Stadt Zürich

Widerstand gegen Leerkündigungen in Zürcher Quartier

Tsüri.ch
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Zürich,

An der Hard- und Eichbühlstrasse im Kreis 4 verlieren über 300 Menschen ihr Zuhause. Es regt sich im Quartier Widerstand. Eine Mieterin und ein Mieter erzählen.

Quartier
Valentina Chiriatti und Raphael Läuppi wollen eine soziale Lösung für die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers. - Mai Hubacher

Dafür, dass direkt gegenüber eine Hauptstrasse verläuft, ist es im Hof der Siedlung Eichbühlstrasse sehr ruhig. Ein Mann lehnt sich aus einem der Fenster im zweiten Stock und raucht. Am Eingang eines der grauen Gebäude warten Raphael Läuppi und Valentina Chiriatti. Er wohnt seit 15 Jahren hier, sie seit zwei.

Beide machen sich grosse Sorgen um die Zukunft der Bewohnerinnen und Bewohner. «Die Menschen sind wütend und verzweifelt», sagt Chiriatti.

Deshalb wollen sie Widerstand leisten: Gemeinsam mit dem Zürcher Mieterinnen- und Mieterverband gehen sie gegen die Leerkündigungen an der Hard- und Eichbühlstrasse vor.

Verzweiflung und Wut

Sowohl Läuppi als auch Chiriatti haben ihre Kündigungen angefochten. Mittlerweile haben sich die beiden vom Schock erholt, doch das Unverständnis bleibt gross. Als die Kündigungen Mitte Februar mit der Post kamen, hätten viele seiner Nachbarn gar nicht richtig verstanden, was gerade passiert, erzählt Läuppi.

Er berichtet von einer 85-jährigen Bewohnerin aus Italien, deren Mann vor zehn Jahren gestorben sei und kaum Deutsch spreche. «Ihre Verzweiflung hat mich getroffen. Sie weiss nicht, wohin sie soll.»

Warst du schon einmal von einer Leerkündigung betroffen?

Insgesamt 146 Mietparteien von 16 Häusern sind betroffen, über 300 Menschen droht der Verlust ihres Zuhauses. Die Eigentümerin, die Musikvertrieb AG, hat die Siedlung in der Nähe des Hardplatzes in drei Etappen leergekündigt.

Einige Bewohnerinnen und Bewohner sollen bereits in eineinhalb Jahren ausziehen, die anderen können noch bis zu vier Jahre bleiben. Chiriatti dürfte theoretisch bis 2030 bleiben, Läuppi bis 2029.

Mit der Etappierung wolle man die Kündigungen «so sozialverträglich wie möglich» gestalten, sagt Simon Weiss, Bereichsleiter der H&B Real Estate AG, welche die Liegenschaft verwaltet.

Häuser seien in «desolatem» Zustand

Die offizielle Begründung ist laut dem Kündigungsschreiben der schlechte Zustand der Liegenschaften. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» bezeichnete Weiss den Zustand der Häuser als «desolat».

Man habe das Gebäude professionell untersuchen lassen und sei zum Schluss gekommen, dass eine Totalsanierung notwendig sei, betont die Musikvertrieb AG auf Anfrage.

Totalsanierung
Die Häuser nahe des Hardplatzes wurden Mitte der 1920er-Jahren erbaut – jetzt steht ihnen eine Totalsanierung bevor. - Mai Hubacher

Diese Meinung teilen Chiriatti und Läuppi nicht. «Wir sitzen ja gerade in meiner Wohnung. Ich finde, sie ist alles andere als in einem desolaten Zustand», sagt Chiriatti. «Klar, das Haus ist alt, der Boden knarrt ein wenig, aber die Fenster sind dicht und es ist warm im Winter. Ich weiss nicht, was das Problem sein soll.»

Läuppi fügt hinzu: «Meine Wohnung ist etwas älter, aber man könnte wie hier bei Chiriatti den Boden und die Nasszellen sanieren, während ich hier wohnen bliebe.»

H&B Real Estate AG
Vor zwei Jahren übernahm die H&B Real Estate AG die Verwaltung der Häuser. - Mai Hubacher

Das hätten die Eigentümerinnen und Eigentümer im Jahr 2012, damals noch mit einer anderen Verwaltungsfirma, auch angeboten. Warum das jetzt nicht gehe, verstehe er nicht. Es bleibt nicht sein einziger Kritikpunkt am Vorgehen der Eigentümerschaft.

Unterstützung durch Flatfox-Abo

So bot die H&B Real Estate AG im Kündigungsschreiben den Mieterinnen und Mieter Hilfe bei der Wohnungssuche an. Laut Weiss in Form von Suchabos bei Wohnungsplattformen sowie guten Referenzen. Um die 30 Mietparteien hätten das Angebot bereits angenommen.

Wer sich aus Eigeninitiative melde, der erhalte ein Flatfox- oder Homegate-Abo, sagt Läuppi. «Das ist für mich eine völlig aus der Luft gegriffene Massnahme. So ein Abo hilft ja nicht wirklich, eine Wohnung zu bekommen», findet auch Chiriatti.

Stattdessen hätten sie sich eine Sanierung im Bestand gewünscht. Damit nicht jene ihr Zuhause verlieren, die so dringend darauf angewiesen seien.

Wohnung
Erst vor wenigen Jahren wurde die Küche von Chiriattis Wohnung erneuert. - Mai HubacherMai Hubacher

Das kommt Weiss zufolge zwar nicht infrage, für die Eigentümerschaft sei es aber durchaus eine Option die Mieterinnen und Mieter während der Sanierungsarbeiten innerhalb der Liegenschaften umziehen zu lassen.

Er wisse davon, dass diese Forderung im Raum steht. Allerdings könne man das zum jetzigen Zeitpunkt nicht planen, da man nicht wisse, wann wer ausziehen werde.

Die Musikvertrieb AG stünde auch einer Rückkehr der aktuellen Mieterinnen und Mieter nach den Sanierungen positiv entgegen, so Weiss. Doch wie hoch die Mietzinsen nach der Sanierung sein werden, sei noch ungewiss.

Braucht es in Zürich mehr preisgünstigen Wohnraum?

Der Mieterin Chiriatti und dem Mieter Läuppi wurde ein möglicher Umzug innerhalb der Liegenschaften während der Sanierung gemäss eigenen Aussagen noch nicht offiziell von der Verwaltung vorgeschlagen.

Chiriatti glaubt auch nicht, dass die Mieterschaft zu einem fairen Preis zurückkehren könne. «Man sieht draussen schon die Bauprofile für Balkone. Schon allein dafür können die Vermieterinnen und Vermieter später mehrere hundert Franken mehr im Monat verlangen», sagt sie.

Für viele Bewohnerinnen und Bewohner wäre ein höherer Mietzins ihr zufolge nicht tragbar.

Es bleibt der Widerstand der Mieterinnen und Mieter

Die Verdrängungsthematik rief auch die Stadtpolitik auf den Plan. Die Grünen, die SP und die AL forderten Ende Februar einen Rückzug der Leerkündigungen.

Sollte die Eigentümerschaft darauf nicht eingehen, müsse die Stadt einen Kauf der Liegenschaft prüfen, hiess es im gemeinsamen Schreiben. Diese lässt auf Anfrage keine Informationen dazu durchsickern, doch auf Seiten Eigentümerschaft steht diese Option nicht zur Diskussion, wie Weiss bekannt gibt.

Kreis 5
Der Fall an der Hardstrasse erinnert an die Leerkündigung der Sugus-Häuser im Kreis 5. - Mai Hubacher

Es bleibt der Widerstand der Mieterinnen und Mieter: «Es ist wirklich beeindruckend, wie die Nachbarschaft zusammenkommt», so Chiriatti. Eine Petition, die eine mieterinnen- und mieterfreundliche Sanierung fordert, wurde bereits über 2000 Mal unterschrieben.

Jemand aus dem Quartier hat die Website «menschen-wie-wir.ch» aufgesetzt, wo langjährige Mieterinnen und Mieter ihre Geschichten preisgeben. Viele kommen ehemals aus Portugal und Spanien.

Leerkündigung
Seit der Leerkündigung Mitte Februar hat sich unter der Bewohnerschaft Widerstand entwickelt. - Mai Hubacher

Wird die Kündigung wirklich in Kraft treten, überlegen sich einige laut Läuppi, zurück in ihre frühere Heimat zu ziehen. Sie könnten sich die Mieten hier in Zürich schlicht nicht mehr leisten.

Ähnlich gehe es der älteren Bewohnerschaft: Viele Seniorinnen und Senioren planten bereits den Umzug in ein Altersheim, so Läuppi.

Ihnen greift der Mieterinnen- und Mieterverband unter die Arme: Mit der Anfechtung will man einen Rückzug oder zumindest eine maximale Erstreckung der Kündigungen erwirken.

Wie viele der Bewohnerinnen und Bewohner diesen Weg gehen, dazu will sich der Verband nicht äussern. Die Eigentümerschaft ist derweil überzeugt, alle gesetzlichen Vorgaben für eine Kündigung zu erfüllen.

Chiriatti kennt die Verantwortlichen aus einem früheren Arbeitsverhältnis persönlich. «Es enttäuscht mich sehr, dass die Musikvertrieb AG eine solche Entscheidung getroffen hat. Ich appelliere an ihre menschliche Ader: Vergesst die Menschen hier bitte nicht!»

***

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst bei Tsüri.ch erschienen. Autorin Miriam Thölke ist Praktikantin beim Zürcher Stadtmagazin.

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