Winterthur

Deshalb wollte Winterthur einst eine teure Schneeschmelz-Anlage

Winterthurer Zeitung
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Winterthur Stadt,

Vor 50 Jahren entstand beim Untertor die erste Fussgänger-Zone in der Winterthurer Altstadt. Zeitzeuge Urs Schoch erinnert sich.

Urs Schoch setzte sich vor 50 Jahren für die Ausebnung der Untertor-
Gasse ein.
Urs Schoch setzte sich vor 50 Jahren für die Ausebnung der Untertor-Gasse ein. - Sandro Portmann

Am 20. August 1976, also vor 50 Jahren, wurde das frisch ausgeebnete Untertor eingeweiht. Es war die erste Gasse der Winterthurer Altstadt, die von den störenden Trottoirs befreit und als durchgehende Fläche mit roten Porphyrplatten belegt wurde.

Urs Schoch, Unternehmer und langjähriger Präsident der Untertor-Vereinigung ist ein Zeitzeuge und erinnert sich gut an die Ausebnung des Untertors 1976.

Redaktion: Urs Schoch, wie müssen wir uns das Untertor in den 1960er- und 1970ern vorstellen?

Urs Schoch: Es gab beidseitig Trottoirs und eine Fahrbahn, an deren Rand sogar noch Parkfelder der Blauen Zone markiert waren. Man konnte mit dem Auto vom Bahnhofplatz und von der Münzgasse her hineinfahren.

Und obwohl bereits ab den frühen 1960er-Jahren nur noch Güterumschlag und Zubringerdienst erlaubt waren, hatte es immer noch ziemlich viele Autos. Nach Feierabend gab es auch zahlreiche Velofahrer.

Winterthur Altstadt
Die Marktgasse in der Winterthurer Altstadt. - keystone

Redaktion: Was für ein Zeitgeist herrschte damals in den Geschäften?

Schoch: Das Angebot war äusserst vielfältig. Von Bäckereien und Metzgereien, über Haushaltwaren, Kleider, Schuhe, Papeterie, Raucherwaren, Uhren und Schmuck gab es fast alles zu kaufen.

Natürlich existierten auch mehrere, gut besuchte Restaurants und Cafés. Die Geschäfte waren zum grössten Teil generationenalte Familienbetriebe, die recht verschlafen vor sich hin dämmerten: Man musste ja nichts aktiv unternehmen, das Geschäft lief sowieso.

Denn das Untertor und die Marktgasse, generell die Altstadt, das war noch das unbestrittene Zentrum von Winterthur. Unter diesen Umständen sah die alte Generation lange keinen Handlungsbedarf.

Aber immerhin beriefen die Alten mit dem Gemüsehändler Tino Tenti und mir zwei damals etwa Dreissigjährige in den Vorstand.

Redaktion: Das änderte sich dann aber Mitte der 1960er. Es kam eine Zeit der Umwälzung.

Schoch: In der Tat! Man könnte sagen, es tauchten dunkle Wolken am Horizont auf und ich glaube, wir Jungen nahmen sie eher wahr: Neue Einkaufsformen wie die Selbstbedienung, Discounter oder grosse Shopping Center kamen langsam aus Amerika zu uns.

Und mit dem allgemein steigenden Wohlstand während der Hochkonjunktur nahm die individuelle Motorisierung stark zu, wodurch auch das Verkehrs- und das Parkplatzproblem in der Altstadt wuchs: So war es zu jener Zeit gang und gäbe, mit dem Auto gleich bei den Altstadt-Geschäften vorzufahren.

Sollten Innenstädte stärker vom Autoverkehr befreit werden?

Dadurch wurden aber die Fussgänger zunehmend behindert. Denn auch das störungsfreie Flanieren, Lädelen, Einkaufen – eben, das Shoppen, wie es die neuen Shopping-Center anboten – war ein von der Hochkonjunktur begünstigtes Phänomen und wurde immer beliebter.

Redaktion: Mussten Sie für das Ausebnungs-Projekt gegen grosse Widerstände ankämpfen?

Schoch: Dass der Trend immer mehr in Richtung verkehrsfreie Einkaufsstrassen ging, sahen nicht nur wir von der jungen Generation. Vor allem im Ausland waren bereits in diversen Städten die Gassen ausgeebnet und Fussgängerzonen geschaffen worden.

Auch die Stadt Winterthur hatte die Zeichen der Zeit erkannt, wollte den veränderten Einkaufsbedürfnissen Rechnung tragen und sich von den hinderlichen Trottoirs verabschieden.

Die Initiative der Untertörler kam ihr also als Pilotprojekt gerade recht und fand grundsätzlich wohlwollende Unterstützung. Aber die Behörden und die Bürger mussten natürlich trotzdem einbezogen werden und somit wurde es ein längerer Prozess.

Redaktion: Wie lief dieser ab?

Schoch: Das Finanzierungskonzept sah vor, dass die Stadt einen Teil der Kosten übernehmen sollte und das Gewerbe den Rest selber trug. Im Frühjahr 1972 gaben fast alle Untertor-Anstösser eine schriftliche Zusagen für eine Beteiligung an den Ausebnungskosten ab.

Bis auf zwei Ausnahmen, deren Anteile dann der Untertor Verein übernahm, um geschlossen auftreten und das Projekt zügig weiter vorantreiben zu können. So stiegen wir geeint in die Verhandlungen mit den Behörden ein – und glaubten, dass 1973 mit dem Bau begonnen werden könne.

Winterthur Altstadt
Die Altstadt von Winterthur. - Depositphotos

Das Projekt wurde von der Baukommission und vom Grossen Gemeinderat denn auch zügig genehmigt – scheiterte aber am 23. September 1973 an der Urne. Dies ganz klar wegen der Koppelung der Vorlage an eine teure Schneeschmelzanlage, die hindernisfreies Shoppen auch im Winter hätte ermöglichen sollen.

Redaktion: Aus heutiger Sich eine absurde Idee!

Schoch: Ja schon, aber wir waren von unserer Vision überzeugt und machten schon am nächsten Werktag weiter! Bereits gut zwei Wochen später beschlossen die Untertörler, das ganze Projekt auf eigene Kosten zu realisieren, allerdings ohne die Schneeschmelzanlage.

Dann ging es in die Detailplanung mit der Stadt und im Frühjahr 1975 wurde die Budgetvereinbarung genehmigt.

Jubiläumsfest

Natürlich wird das 50 Jahre Jubiläum auch am Untertor noch einmal gefeiert: Am Samstag, 3. Oktober, gibts gratis Risotto und Salsiccie, Rosswagenfahrten und Ballone, Clowns, Seifenblasen und ein Kinder-Jodelchörli.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.

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