Curvy-Model Stella: «Abnehm-Wahn: Diesen Preis wirst du bezahlen!»

Alle sprechen darüber, dass sie abnehmen wollen. Aber niemand informiert über die Folgen. Eine Kolumne von Plus-Size-Model Stella.

Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über Body Positivity.
- Heute schreibt Stella darüber, was passieren kann, wenn man den Traumkörper erreicht hat.
Ich beobachte es jedes Jahr mit einem Stirnrunzeln: Kaum werden die Tage länger, taucht dieser kollektive Summerbody-Wahn auf.

Doch: Während alle darüber sprechen, wie man abnimmt, redet kaum jemand darüber, wie es sich anfühlt, wenn man dann auch tatsächlich abgenommen hat.
Und ich kann euch aus eigener Erfahrung sagen, dass diese Geschichte nicht immer so endet, wie man es erwartet...

Wenn das Traumgewicht kein Traum mehr ist
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich mein persönliches Zielgewicht durch eine 25-Kilo-Abnahme erreichte.
Jahrelang habe ich darauf hingearbeitet. Ich war überzeugt: Wenn ich erst einmal schlank bin, dann werden sich all meine Wünsche erfüllen.
Alle Wünsche? Weit gefehlt. Stattdessen hatte ich das Gefühl, als wäre ein Teil von mir verschwunden. Es war so, als hätte jemand die Hälfte meiner Identität einfach mit abgespeckt.

Wer bin ich ohne die Rolle der «Dicken»?
So seltsam es klingt: Wenn man jahrelang «die Dicke» im Raum gewesen ist, schlüpft man in eine Rolle. Man wird darauf reduziert. Und manchmal unterschätzt. Irgendwann gehört dieses «Markenzeichen» dann wie selbstverständlich zur eigenen Geschichte.
Als mein Körper sich veränderte, verschwand plötzlich auch dieses «Label». Ich war nicht mehr «die Kurvige» im Raum, sondern ich war einfach irgendjemand, so wie jede andere.
Spannend dabei: Genau das brachte mich aber in eine Identitätskrise, auf die mich keiner vorbereitet hatte.
Die Wahrheit hinter der Vorher-Nachher-Illusion
Viele Menschen, mit denen ich inzwischen gesprochen habe, berichten von exakt demselben Gefühl.
Nach einer grossen Gewichtsabnahme beginnt oftmals eine Phase, in der man sich selbst komplett neu kennenlernen muss. Plötzlich ist einerseits das alte Selbstbild weg, andererseits fühlt sich das Neue aber noch nicht wirklich vertraut an.
Es ist ein bisschen so, als würde man in einen Raum ziehen, der zwar schön eingerichtet ist, sich aber noch nicht wie zu Hause anfühlt.

Der Körper nach der Abnahme – darüber spricht kaum jemand
Der Körper verändert sich nicht immer so, wie wir es uns in unseren kühnsten Fitnessfantasien vorstellen.
Nach einer grossen Abnahme bleibt oft Haut übrig. Am Bauch, an den Armen oder an den Oberschenkeln.
Gerade Frauen kämpfen häufig mit erschlaffter Haut und Brüsten, die plötzlich leer wirken. Dinge, die sich auch mit viel Sport nicht einfach «wegtrainieren» lassen.
Viele entscheiden sich deshalb für Operationen wie Bauchdeckenstraffungen und Implantate im Busen. Und das ist kein Randdetail, sondern für viele Menschen Teil der Realität.
Nur spricht erstaunlich selten jemand darüber, weil es unangenehm ist.
Wenn Disziplin zur Dauerbelastung wird
Eine Abnehm-Journey ist anstrengend! Nicht nur körperlich, sondern auch mental.
Denn während man sich so stark auf Zahlen, Ziele und Fortschritte konzentriert, passiert etwas Gefährliches: Man verliert leicht den Kontakt zu sich selbst.
Wer bin ich eigentlich ausserhalb dieses Dauer-Projekts «Abnehmen»? Diese Frage hat mich damals ziemlich kalt erwischt.
Der Summerbody-Wahnsinn sollte niemals im Weg stehen
Rückblickend habe ich etwas Wichtiges verstanden: Unser Körper sollte niemals das Hindernis sein, das uns davon abhält, Dinge zu tun, die uns Freude machen.
Eine Frage stellt sich dabei: «Wer bin ich eigentlich, unabhängig von meinem Körper?» Es ist leicht gesagt, ich weiss. Aber genau diese Frage kann verhindern, dass man sich unterwegs selbst verliert.
Mein Ziel ist es, Energie zu haben, gesund und einfach glücklich zu sein.
Wenn ich mein ganzes Leben darauf ausrichte, «gut genug» zu sein, verschiebe ich mein wahres Leben ständig auf später.

Ich habe aber aufgehört, mein Leben zu verschieben. Darum reiste ich kürzlich zu meinem 30. Geburtstag allein nach Japan. Ich bin alleine an Konzerte gegangen, habe mit Bachata und Heels Dance angefangen und ging schwimmen.
Ich bewege mich nicht mehr, weil ich muss, sondern weil ich will. Und ich kann so viel Energie daraus schöpfen.
Die Ernährung regelt sich dabei schon fast von selbst, weil ich keine Attacken von Frustessen habe – und meinen Körper mit gesunden Nährstoffen bereichern will.
Weil ich momentan nicht mehr meine Identität verloren habe, sondern sie jeden Tag aufs Neue entdecke.





