Zürichsee: Stadt-Archäologe schlägt Alarm!

Die Nutzung des Zürichsees bedroht die Fundstellen der Pfahlbauer. Die Unterwasserarchäologie versucht, sie zu schützen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die rege Nutzung des Zürichsees bedroht die Fundstellen der Pfahlbauer.
- Die Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich versucht, diese zu schützen.
- Doch ein Verlust der Substanz sei unvermeidlich.
Die Hölzer der prähistorischen Pfahlbausiedlungen im Zürichsee sind kostbare archäologische Schätze einer Zeit, von der wir wenig wissen. Doch nun drohen diese Funde für immer zu verschwinden.
«Viele Fundstellen sind durch die Erosion stark bedroht», sagt Andreas Mäder, Leiter der Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich. Grund dafür seien einerseits natürliche Einflüsse, wie der Wind, der Wellen erzeugt, welche die Sedimente am Seegrund abtragen.
Aber es gebe auch menschengemachte Gründe. So habe der Nutzungsdruck auf dem See stark zugenommen. «Auf und im See wird gebadet, getaucht, geböötelt, gefischt und gebaut, das alles trägt zur Erosion der Fundstellen bei und legt die fragilen Funde frei», sagt Mäder.
Der Unterwasserarchäologe erklärt, dass die Sedimente, die sogenannte Seekreide, über Jahrtausende eine dichte Schicht bildeten, welche die Funde wie ein Deckel versiegelten. Dadurch wurde der Zerfall stark gebremst oder ganz gestoppt.

Mit der Erosion gelangt Sauerstoff an die Funde und damit auch Mikroorganismen, welche die organische Substanz abbauen. Sobald die schützende Sedimentschicht weg ist, verrotten die Pfahlbaufunde. «Wenn es so weitergeht, wird in wenigen Generationen kaum mehr etwas übrigbleiben», sagt Mäder.
Zwei Fundstellen
Die Pfahlbauer bauten ihre Häuser über dem Wasser und lebten vor rund 5000 Jahren in der Stein- und Bronzezeit in der Alpenregion. Die Unesco hat Reste dieser Bauten im Jahr 2011 ins Welterbe aufgenommen. Es umfasst 111 ausgewählte Pfahlbaufundstellen aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Slowenien.
Von den elf Stellen in Zürcher Gewässern befinden sich zwei in der Stadt Zürich. Beim Kleinen Hafner in der Nähe des Arboretums datieren die frühesten Zeugnisse auf die Zeit um 4400 v. Chr.
Die Fundstelle zeugt somit von den Anfängen der Pfahlbauer. Im Alpenquai beim Bellevue zeugen hingegen Funde aus der Zeit um 800 v. Chr. vom Ende des Phänomens.
Der erste Fund von Pfahlbauten wurde im Jahr 1854 gemacht. Dies löste eine regelrechte Euphorie aus. Die Überreste der Pfahlbauer wurden bis nach New York verkauft. Der bedeutende Historiker Ferdinand Keller hielt die Funde anfangs für keltisch.
Kies schützt Funde
Unterwasserarchäologe Andreas Mäder leitet ein Team von fünf Tauchern, die tagtäglich nur wenige Meter vom Seeufer entfernt und nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche nach Funden suchen. Nicht nur Hölzer, sondern auch Reste von Gefässen, Kleidung, Fischnetzen und Esswaren werden häufig gefunden.
Laut Mäder gibt es Hunderttausende Funde. Sein Team vermisst und dokumentiert die Fundstellen, nimmt Proben der Pfahlbauten und datiert diese genau mittels Dendrochronologie, einer Methode, die es ermöglicht, anhand der Ringe im Holz auf ein genaues Datum zu schliessen.
Die Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich spielt in der Schweiz eine wichtige Rolle. Sie hat einen denkmalschützerischen Auftrag von den Kantonen Zürich, Schwyz, St. Gallen, Zug, Luzern und Aargau. Somit forscht sie in einer ganzen Reihe von Seen in der Nord- und Zentralschweiz.

«Da wir keine schriftlichen Quellen aus dieser Zeit haben, liefern die Funde wichtige Erkenntnisse über das Leben der Pfahlbauer», sagt Mäder. So habe man zum Beispiel durch die Analyse von ortsfremden Materialien – wie etwa einem Feuersteindolch aus Norditalien, der beim Parkhaus Opéra gefunden wurde – herausgefunden, dass die Pfahlbauer regen Handel mit angrenzenden Gebieten betrieben.
Um die Fundstellen zu schützen, deckt die Unterwasserarchäologie gewisse Bereiche mit einem Vlies zu und überschüttet sie mit einer 15 bis 20 Zentimeter dicken Kiesschicht. Dies verhindert die mechanische Zerstörung durch die Strömung.
Bei grossen Stellen wie etwa bei Rapperswil-Jona macht dies eine Wasserbaufirma mit einem Schiffsbagger, kleinere gefährdete Flächen wie in Küsnacht bedecken die Behörden selbst. In der Stadt wurde bereits die Fundstelle Kleiner Hafner so gesichert. Es werden auch Sperrzonen durch Bojen eingerichtet, damit die Schiffe nicht über den Funden ankern.
«Es ist wichtig, die Stellen für die Forschung der künftigen Generationen zu bewahren, sie sind Teil unserer Identität», sagt Mäder. Doch laut Mäder ist die Bewahrung aller Fundstellen ein Kampf gegen Windmühlen.
Von einer Viertelmillion Quadratmetern gefährdeter Fundstellen seien nur rund 3000 Quadratmeter mit Kies bedeckt. «Wir schützen die Fundstellen so gut wie es geht, doch nur ein Bruchteil ist gesichert», sagt Mäder.
Man könne nicht alle Fundstellen sofort mit Kies bedecken, denn zuerst müsse man diese inventarisieren, das sei der öffentliche Auftrag. Deswegen sei klar: «Es wird in den nächsten Jahrzehnten einen substanziellen Verlust an archäologischem Material geben, das können wir nicht restlos verhindern», so der Experte.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.






