Mehr Platz für Gleise: Winterthur ZH soll Bahnhof verschieben

Der Hauptbahnhof Winterthur braucht mehr Platz. Zwei Politikerinnen wollen deshalb das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude verschieben lassen.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Bahnhof Winterthur stösst zunehmend an seine Kapazitätsgrenzen.
- Zwei Politikerinnen wollen das historische Bahnhofsgebäude verschieben.
- Eine solche Variante wurde bereits 2021 geprüft und gilt als technisch machbar.
- Die Denkmalpflege warnt allerdings vor einem Verlust des Ortsbezugs.
Am Hauptbahnhof Winterthur ZH wird der Platz langsam knapp. Zu Stosszeiten sind dort rund 15'000 Menschen unterwegs. Doch der Bahnhof verfügt nur über sieben Durchfahrtsgleise. Mit dem weiter wachsenden Bahnverkehr dürfte das langfristig nicht reichen.
Deshalb wird immer wieder über einen Ausbau diskutiert.
Das Problem: Zusätzliche Gleise lassen sich praktisch nur in Richtung des historischen Bahnhofsgebäudes bauen. Und genau dort wird es eng.
Zwei Stadtparlamentarierinnen bringen deshalb eine ungewöhnliche Lösung ins Spiel: Das Gebäude soll verschoben werden.
Politikerinnen wollen Verschiebung prüfen
Daniela Roth-Nater (EVP) und Iris Kuster (Mitte) haben dazu eine schriftliche Anfrage beim Stadtrat eingereicht. Sie wollen unter anderem klären lassen, was eine Verschiebung kosten würde und wie realistisch sie wäre.
Roth-Nater stellt sich eine Verschiebung um rund sechs bis acht Meter in Richtung Postgebäude vor, also weg von den Gleisen.

«Die Ansprüche an den Raum sind extrem vielschichtig», sagt sie zu Nau.ch.
Für sie ist entscheidend, dass sich Winterthur mit den heutigen Planungen einen späteren Ausbau auf acht Durchgangsgleise nicht verbaut.
Historisches Gebäude soll intakt bleiben
Für Roth-Nater spricht noch etwas für die Verschiebung: der Denkmalschutz.
Das historische Bahnhofsgebäude könnte so möglichst unangetastet bleiben. «Das städtisch wie auch national bedeutende Gebäude» könne dadurch intakt erhalten werden, sagt sie.

Zudem würde es ihrer Ansicht nach städtebaulich wieder stärker in den Vordergrund rücken.
Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.
Verschiebung wurde bereits geprüft
Bereits 2021 untersuchten Stadt Winterthur und SBB verschiedene Varianten für die langfristige Entwicklung des Bahnhofs. Eine davon sah ebenfalls vor, das historische Bahnhofsgebäude zu verschieben.
Das Fazit damals: Technisch wäre das grundsätzlich machbar.
Dafür müsste das Gebäude zuerst stabilisiert und anschliessend auf einer speziellen Konstruktion Stück für Stück verschoben werden.
Der Aufwand wäre allerdings beträchtlich. Das Gebäude müsste während der Arbeiten für längere Zeit ausser Betrieb genommen werden. Auch auf dem Bahnhofplatz und bei den Zugängen zu den Unterführungen wäre mit Behinderungen zu rechnen.
Züge könnten trotzdem weiterfahren
Roth-Nater geht dennoch davon aus, dass der eigentliche Zugbetrieb weitgehend weiterlaufen könnte. Die Bahnhofsnutzungen im Gebäude seien gering und könnten für die Dauer der Verschiebung relativ einfach ausgelagert werden, sagt sie.
Eine konkrete Kostengrenze nennt die EVP-Politikerin nicht.
Entscheidend sei am Ende das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis.
ETH-Professorin sieht Vorteile
Auch Silke Langenberg, Professorin für Konstruktionserbe und Denkmalpflege an der ETH Zürich, hält eine Verschiebung grundsätzlich für möglich.
Sie sieht darin sogar Vorteile gegenüber einem stärkeren Eingriff in das Gebäude.
«Ein Gleis durchs Gebäude klingt viel weniger denkmalverträglich als das Gebäude zu verschieben», sagt Langenberg gegenüber SRF.

Eine Verschiebung sei allerdings ebenfalls eine «massive bauliche Massnahme».
Besonders aufwendig seien die Arbeiten im Untergrund. Das Gebäude müsse abgefangen und der Untergrund entsprechend vorbereitet werden.
Denkmalpflege warnt vor Verlust des Ortsbezugs
Die kantonale Denkmalpflege kennt die konkrete Winterthurer Idee nach eigenen Angaben bislang nicht. Sie äussert sich deshalb nur grundsätzlich zu sogenannten Translozierungen.
«Denkmäler sind grundsätzlich ortsgebundene Objekte», sagt Jonas Schädler, Bauberater bei der Denkmalpflege des Kantons Zürich.

Ein historisches Gebäude stehe immer in engem Bezug zu seiner Umgebung. Deshalb solle es in der Regel nicht versetzt werden.
Ausnahmen seien aber möglich.
Wenn sich dadurch der Verlust eines Gebäudes verhindern lasse, könne eine Verschiebung durchaus sinnvoll sein.
Im Kanton wurden schon Häuser verschoben
Ungewöhnlich wäre ein solches Unterfangen im Kanton Zürich jedenfalls nicht. Das alte Bahnhofsgebäude in Aathal wurde 1992 rund 100 Meter verschoben, weil ein neues Bahntrassee gebaut wurde.
2024 wurde zudem der Mattensteg über die Sihl rund 80 Meter versetzt.
Und beim Bahnhof Zürich Oerlikon wanderte das ehemalige MFO-Gebäude beim Ausbau der Bahnanlagen rund 60 Meter.
Ein ganzes Gebäude zu verschieben klingt also spektakulär, ist technisch aber längst erprobt.
Stadt hält sich zurück
Die Stadt Winterthur selbst will sich zur konkreten Forderung derzeit nicht äussern.
Bei politischen Vorstössen komme die Antwort vom Stadtrat, erklärt Kommunikationsbeauftragter Michael Graf auf Anfrage von Nau.ch. Die Verwaltung wolle der Stadtregierung nicht vorgreifen.
Für die schriftliche Anfrage von Daniela Roth-Nater und Iris Kuster hat der Stadtrat drei Monate Zeit, um Stellung zu nehmen.








