Stadt Zürich

    Zürich: Jeder fünfte Alleinerziehende benötigt Sozialhilfe!

    Jan Strobel
    Jan Strobel

    Zürich,

    Sie arbeiten, ziehen ihre Kinder gross und kommen trotzdem kaum über die Runden. In Zürich ist fast jede fünfte Einelternfamilie auf Sozialhilfe angewiesen.

    Wenn ein Lohn nicht reicht
    Alleinerziehende sind in der Stadt Zürich viermal häufiger auf Sozialhilfe angewiesen. (Symbolbild) - Unsplash

    Das Wichtigste in Kürze

    • 19,2 Prozent aller Zürcher Einelternhaushalte mit minderjährigen Kindern sind auf Sozialhilfe angewiesen.
    • Dies geht aus dem Kennzahlenbericht der Städteinitiative Sozialpolitik hervor.
    • Demnach haben Alleinerziehende ein mehr als viermal so grosses Sozialhilferisiko.

    Ferien am Meer, ein Musik- oder Sportkurs für die Kinder, ein spontaner Ausflug am Wochenende. Was für viele Familien selbstverständlich ist, bleibt für andere ein unerfüllbarer Wunsch. Die Winterjacke für den Sohn oder die Tochter wird bewusst eine Nummer zu gross gekauft, damit sie auch im nächsten Jahr noch passt.

    Schuhe müssen möglichst lange halten. Jede Anschaffung wird sorgfältig abgewogen. Besonders hart trifft es Alleinerziehende, deren Einkommen trotz Erwerbsarbeit kaum zum Leben reicht.

    Für sie geht es nicht um die nächsten Ferien, sondern darum, wie sie den nächsten Monat finanziell überstehen. Dabei zeichnet die Sozialhilfestatistik für Zürich ein vergleichsweise günstiges Bild. Im vergangenen Jahr bezogen 14’854 Menschen Sozialhilfe, 0,8 Prozent weniger als im Vorjahr.

    Mit einer Sozialhilfequote von 3,2 Prozent liegt Zürich unter dem Durchschnitt der 14 untersuchten Schweizer Städte von 3,9 Prozent. Doch für Einelternfamilien sieht die Realität anders aus.

    Gemäss dem Ende Oktober veröffentlichten Kennzahlenbericht der Städteinitiative Sozialpolitik ist in Zürich fast jeder fünfte Einelternhaushalt mit minderjährigen Kindern auf Sozialhilfe angewiesen.

    Familie Alleinerziehende Schweiz
    Im vergangenen Jahr bezogen 14'854 Menschen Sozialhilfe, 0,8 Prozent weniger als im Vorjahr. (Symbolbild) - keystone

    Das entspricht 19,2 Prozent. Bei sämtlichen privaten Haushalten liegt der Anteil dagegen bei 4,4 Prozent. Das Sozialhilferisiko ist für Alleinerziehende damit mehr als viermal so hoch. In Winterthur liegt die Quote bei 25,7 Prozent, in Biel sogar bei 39,7 Prozent.

    Aus Scham verzichten

    Dass Alleinerziehende besonders häufig von Armut betroffen sind, ist keine neue Erkenntnis. Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte sich eine breitere gesellschaftliche Debatte.

    Die Rede war von einer «Neuen Armut», die besonders alleinerziehende Frauen traf. 1989 untersuchte eine Studie im Auftrag von Caritas Schweiz und des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes die Lebensumstände von 420 armen Frauen.

    Besonders betroffen waren alleinerziehende Mütter. Als Ursachen nannte die Studie damals tiefe Frauenlöhne und ausbleibende Alimente. Viele der Frauen hatten nach dem Bezahlen von Miete und Lebensmitteln kaum noch Geld für andere Ausgaben.

    Manche verzichteten aus Scham sogar auf Sozialhilfe, obwohl sie darauf angewiesen gewesen wären. Vier Jahrzehnte später hat sich vieles verändert. Geblieben ist die besondere Armutsgefährdung von Einelternfamilien.

    Der aktuelle Bericht der Städteinitiative räumt mit einem Klischee auf: Wer Sozialhilfe bezieht, ist keineswegs automatisch arbeitslos. So sind 41 Prozent der untersuchten Alleinerziehenden in der Sozialhilfe erwerbstätig. Ihr Einkommen reicht jedoch häufig nicht aus, um den Lebensunterhalt der Familie zu decken.

    Wie gut kommst du mit den steigenden Lebenshaltungskosten zurecht?

    Die Ursachen liegen in der besonderen Situation von Einelternfamilien. Wer allein Kinder grosszieht, kann sein Arbeitspensum nicht beliebig erhöhen. Besonders ins Gewicht fällt die berufliche Qualifikation.

    Bei rund 70 Prozent der untersuchten Alleinerziehenden in der Sozialhilfe fehlt eine abgeschlossene Ausbildung oder der Ausbildungsstand ist unklar; lediglich 7 Prozent verfügen über eine höhere Berufs- oder Hochschulausbildung.

    Eine Ausbildung nachzuholen, könnte die Aussichten auf ein höheres Einkommen verbessern. Doch gerade das ist für Betroffene schwierig. Wer eine Lehre oder Weiterbildung absolvieren will, benötigt Zeit und eine verlässliche Kinderbetreuung. Beides ist für Alleinerziehende häufig knapp.

    Hinzu kommen die Arbeitszeiten. Viele Alleinerziehende sind in der Pflege, der Gastronomie oder dem Detailhandel tätig. Dort gehören frühe Arbeitsbeginne, Abenddienste und Wochenendarbeit zum Alltag.

    Kitas und andere Betreuungseinrichtungen orientieren sich hingegen meist an den üblichen Bürozeiten. Gut die Hälfte der befragten Sozialdienste berichtet von Engpässen bei den Betreuungsplätzen. Selbst wenn grundsätzlich Angebote vorhanden sind, müssen diese noch lange nicht zu den Arbeitszeiten der Eltern passen.

    Der Weg ist oft lang

    Die Stadt Zürich setzt auf berufliche Integration. Im vierwöchigen Programm «NAVI» werden die beruflichen Möglichkeiten von Sozialhilfebeziehenden abgeklärt.

    Bargeld
    Bei rund 70 Prozent der untersuchten Alleinerziehenden in der Sozialhilfe fehlt eine abgeschlossene Ausbildung oder der Ausbildungsstand ist unklar. (Symbolbild) - keystone

    Vier von zehn Teilnehmenden schaffen laut Stadt den Wiedereinstieg in den regulären Arbeitsmarkt. Das Angebot «AMIE» des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks unterstützt wiederum gezielt junge Mütter ohne abgeschlossene Erstausbildung.

    Auch bei ausbleibenden Alimenten bietet Zürich Hilfe: Die Alimentenstelle unterstützt beim Eintreiben von Unterhaltsbeiträgen und bevorschusst Kinderalimente unter bestimmten Voraussetzungen mit bis zu 1008 Franken pro Monat und Kind. Einen anderen Ansatz verfolgt Lausanne mit Familienergänzungsleistungen.

    Diese sollen verhindern, dass Familien mit tiefen Einkommen überhaupt auf Sozialhilfe angewiesen sind. Laut Kennzahlenbericht zeigen sich in Städten mit solchen Leistungen günstigere Sozialhilfequoten und kürzere Bezugsdauern bei Familien.

    Der Weg aus der Sozialhilfe ist oft lang. In den untersuchten Städten bezieht die Hälfte der Alleinerziehenden länger als 22 Monate Unterstützung. Bei Alleinlebenden liegt diese Grenze bei 13 Monaten.

    59 Prozent der unterstützten Kinder leben in einer Einelternfamilie. 2010 waren es noch 52 Prozent. Die «Neue Armut» ist zwar längst nicht mehr neu. Verschwunden ist sie allerdings auch nicht.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

    Kommentare

    User #2636 (nicht angemeldet)

    Man kann nicht alles haben, und dann noch 4 mal Ferien pro Jahr in den Malediven haben wollen. Man hat, was man hat. Punkt.

    User #6042 (nicht angemeldet)

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