Über 100 Leute kämpfen um diesen Baum in Oerlikon

Eine markante Zeder in Oerlikon soll einem Neubau weichen. Der Fall entfacht erneut die Debatte über Verdichtung und Baumschutz.

Das Wohnhaus am Probusweg 5 in Oerlikon ist ausgesteckt. Besonders daran ist, dass die Bauvisiere auch eine hohe Zeder, die das dreistöckige Gebäude weit überragt, miteinschliessen. Der Baum soll also bald verschwinden.
«Dieser Baum ist einer der wenigen hohen Bäume, die wir im Quartier noch haben», sagt Margrit Leu, die mit ihrem Mann Hans in der Nachbarschaft wohnt. Diese Zeder sei wichtig für Vögel und Eichhörnchen. Sogar ein Kauz sei dort gesichtet worden.
«Ohne diesen Baum wirkt die Umgebung steril», findet Margrit Leu. Sie schätzt, dass der Baum bereits seit mindestens 40 Jahren am Probusweg stehe.
Andere vermuten, der Baum sei sogar hundert Jahre alt. Gesichert scheint ein Alter von mindestens 75 Jahren zu sein. Ein Luftbild aus dem Jahr 1951 zeigt den Baum bereits auf dem Grundstück.

Das Ehepaar Leu schritt zur Tat und platzierte ein Plakat beim Baum, in Deutsch und Englisch: «Hilfe – Hilfe – Hilfe! Man will mich umbringen. Ich bin ein gesunder, grosser Baum und stehe schon lange hier. Warum muss ich sterben? Ich gebe euch seit Jahrzehnten Schatten, Sauerstoff und Vogelgezwitscher. Bitte helft!»
Eine Petition für den Erhalt des Baums haben in der Zwischenzeit rund 100 Personen unterschrieben. Die Unterschriften sollen dem Hochbaudepartement übergeben werden.
Auch andere Quartierbewohnende sind verärgert. Frank Arnold, der in der Umgebung sein Geschäft hat, ist überzeugt: «Der Baum prägt das Quartierbild und ist Teil jenes gewachsenen Stadtgrüns, das Zürich gerade in Zeiten von Hitze, Verdichtung und Verlust an Aufenthaltsqualität dringend braucht.»
Und auch Grün Stadt Zürich bezeichnet den Baum als Erhaltenswert.
Mehr als ein Baum
Die Firma Halter, die das Bauprojekt für die Wohnbau Schweiz AG ausführt, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Bauherrschaft hält im Baugesuch fest: «Die Anzahl Bäume auf dem Grundstück wird von ursprünglich drei auf insgesamt sieben erhöht.»
Die Tulpen-Magnolie, die direkt an der Strasse steht, bleibe erhalten. «Als Ersatz für die erhaltenswerte Blaue Atlaszeder wird eine ökologisch wertvolle Trauben-Eiche gepflanzt.»
Weiter wird darauf hingewiesen, dass ein Grossteil der neu vorgesehenen Bäume einheimische Arten ist. Noch wurde die Baubewilligung nicht erteilt.
Die Rekursfrist für das Bauprojekt ist aber am 7. Juli abgelaufen. «Es geht hier nicht nur um einen einzelnen Baum», sagt Frank Arnold.
«Es geht um eine grössere Frage: Wie viel gewachsene Lebensqualität, Stadtbild und Natur ist Zürich bereit, zugunsten weiterer baulicher Verdichtung aufzugeben? Nach meinem Verständnis stehen alte und grosse Bäume in Zürich heute unter besonderem Schutz beziehungsweise sind zumindest fällbewilligungspflichtig.»
Gerade deshalb stellen sich ihm mehrere Fragen: Wurden alle Möglichkeiten geprüft, den Baum zu erhalten? Wurde eine Fällbewilligung erteilt? Wurde transparent abgewogen zwischen privaten Bau- beziehungsweise Renditeinteressen und dem öffentlichen Interesse am Erhalt des Stadtbilds, der Biodiversität und der Hitzeminderung?
«Solche Baumfällungen betreffen nicht nur einzelne Grundeigentümer, sondern die Stadtgesellschaft insgesamt», betont er.
Mit der revidierten Bau- und Zonenordnung, die vor Kurzem öffentlich auflag, gilt per sofort eine Bewilligungspflicht zur Fällung von Bäumen ab einem Stammumfang von 100 Zentimetern, wie Grün Stadt Zürich festhält. Dies ist bei der erwähnten Zeder der Fall.
Für Neubauten sind zudem oft Baumpflanzpflichten und Beschattungsquoten vorgeschrieben, um die Klimaanpassung zu fördern. Wird eine Fällung bewilligt, ist meist eine «angemessene Ersatzpflanzung» vorgeschrieben, die dieselbe Kühlleistung und Beschattung erbringen soll, so Grün Stadt Zürich weiter.

Der Verlust von Baumkronenflächen durch Bauprojekte ist durch die städtische Nachverdichtung zu einer zentralen Herausforderung geworden. In Zürich ist die Baumbeschattung seit 2014 kontinuierlich zurückgegangen, was vor allem an privaten Ersatzneubauten, Tiefgaragen und strengen Grenzabständen bei Neubauten liegt.
Die Fläche der Baumkronen, also die Summe aller von Bäumen beschatteten Flächen im Siedlungsgebiet, hat zwischen 2018 und 2022 gemäss Analysen der Stadt um 64 Hektar abgenommen. Dieser Verlust entspricht rund 90 Fussballfeldern.
Am Probusweg 5 ist ein Mehrfamilienhaus mit 19 statt bisher 7 Wohneinheiten geplant, dazu neun Autoabstellplätze plus 15 Velo- und Motorradabstellplätze in der Tiefgarage, ein Autoparkplatz und 30 Velo- und Motorradabstellplätze im Freien und eine Photovoltaikanlage auf dem Flachdach.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.






