Maag Halle: Ein Zürcher Kulturort in Gefahr – das sagt Co-Gründer

Die Maag Halle feiert ihr 25-Jahr-Jubiläum. Co-Gründer Darko Soolfrank blickt zurück und spricht über die ungewisse Zukunft des Kulturorts.

Was als Provisorium begann, ist längst ein Stück Zürcher Kulturgeschichte. Vor 25 Jahren wurde die Maag Halle im Kreis 5 für das Musical «Deep» errichtet – mit dem Plan, nach drei Jahren wieder zu verschwinden. Doch die Halle blieb.
Rund zehn Millionen Menschen haben sie seither besucht: für Musicals und Konzerte, Fernsehshows, Events und Ausstellungen. Nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler gaben sich hier die Klinke in die Hand – von Hecht über Lady Gaga und Ed Sheeran bis zu Imagine Dragons.
Produktionen wie «Ewigi Liebi», «Die Schweizermacher» und «Billy Elliot» prägten die Geschichte des Hauses ebenso wie «MusicStar» oder «Die grössten Schweizer Hits».
Von 2017 bis 2021 war die Halle zudem Ausweichquartier der Tonhalle. Aus einem Zwei-Mann-Betrieb entstand mit Maag Moments ein Unternehmen mit rund 80 Festan gestellten und 300 Freelancern.
Darko Soolfrank (58) eröffnete 2002 mit seinem Geschäftspartner Guido Schilling die Halle mit der Eigenproduktion «Deep». Was ihn nach 30 Jahren in der Branche noch antreibt?
«Die Menschen, der kreative Austausch, spannende Produktionen, die Gastronomie – das ist höchst inspirierend. Für mich ist ausserdem die Sinnhaftigkeit im Job wichtig. Es geht mir darum, Menschen vor und hinter der Bühne zusammenzubringen und gemeinsam etwas zu erleben.»
Zum 25-Jahr-Jubiläum steht die Halle vor einer grossen Veränderung. Jahrelang plante die Eigentümerin Swiss Prime Site, die Hallen abzureissen und durch das Neubauprojekt «Maaglive» mit einem Wohnturm zu ersetzen.
Abriss ist vom Tisch
Nach Einsprachen und mehreren Gerichtsverfahren kam im Juni 2026 die überraschende Wende: Die Hallen bleiben erhalten und sollen ab Mitte 2029 für rund 60 Millionen Franken saniert werden.
Damit ist der Abriss vom Tisch, die Zukunft des heutigen Kulturbetriebs aber ungeklärt. Der Mietvertrag von Maag Moments läuft Ende Mai 2029 aus und wurde letztmals verlängert.
Danach soll die Halle neu ausgerichtet werden. Geplant ist eine langfristige Nutzung durch die Universität Zürich: Die historischen Hallen sollen zum neuen Standort des Naturhistorischen Museums werden.

Redaktion: Aus einer temporären Idee wurde eine dauerhafte Institution und ein Teil der Zürcher Identität. Was macht Sie persönlich stolz, wenn Sie auf die Geschichte der Maag zurückblicken?
Darko Soolfrank: Die Maag Halle und die Mitarbeitenden haben in den letzten 25 Jahren einen sehr guten Job gemacht. Es war natürlich nicht immer einfach. Wir hatten schlaflose Nächte und sind finanziell unter Druck gekommen.
Aber wir sind auch Stehaufmännchen. Wir hatten immer wieder Chancen. Dass sich beispielsweise MusicStar bei uns eingemietet hat, war eine solche Chance.
Daraus ist die Idee für das Musical «Ewigi Liebi» entstanden – unsere Erfolgsproduktion. Für mich ist es sinnhaft, die Stadt Zürich durch Kultur zu beleben und lebenswerter zu machen.
Redaktion: Was will das Publikum heute, was es vor 25 Jahren nicht wollte?
Soolfrank: Es möchte abschalten und für ein paar Stunden in eine andere Welt eintauchen. Wenn es zudem eine Botschaft mitnehmen kann, umso besser!
Wir leben heute auf mehreren Kanälen gleichzeitig, oft in der digitalen Welt. Im Theater diese analoge Zeit bewusst zu geniessen, wird immer wichtiger.
Redaktion: Ein Teil der Maag Halle verwandelt sich bald wieder in eine illuminierte Kunstgalerie. Sie schaffen damit einen spielerischen Zugang zur Kunst. Wie kommt das beim Publikum an?
Soolfrank: Sehr gut! Nach dem Auszug der Tonhalle brauchten wir eine Nachfolgelösung. Ich habe immer versucht, Trends frühzeitig wahrzunehmen.
Es geht darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Corona hat gezeigt, dass die Menschen solche immersiven Erlebnisse schätzen. Bei «Marilyn Monroe» haben sich aber weniger Menschen interessiert, als wir uns erhofft hatten.
Heute machen wir zunehmend eigene Produktionen. «VINCENT» Van Gogh immersiv ist eine davon und wird, nachdem wir damit bereits in Berlin, München und Bratislava waren, im September bei uns Schweizer Premiere feiern.
Redaktion: Der Mietvertrag läuft 2029 aus. Was würde das Ende Ihres Betriebs für die Zürcher Kulturszene bedeuten?

Soolfrank: Wir haben hier einen Kulturort geschaffen. Und es gibt heute nicht mehr viele solche Industriebrachen in Zürich. Die Stadt ist gebaut. Wo sind wir daheim, wenn uns die Maag Halle nicht mehr zur Verfügung steht?
Sie ist die Basis unserer Kreation, unseres Schaffens und wichtige Arbeitgeberin für Bühnenschaffende und mehr. Gleichzeitig hat uns dieser Druck immer wieder erfinderisch und kreativ werden lassen.
Ich sehe uns als einen der Leuchttürme der Bühnenkunst in Zürich, aber als Gegenpol zur subventionierten Kultur. Unser Ziel ist es, dass wir die Geschichte auch nach der Ära der «Maag-Hall» weiterschreiben, weil unsere Inhalte scheinbar ein echtes Bedürfnis sind. Wir produzieren Seelenbalsam für die Schweiz.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.







