Schleichwerbung? Ex-Kokser darf bei SRF seine Marke platzieren

Nasenrümpfen wegen einem Koks-Dok im SRF. Ein ehemaliger Süchtiger zeigt sein neues Leben – und darf seine Kleidermarke platzieren.

Das Wichtigste in Kürze
- Ronny Thoma erzählt in einem SRF-Dok, wie er als Koks-Süchtiger lebte.
- Der mittlerweile cleane 47-Jährige darf immer wieder seine eigene Kleidermarke zeigen.
- Ein Anwalt hält die Frage nach Schleichwerbung für berechtigt.
- SRF wehrt sich und sagt, journalistisch sei alles gut.
Ronny Thoma (47) kommt von ganz tief unten. Er hat über 20 Jahre lang Kokain konsumiert. Im ehemaligen Hotel Regina an der Zürcher Langstrasse hatte er manchmal mehrere Zimmer gleichzeitig, traf sich mit mehreren Frauen.
«Sex, Drogen, Alkohol», beschreibt er die Partys, die mehrere Tage dauerten.
Wenn er am Donnerstag in den Ausgang ging, musste ihn am Dienstag ein Familienmitglied rausholen. Mit Koks und Base (rauchbares Kokain) sei er tagelang wach gewesen. Bis 20'000 Franken habe er so pro Wochenende verprasst. Er habe eine «traurige Leere» in sich gespürt.
Heute ist Thoma clean. Er hat sein Leben komplett umgekrempelt. Seine Geschichte erzählt er im SRF-Dok zum Thema «Kokain-Flut» von Simon Christen.
20'000 Franken pro Wochenende verprasst
Thoma läuft mit dem TV-Reporter durch die Sündenmeile, erzählt Erschütterndes aus seinem Leben.
Und während es das tut, sticht eines immer wieder ins Auge: Sein graues T-Shirt mit dem leuchtenden Namen einer Modemarke, die man als Zuschauer nicht kennt.
Als er den Reporter in seine Zürcher Wohnung lässt, spricht auch seine Frau Livia über ihren früheren Konsum. Auch sie trägt einen grauen Pulli derselben Marke, prominent ins Bild gerückt.

Modesschau auf SRF
Thoma führte einst auch ein Laufhaus mit Prostituierten. Mit dem TV-Team und seiner Frau besucht er das alte Lokal, das heute ein Coiffeurladen ist. Spätestens jetzt wundert sich der Zuschauer.
Denn: Das Paar trägt quasi Partnerlook in grau und orange – mit wieder demselben Markennamen drauf.
In einer späteren Szene geht die Modeschau weiter – diesmal trägt Livia ein blaues Tanktop der Marke.
Wer jetzt noch nicht hellhörig wurde, wird zum Schluss vom Sprecher aus dem Off aufgeklärt: Die beiden «sind jetzt daran, ein Kleiderlabel aufzubauen», heisst es. Und er nennt es auch noch namentlich.
Schleichwerbung im SRF?
Anwalt denkt an Schleichwerbung
Die prominent erwähnte Marke fällt auch Rechtsanwalt Martin Steiger auf. Die Frage, ob ein Verstoss gegen das Verbot von Schleichwerbung vorliegt, hält er «für berechtigt». Denn bei einer Dokumentation sei mehr Zurückhaltung geboten als beispielsweise bei einer Sportübertragung.
Steiger findet vor allem: «Es hätte problemlos auf diese ausdrückliche Nennung verzichtet werden können, zumal die Marke erst dadurch an relevanter Sichtbarkeit gewonnen hat.»

Sogar das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat Bedenken.
Zwar könne das Zeigen eines Markenlogos durch einen redaktionellen Bezug gerechtfertigt sein. Dieser sei hier gegeben, weil im Koks-Dok erklärt wird, dass Ronny und Livia mittlerweile keine Drogen mehr nehmen und daran sind, das Kleiderlabel aufzubauen.
Doch: «Etwas störend dabei ist zwar, dass die entsprechenden Kleider während der ganzen Sendung getragen werden und die Erklärung des Aufbaus des Kleiderlabels erst gegen Ende der Sendung erfolgt.»
Dennoch will man nicht eingreifen. Die Schwere des Falls für ein Aufsichtsverfahren sieht das Bakom als «nicht gegeben».
SRF sieht kein Problem
SRF wehrt sich gegen die Kritik. «Die Marke wurde weder gezielt in Szene gesetzt noch werblich hervorgehoben», heisst es auf Anfrage. «Es bestand keinerlei Gegenleistung, und es gab keine werbliche Absicht. Aus diesen Gründen handelt es sich aus unserer Sicht um eine dokumentarische Abbildung der Realität, nicht um Schleichwerbung.»

Dass der Sprecher die Marke am Schluss sogar noch namentlich erwähnt, findet man bei SRF «journalistisch sinnvoll». Und: Man würde den Dok noch einmal genau so machen.
Ronny Thoma bat nicht um Werbung
Ronny Thoma selbst dürfte sich über die teure Gratis-Werbung freuen. Er beteuert gegenüber Nau.ch, seine Kleider nicht zur Bedingung des TV-Drehs gemacht zu haben. «Es gab von unserer Seite keinerlei Bedingungen gegenüber dem SRF. Wir haben auch nicht aktiv darum gebeten, unsere Marke tragen zu dürfen.»
Er und seine Partnerin hätten schlicht ihren Alltag gezeigt, zu dem auch ihre Kleidung gehöre. Und die ist halt einfach in jedem Schnitt zu sehen.
Kapuzenpulli kostet 147 Franken
Die Marke auf seinen Shirts sei ein gemeinnütziger Verein. Mit diesem wollen er und seine Frau Menschen mit Suchterkrankungen, traumatischen Erfahrungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung eine Stimme geben.
Geht man auf die Website, kann man viele verschiedene Sport-Produkte kaufen. Etwa einen Hoodie für stolze 147 Franken oder ein T-Shirt aus Merinowolle für 69 Franken.
Ob er seit dem Dok mehr Stücke verkauft hat, lässt Thoma unbeantwortet.







