut ist.

    Dem Feuerbrand-Bakterium fehlt nun die Nahrung. Und wie jeder Organismus, der ums Überleben kämpft, sucht es nach einem Ausweg. Evolution ist nicht romantisch, sondern knallhart!

    Bei uns Menschen dauert eine Generation etwa 25 Jahre. Beim Apfelbaum ein Jahr.

    Die schnellsten Bakterien schaffen eine neue Generation in wenigen Minuten. Es ist also durchaus möglich, dass sich ein Erreger an die neue Resistenz angepasst hat, bevor die ersten Äpfel an den jungen Bäumen wachsen. Dann stehen wir wieder am Anfang. Einfach ein paar Jahre älter. Und der Planet etwas ausgelaugter.

    Lösung liegt in der Vielfalt

    Die Lösung liegt für mich deshalb nicht in der einen perfekten Sorte. Sie liegt in der Vielfalt.

    Eine grosse Biodiversität verhindert, dass sich Krankheiten und Schädlinge epidemisch ausbreiten können.

    Und eine grosse Sortenvielfalt innerhalb einer Kultur verhindert, dass alle Pflanzen gleich verwundbar sind.

    Kürbis Oppligen
    Kürbisse, wohin das Auge reicht. Vielfalt ist gefragt. Hier in Oppligen. - zvg

    Vielfalt sollten wir erhalten

    Wer im Herbst über einen Markt läuft und die Vielfalt der Kürbisse sieht, bekommt eine Ahnung davon. Diese Sorten wurden über Jahrhunderte von den Ureinwohnern Amerikas getauscht, gekreuzt und selektioniert.

    Nicht im Labor. Sondern durch Erfahrung, Geduld und Beobachtung.

    Genau diese Vielfalt sollten wir nicht nur erhalten, sondern bei allen Nahrungsmitteln wieder zurückbringen. Für unsere Gesundheit. Und für die Gesundheit unseres Ökosystems.

    Martin Jucker Klimawandel
    Martin Jucker von der bekannten «Jucker Farm» in Seegräben ZH. - zVg

    Zur Person

    Martin Jucker ist gelernter Obstbauer und hat sich mit der «Jucker Farm» in Seegräben ZH über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Er steht für innovative, nachhaltige und unabhängige Landwirtschaft. 2014 wurde er zusammen mit seinem Bruder Beat als bisher einziger Bauer zum Schweizer Unternehmer des Jahres gewählt.

    Kommentare

    User #5544 (nicht angemeldet)

    Nein ich drum nurnoch BIO und Gentechfrei

    User #5892 (nicht angemeldet)

    Aber gegen Gentech in Spritzen hat niemand etwas dagegen.

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