Stadt Zürich

Zürcherin nimmt nach Brand Angehörige auf: «Man muss stark sein»

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Zürich,

Sandrine Clément Oggenfuss aus Zürich ist bereit, Angehörige der Opfer von Crans-Montana aufzunehmen. Sie hat Erfahrung im Zusammenwohnen mit fremden Menschen.

Crans-Montana
Das Gästezimmer in der Drei-Zimmer-Wohnung von Sandrine Clément Oggenfuss ist offen für Angehörige der Brandverletzten von Crans-Montana. - zVg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Verletzte der Brandkatastrophe in Crans-Montana liegen im Spital.
  • Sandrine Clément Oggenfuss bietet ihre Wohnung in Spitalnähe in Zürich Angehörigen an.
  • «Um Menschen in Not aufzunehmen, muss man selbst stark und unabhängig sein», sagt sie.

Nau.ch: Sie bieten in Ihrer Wohnung eine Unterkunft für Angehörige der Brandopfer von Crans-Montana VS an. So sollen Eltern einen kurzen Weg in die Zürcher Spitäler haben, um am Bett ihres Kindes zu sein. Wie sieht die Unterkunft aus?

Sandrine Clément Oggenfuss: Ich wohne im Zürcher Kreis 2 in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Meine Wohnung ist 30 Minuten vom Unispital Zürich und dem Kispi entfernt. Ich lebe allein, seit mein Sohn seine eigene Wohnung hat. Daher kann ich ein Zimmer anbieten.

Das heisst: Zwei kleine Betten oder ein grosses Bett. Manchmal übernachten Freunde von Freunden bei mir. Ich tue einen Gefallen.

Nau.ch: Warum ist Ihnen dies wichtig?
Clément Oggenfuss: Aus Solidarität. Ich habe einer ukrainischen Mutter mit ihren drei Kindern geholfen. Und das Zimmer dient manchmal als Treffpunkt für junge Ukrainer. Diese waren damals zwischen 14 und 15 Jahren alt und sind inzwischen volljährig.

Ich bin französischer Muttersprache und spreche Deutsch und Englisch. Das kann für diejenigen, die ich beherberge, praktisch sein. Ich lebe seit 1992 in Zürich und verstehe auch den Dialekt.

Ein Zimmer in einer bewohnten Wohnung ist meiner Meinung nach ein Vorteil, wenn Ruhe herrscht. Es gibt Leben, eine Küche, ein Wohnzimmer, eine Terrasse. Es ist weniger unpersönlich als ein Hotelzimmer oder ein B&B. Man kann sich auch unterhalten oder in seinem Zimmer ausruhen.

Wärst du bereit, fremde Menschen bei dir aufzunehmen?

Nau.ch: Hat sich schon jemand bei Ihnen gemeldet?

Clément Oggenfuss: Eine französische Mutter, deren Tochter im Koma in ein Krankenhaus in Nantes (FR) eingeliefert wurde. Eine andere Familie, ich glaube aus Afrika, hat eine Unterkunft gefunden und sich bei mir bedankt. Ich stehe jedoch weiterhin für eine Übergabe oder eine Alternative zur Verfügung.

Nau.ch: Wie stellen Sie sich das Zusammenleben vor?

Clément Oggenfuss: Ich arbeite hauptsächlich im Homeoffice, gehe aber auch ins Büro, das ganz in der Nähe meiner Wohnung liegt. Wenn ich Gäste beherberge, tue ich mein Möglichstes, damit sie sich in der Wohnung wohlfühlen.

Crans-Montana
«Durch die Ukrainer habe ich gelernt, ihnen Freiraum zu lassen und mich emotional zu schützen», sagt Sandrine Clément Oggenfuss. - zVg.

Nau.ch: Wie wollen Sie dies bei Mitbewohnenden schaffen, die sich in einem Ausnahmezustand befinden?

Clément Oggenfuss: Ich komme ziemlich spät aus dem Büro zurück. Die Gäste können kochen und sich in der Küche und auf der Terrasse aufhalten. Sie sind unabhängig.

Ich habe auch mein eigenes Leben. Ich treffe Freunde, gehe ins Kino, besuche Ausstellungen und Konzerte oder gehe ins Fitness. Auch gehe ich ab und zu auf Reisen. Wenn es sein muss, passe ich meine Pläne an, informiere die Gäste, die einen eigenen Schlüssel haben.

Durch die Ukrainer habe ich gelernt, ihnen Freiraum zu lassen und mich emotional zu schützen. Wir müssen uns alle wohlfühlen. Aber ich koche auch gerne französische Gerichte.

Manchmal sind es Verwandte, die für ein paar Tage zu Besuch kommen. Zum Beispiel die Mutter oder Grossmutter der Ukrainer, die ich damals aufgenommen habe. Ich heisse sie herzlich willkommen und sie haben ihr eigenes Zimmer mit WLAN und können die Küche benutzen.

Nau.ch: Nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 nahmen viele Schweizerinnen und Schweizer spontan Flüchtlinge auf. Mit der Zeit waren sie damit aber überfordert. Könnte dies auch in diesem Fall drohen?

Clément Oggenfuss: Ich schütze mich, indem ich meinen Alltag nicht allzu sehr verändere. Meine Familie, meine Freunde und meine Arbeitskollegen kennen mich als offen und grosszügig.

Nau.ch: Was empfehlen Sie all den hilfsbereiten Menschen, die Angehörige aufnehmen wollen?

Clément Oggenfuss: Ich bin empfänglich für das Leid anderer Menschen, stehe aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Das Bedürfnis, Leiden zu lindern, habe ich von meiner Mutter. Und wenn etwas nicht gut funktioniert, muss man darüber sprechen und kommunizieren.

Nau.ch: Diese Menschen sind sehr belastet und gestresst. Darf man da trotzdem auch manchmal ein Machtwort sprechen?

Clément Oggenfuss: Ja. Man muss einige Regeln aufstellen. Zum Beispiel, dass sie keinen Lärm machen, wenn sie spät nach Hause kommen, weil ich arbeite. Um Menschen in Not aufzunehmen, muss man selbst stark und unabhängig sein.

Sandrine Clément Oggenfuss

Sandrine Clément Oggenfuss (61) arbeitet für eine Kunstversicherung mit Sitz in Wien.

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