Zürcher Tauben-Tötungen schockieren Österreicher Halter (60)

Michael Bübl aus Österreich hat eine Brieftaube gerettet, die ihm nicht mehr von der Seite weicht. Die getöteten Tauben in Zürich zerreissen ihm fast das Herz.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Stadt Zürich hat kürzlich mehrere Tauben getötet.
- «Tauben sind so lieb, zärtlich und liebesbedürftig», sagt Michael Bübl.
- Seine Taube «Dorothea» begleitet ihn auf Geschäftsterminen – und schläft sogar im Bett.
Die Tötungsaktion der Tauben aus Zürich schlägt Wellen bis ins Ausland. Michael Bübl aus Österreich zerreisst es fast das Herz, als er die Meldung auf Nau.ch liest. «Das ist grauenhaft und barbarisch, dass Menschen sowas tun», sagt er.
Letzten Donnerstag stellte die Stadt Zürich am Bahnhof Stadelhofen eine Grossfalle auf und tötete mehrere Tauben. Eine Passantin filmte die verstörenden Szenen.
«In einer zivilisierten Nation wie der Schweiz dürften solche Aktionen nicht stattfinden, fordert Michael Bübl. «Tauben sind so lieb, zärtlich und liebesbedürftig.»
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Der 60-jährige Schlosser weiss, wovon er spricht: Seit rund einem halben Jahr hält er eine Brieftaube als Haustier!
«Sie heisst Dorothea, obwohl sie eigentlich ein Kerl ist», sagt er schmunzelnd. «Doch, als ich sie rettete, war sie noch ein Baby und ihr Geschlecht nicht klar.»
«Fliegt kurz raus in den Garten»
In einem Käfig hält er die Taube nicht. «Meine Frau und ich wohnen in einem grossen Bauernhaus. Da kann sie den ganzen Tag frei herumfliegen», sagt Michael Bübl.
Will Dorothea raus, öffnet Bübl das Fenster oder die Tür. Ausser im Winter steht die Haustür zum Garten ständig offen. «Dorothea fliegt dann meist kurz raus in den Garten und kommt wieder rein», sagt der Taubenfreund.
Wie bitte?
«Was soll ich denn machen, wenn sie bleiben will?», sagt der Österreicher lachend.
Das Tier ist auch ausgesprochen anhänglich. «Sie bereichert uns und unseren Alltag ungemein», sagt Bübl. Wie ein Schosshündchen lässt sich die Taube im Arm halten.
Aber nicht nur das: Gerne sitzt sie sogar in Bübls Mantelkragen und begleitet ihn auf seinen geschäftlichen Terminen. «Sie lockert jedes Gespräch total auf», sagt er lachend.
Und ist ihr Herrchen einmal ein paar Stunden ohne sie weg gewesen, empfängt sie ihn voller Freude zu Hause. «Sie tippelt dann auf mich zu und ich muss ihr Bussi geben.»
«Legt sich ins Bett»
Nachts kommt die Taube in «Schutzhaft», wie Bübl es nennt. «Damit unser Kater nicht doch noch auf die Idee kommt, sie zu jagen.»
Die Nacht verbringt die Taube deshalb in einer Fensterecke mit Blick in den Garten und einer spaltbreit geöffneten Schiebetür. Dabei hat sich auch ein Ritual entwickelt.
«Am Abend wartet sie auf ihren ‹Kampf› mit mir, wenn sie ins Nachtquartier muss», sagt Bübl. Spielerisch hüpft die Taube dann herum und jagt Bübls Hand (siehe Video).
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Frühmorgens begibt sich Taube selbständig aus ihrem Nachtquartier. «Sie stösst mit dem Schnabel die Schiebetür auf und fliegt zu uns ins Schlafzimmer», sagt der Taubenfreund.
Dies tut sie aber nicht etwa, um das Paar zu wecken. «Sie legt sich dann ins Bett und schläft dort ein, zwei Stunden – wirklich!», sagt Bübl.
«Dorothea ist stubenrein»
In Städten gelten Tauben auch als Plage wegen des Taubenkots. «Jährlich fallen in Zürich rund 80 Tonnen Taubenkot an», heisst es bei der Stadt Zürich.
«Dorothea ist stubenrein», sagt Michael Bübl. Sie verrichte ihr Geschäft ausschliesslich in der dafür vorgesehenen Ecke. «Noch nie hat sie ins Haus gekackt.»
Zu verdanken sei dies der artgerechten Fütterung. Bübl füttert sie mit Hirse, Sonnenblumenkernen, Walnüssen und Weizenkörnern.
«Die Stadttauben fressen hingegen jeden Dreck, der auf der Strasse liegt.» Davon bekämen sie Durchfall und verdreckten damit die Stadt.
Verletzt auf der Strasse
Zum Tauben-Herrchen wurde Bübl im September 2025. Spätabends fand er die junge, verletzte Taube auf der Strasse vor einem Wirtshaus.
«Die Autos fuhren millimeterweit an ihr vorbei», erinnert sich Bübl. Sofort habe er die Taube gerettet und sie mit nach Hause genommen.
Der linke Flügel war gebrochen. «Alle Tierärzte sagten mir, dass die Taube keine Chance habe und empfahlen, sie einschläfern zu lassen.»
Doch Bübl gab die Hoffnung nicht auf. Er pflegte sie und legte sie über Nacht ins Stroh. «Schon am nächsten Tag sass sie aufrecht da und guckte herum.» Ein paar Stunden später habe sie Körnchen zu picken begonnen.
Für den gebrochenen Flügel bastelte Bübl eine Schiene. «Nach ein paar Wochen begann sie, den Flügel wieder etwas zu bewegen.» Von da an trainierte Bübl mit ihr. «Ich bewegte ihre Flügel rauf und runter, damit sie wieder das Gefühl für das Fliegen bekam.»
Freilassung scheiterte
Über den Ring am Bein der Taube erfuhr der Retter, dass sie als Brieftaube an einem Wettbewerb teilgenommen hatte. «Sie stürzte auf dem Weg von Ungarn zurück nach Deutschland ab.» Vom Züchter der Taube gibt es aber keine Spur.
Als die aufgepäppelte Taube wieder fliegen konnte, wollte Bübl sie freilassen. Doch die Entlassung in die Freiheit klappte nicht.
«Das erste Mal flog sie zehn Sekunden um den Tannenbaum herum und setzte sich wieder auf meine Schulter.» Das zweite Mal habe sie eine grosse Runde um das Haus gedreht und sei erneut neben ihm gelandet.

«Eine Taube gehört frei – da würde ich prinzipiell jedem Kritiker Recht geben», sagt der Taubenfreund. «Ohne mich würde sie aber nicht überleben.» Zudem scheine sich die Taube zumindest vorläufig für ein Leben bei ihm entschieden zu haben.
In seiner Obhut dürfte Dorothea noch viele Jahre vor sich haben. «Brieftauben können bis zu 20 Jahre alt werden», sagt Bübl. Stadttauben hingegen würden im Schnitt maximal zwei Jahre alt.
Schwarm ist wichtig für Tauben
Nina Bachellerie ist Vizepräsidentin des Vereins Stadttauben. Das Wohlergehen der Taube könne der Verein den Informationen zufolge nicht abschliessend beurteilen.
Das «Kämpfen» ähnle jedoch stark dem Verhalten einer Brieftaube, die sie im letzten Jahr selbst vermittelt hätten, sagt Bachellerie.
«Wenn Tauben ohne ausreichenden Kontakt zu Artgenossen aufwachsen, können sie Fehlprägungen und Verhaltensstörungen entwickeln.» Diese könnten teilweise ein Leben lang bestehen bleiben.
Tauben gehören laut der Tierschützerin zu den sozial hoch entwickelten Vögeln. Insbesondere Felsentauben – von denen Brief- und Stadttauben abstammten – lebten in der Regel in Gruppen.
«Der Schwarm bietet nicht nur Schutz vor Feinden, sondern ermöglicht auch gemeinsame Futtersuche und soziale Interaktionen.»
Dazu gehörten auch monogame Partnerschaften. Tauben bänden sich in der Regel lebenslang und teilten sich die Brutpflege. «Stirbt ein Partnertier, zeigt das verbleibende Tier oft deutliche Trauerreaktionen.»
Solche sozialen Beziehungen kann der Mensch nicht ersetzen, sagt Bachellerie. «Selbst bei noch so intensiver und liebevoller Betreuung.»
Der Verein rät deshalb klar von Einzelhaltung ab. «Sie kann im Extremfall auch als tierschutzwidrig beurteilt werden.»
So musst du reagieren, wenn du eine verletzte Taube findest
Nina Bachellerie bestätigt, dass die menschlichen Abfälle der Gesundheit der Stadttauben schaden. Diese führen zum sogenannten «Hungerkot». «Einem flüssigen, weisslichen Kot, der fälschlicherweise oft als normal angesehen wird.»
Findet jemand eine verletzte Taube, empfiehlt der Verein, den Tierrettungsdienst zu kontaktieren oder sich von einer Wildvogelpflegestelle beraten zu lassen.
Tauben, die dauerhaft flugunfähig blieben, hätten in der freien Umgebung kaum Überlebenschancen. «Gleichzeitig gibt es nur sehr wenige dauerhafte Pflegestellen für Stadttauben, was die Situation zusätzlich erschwert.»

















