Abfall untersucht: So viel unnötiger Müll steckt in den «Zürisäcken»

Die Analyse der «Zürisäcke» zeigt ein durchzogenes Bild: Abfalltrennung und Recycling sind nur durchschnittlich, Lebensmittelverschwendung bleibt ein Problem.

Erstmals hat die Stadt untersucht, was sich so alles in den «Zürisäcken» der Bevölkerung befindet – und kommt auf ein ernüchterndes Fazit. Herr und Frau Zürcher sind bei der Abfalltrennung und Recycling im nationalen Vergleich nur Durchschnitt – und stopfen viele Lebensmittel in den Müll, die noch verzehrbar wären.
Jörg Solèr hat bei der Präsentation der ersten «Abfallanalyse Stadt Zürich», die am letzten Freitag im «Josy» präsentiert wurde, sofort ein Beispiel für eines der grössten Sorgenkinder parat. «Der Klassiker sind die Joghurts. Sehr oft werden sie weggeschmissen, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist», erzählt der Direktor von Entsorgung und Recycling Zürich ERZ.
«Doch bei gekühlter Lagerung kann man ein Joghurt gut zwei Monate nach Ablauf dieses Datums immer noch bedenkenlos essen.» So aber tragen die abgelaufenen Joghurts zur Masse der noch verzehrbaren Lebensmittel bei, die im Abfall landen.
19,6 Prozent, also beinahe ein Fünftel des analysierten Haushaltsmülls machen sie aus und selbst beim Betriebskehricht bilden die sogenannten «vermeidbaren Lebensmittel» mit 15,9 Prozent die zweitstärkste Kategorie.

Insgesamt fallen in der Stadt Zürich jährlich 65 517 Tonnen Hauskehricht an, wie Stadträtin Simone Brander an der Medienkonferenz im Tauschbrocki des «Josy» erklärte. Weiter entstünden bei der Verbrennung des Stadtzürcher Mülls 134 051 Tonnen direkte, fossile CO₂-Emissionen sowie ein Vielfaches an indirekten Emissionen ausserhalb der Stadt.
«Abfall ist damit ein zentraler Faktor der Klimapolitik», so die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements. Ziel sei es, indirekte Emissionen bis 2040 um 30 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.
Um herauszufinden, wo man konkret den Hebel ansetzen muss, wurde die Analyse in Auftrag gegeben. Untersucht wurden dabei laut Andreas Lindau, Leiter Kreislaufwirtschaft bei ERZ, 423 Züri-Säcke mit Haushaltskehricht, 409 Säcke mit Betriebskehricht sowie 367 Anlieferungen von Sperrgut im Recyclinghof Looächer.
Der Kehricht wurde dabei nach Materialien mit dem Fokus Recycling, das Sperrgut nach Warengruppen und Zustand mit dem Fokus auf Wiederverwendung sortiert und analysiert.
Nur 5 statt 50 Prozent
«Eine der daraus gewonnenen Haupterkenntnisse ist, dass die Zusammensetzung des Haushaltskehrichts in der Stadt Zürich vergleichbar ist mit den Resultaten aus einer nationalen Erhebung des Bundesamtes für Umwelt BAFU aus dem Jahr 2022.»
Auch in dieser bildeten die «vermeidbaren Lebensmittelabfälle» den grössten Anteil des Mülls. Die Stadtzürcher Bevölkerung bewege sich damit folglich im nationalen Durchschnitt.
Nicht nur für Ivonne Blossfeld, Leiterin Ernährung und Konsum bei Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich UGZ, ein ernüchterndes Ergebnis. «Das sind 23,4 kg pro Person und Jahr an Lebensmitteln, die verschwendet werden.»
Dabei seien die vermeidbaren Lebensmittelabfälle, die über das Abwasser oder den Kompost entsorgt würden, nicht miteingerechnet. Vom Ziel des Bundes, die Lebensmittelverluste bis 2030 um 50 Prozent gegenüber 2017 zu reduzieren, sei man noch weit entfernt.
«2025 war die Menge gerade mal um 5 Prozent reduziert worden». Dabei sei eine Verringerung relativ einfach zu erreichen, wenn man auf fünf Punkte achten würde.
Erstens: Clever, das heisst bewusst, Lebensmittel einkaufen. Zweitens: Die Lebensmittel optimal lagern. Drittens: Die Haltbarkeitsdaten richtig deuten. Viertens: Kreativ kochen, also die richtige Menge verwenden und wenn immer möglich Reste verwerten. Und fünftens: Das Essen mit anderen teilen.

Ein weiteres wenig schmeichelhaftes Ergebnis der Analyse betrifft das Abfalltrenn- und Recyclingverhalten von Herrn und Frau Zürcher. Laut Andreas Lindau funktioniere die Wertstofftrennung zwar allgemein recht gut, man liege aber insgesamt noch etwas unter dem Schweizer Durchschnitt.
«Es gibt also auch hier noch Luft nach oben.» Dies gilt ebenfalls für das Sperrgut, wo der Anteil funktionsfähiger Gegenstände sehr hoch sei.
«Wenn eine Reparatur nur wenig mehr oder gar gleichviel kostet wie Neuware, ist das kein Wunder», meint Solèr bedauernd. Zudem lasse sich nicht alles immer und immer wieder wiederverwenden.
Dennoch will ERZ kurz- und mittelfristig die Recyclingquote auf 50 Prozent steigern. «Langfristig muss es aber darum gehen, die Abfallmenge insgesamt zu reduzieren. Und zwar von aktuell 145 kg pro Person und Jahr auf 110 kg.»
Als Massnahmen sind die Einführung beziehungsweise der Ausbau mobiler Recyclinghöfe, flächendeckende Bioabfallsammlungen, die Verdoppelung des Sammelrhythmus von Karton, die Optimierung der Textilsammlung, die verstärkte Förderung von Reparatur- und Tauschprojekten sowie verschiedene Angebote zur Sensibilisierung und Beratung vorgesehen.
Ebenfalls will man Separatsammlungen für Kunststoff und Getränkekartons einführen. Und natürlich setzt man darauf, dass die Bevölkerung am 14. Juni dem Rahmenkredit für den Neubau des Recyclingzentrums Juch-Areal zustimmt.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.





