Meret Schneider: «Liebe Generation Z, chillt mal!»

Der Generation Z reiche es nicht, nur beruflich erfolgreich zu sein, schreibt Nationalrätin Meret Schneider. Eine Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Nationalrätin Meret Schneider (Grüne) schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt Schneider über den Ruf der «Generation Z» – und liefert Zahlen.
Was dieser ältere Herr in diesem Alter bereits geschafft und getan hat, habe ich leider nicht mehr erfahren, weil er mit seiner Begleitung den Zug verlässt. Er sagt: «…macht jetzt irgend ein Praktikum. Statt nach dem Studium endlich richtig go schaffe. Aber gäll, das isch die Generation, in dem Alter wäred mir scho längst...»
Zur Erklärung: Der Aussage geht voraus, dass eine mutmasslich Mitte 20-jährige Person studiert hat. Und nun, statt endlich richtig Geld zu verdienen, ein Praktikum in Angriff nimmt. Was der ältere Herr als Beleg dafür heranzieht, dass diese «Generation Z» einfach nicht mehr richtig arbeiten kann oder will.
Und tatsächlich befindet er sich mit dieser Annahme in bester Gesellschaft. «Verzogen, verweichlicht, verletzt» oder «Generation arbeitsunfähig» sind Titel süffisant geschriebener Kolumnen in Feuilletons, in denen selbsternannte Gesellschaftsanalysten die eigene Generation als leistungsbereite Arbeitstiere bejubeln – während sie die «Gen Z» als fragile Work-Life-Balance-Schneeflöckchen verunglimpfen.
Doch was ist an diesem Klischee wirklich dran? Und wer profitiert von der permanenten Heraufbeschwörung einer verloren gegangenen Arbeitsmoral?

Zahlen sprechen eine andere Sprache
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt: Die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen ist so hoch wie zuletzt Mitte der 1990er Jahre. Nachdem sie von 1995 bis 2015 kontinuierlich gesunken war, gelang es der «Gen Z», diesen Abwärtstrend zu stoppen.
Seit 2015 bis 2023 stieg die Erwerbsbeteiligung erstmals wieder Deutlich um 6,2 Prozentpunkte.
Das Fazit des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist eindeutig: Junge Leute beteiligen sich heute sogar stärker am Arbeitsmarkt als in den vergangenen Jahrzehnten, was der These einer arbeitsfaulen «Gen Z» diametral widerspricht.
Auch das Klischee der fehlenden Leistungsbereitschaft und der Priorisierung der Work-Life-Balance lässt sich durch empirische Daten nicht bestätigen.
Druck der permanenten Verfügbarkeit
Zwar legt die «Gen Z» im Arbeitskontext mehr Wert auf Flexibilität. Doch lässt sich dies nicht auf mangelnde Leistungsbereitschaft zurückführen. Im Gegenteil.
Die Flexibilität soll nicht primär dazu dienen, dem süssen Leben zu frönen, sondern vielmehr die Vereinbarkeit des Jobs mit Familie, der Pflege von Angehörigen oder dem Aufbau eines Eigenheims, wie es sich noch immer eine Mehrheit der Gen Z wünscht, zu ermöglichen.
Tatsächlich steht diese Generation stärker unter Leistungsdruck und dem Druck der permanenten Verfügbarkeit als noch die Generation der Boomer. Nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit digitalen Medien.
Generation Z: Die «Extrameile» ist gefragt
Am Wochenende Mails beantworten, in den Ferien kommt eine WhatsApp aus dem Geschäft und selbstverständlich ist man nach Feierabend telefonisch erreichbar. Die Verschmelzung der beruflichen und privaten Kommunikationskanäle befördert die Entgrenzung der Arbeit. Und das Diffundieren beruflicher Aktivitäten ins Privatleben.
Wer Karriere machen will, muss bereit sein, zu leisten und verfügbar zu sein. Und: Man sollte die sogenannte «Extrameile» gehen, wie die «Generation Highperformer» zu sagen pflegt.

Karriere zu machen, um sich ein Eigenheim leisten zu können oder gesellschaftlichen Status zu erreichen, ist noch immer Ziel eines Grossteils der «Generation Z».
Das bedeutet jedoch nicht, dass neben der beruflichen Karriere ausserberufliche Aktivitäten vernachlässigt werden: Das Aufwachsen mit sozialen Medien und die damit verbundene permanente Dokumentation des Privatlebens verpflichten.
Es reicht nicht, beruflich erfolgreich zu sein
«Ich poste, also bin ich», scheint der Imperativ dieser Generation zu sein. Es führt dazu, dass der Leistungs-Ethos auch in sogenannte Freizeitaktivitäten diffundiert.
Im «5 AM-Club» stehen junge, athletisch aussehende Menschen um 05 Uhr in der Früh auf, um vor der Arbeit zu joggen, zu trainieren oder ein Eisbad zu nehmen.

Nach Feierabend geht es ins Fitness, ins Yoga – oder mit fotogenen Freunden zum «After-work-Networking», das selbstverständlich «instagrammable» festgehalten wird.
Die Gewöhnung an schnelles Feedback und der internalisierte, ständige Vergleich mit Anderen führen dazu, dass sich die Performance um ihrer selbst willen als Konstante durch sämtliche Lebensbereiche zieht.
Leichtigkeit und Unbeschwertheit?
Es reicht nicht, beruflich erfolgreich zu sein. Und ansonsten Fünfe gerade sein zu lassen. Ein erfolgreiches Mitglied der «Gen Z» verfügt auch über einen trainierten Körper, ernährt sich gesund, ist stilsicher gekleidet – und hat eine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Das eigene Leben wird mit dem kritischen Blick von aussen analysiert und optimiert. Von «laisser-faire» und fehlender Leistungsbereitschaft keine Spur.
Klar wird Leichtigkeit und Unbeschwertheit suggeriert und das eigene Lebensglück ins Zentrum gestellt. Doch wer einmal dabei zugesehen hat, wie viel Arbeit und Kameraeinstellungen hinter einem vermeintlichen Schnappschuss in den Ferien am Strand steckt, weiss, dass dies weder mit «Life» noch mit «Balance» etwas zu tun hat.
Ist dies nun der Zeitpunkt, einen Abgesang auf die selbstinszenierende «Generation Instagram» anzustimmen? Mitnichten.
Aber vielleicht der Zeitpunkt, diesen hart arbeitenden – im Job, an sich, an ihrem Leben, «leave your comfort zone»-jungen Menschen im besten «Boomer»-Tonfall zu sagen: Ist gut so, passt schon, chillt mal.
Zur Person
Meret Schneider (33) ist Mitglied des Schweizer Nationalrats. Sie arbeitet als Projektleiterin beim Kampagnenforum. Weiter ist sie Vorstandsmitglied der Grünen Partei Uster ZH.






