«Carlabelle»: Jan-Hendrik, warum fährst du bitte einen Porsche?

Die Zürcherin Carla Welti erlebt die Auto- und Motorsport-Welt in der Schweiz und im Ausland hautnah – und teilt ihre Erfahrungen auf Nau.ch.

Das Wichtigste in Kürze
- Carla Welti ist von Autos und vom Motorsport «komplett angefressen».
- Auf Instagram folgen der Zürcherin unter «Carlabelle» rund 18’000 Motorsport-Fans.
- Bei Nau.ch teilt Welti ihre Erlebnisse aus der automobilen Welt.
Letztens war ich auf einem Date.
Den Namen meines Gegenübers, der bei unserem ersten Treffen Wasser getrunken hat und mir das Gesprächs-Szepter auch in Schweige-Momenten nicht abnehmen wollte, werde ich natürlich geheim halten. Wir nennen ihn hier mal Jan-Hendrik.
Jan-Hendrik ist Deutscher, seit knapp sechs Monaten in der Schweiz und er macht irgendwas mit Finanzen und Investment, wovon ich so viel verstehe wie von Raumfahrttechnik – nämlich nichts.
Bei unserem zweiten Date präsentierte er mir seine jüngste Errungenschaft: Seinen neuen, modernen Porsche 911. Schwarz aussen. Schwarz innen. Simpel. Langweilig? Das ist mir tatsächlich egal, solange es kein Ferrari Luce ist.

Ausgestiegen ist der Porsche Mann aus seinem Prachtstück nicht, um mich zu begrüssen. Er blieb in seinem neuen rollenden Identitätsspiegel sitzen. Also öffnete ich mir die Beifahrertüre und bin mit einem eher indifferenten “schön” in den Schalensitz gerutscht.
An dem Auto stimmte ganz im makellosen Style von Porsche alles, ausser dass ein Getränkehalter über dem Handschuhfach eingebaut wurde, der definitiv normalerweise dort nicht hingehört und mir irgendwie im Weg war. Egal, los geht die Fahrt.
Doch genau so wie bei den Gesprächen, die wir bis dahin hatten, hat die Power gefehlt. Nicht im Porsche, der ist ja so perfekt, dass man sich schon fast Schönheitsfehler wünscht. Jan-Hendrik hingegen, der hat den Porsche 911 so bewegt, wie er mich unterhalten hat – träge.

Während er unsicher die Handschaltung betätigt hat, stellte sich mir die Frage: Warum kaufen Menschen wie er sich einen Porsche, um danach zu fahren wie in einem Citroën?
Bei der hohen Anzahl an 911ern auf den Zürcher Strassen, die hauptsächlich von männlichen Sonnenbrillenträgern mit weissem Hemd gefahren werden, könnte man schon meinen, dass die Ego-Vergrösserung im Lieferumfang enthalten ist.
An Jan-Hendrik ist ein Porsche verschwendet
Ich will hier keineswegs zum zu schnellen Fahren anregen. Aber bei 40 km/h in einer der wenigen noch übrigen 50er-Zonen im Grossraum Zürich, bei fehlender Fahrdynamik und fehlendem Fingerspitzengefühl – ist es da nicht verschwendetes Geld und Material, jemanden wie Jan-Hendrik einen 911er fahren zu lassen?
Oder ist er vielleicht sogar der perfekte Porsche-Kunde – weil ihm all das eventuell ohnehin egal ist? Manch einer stellt mit so einem Auto wahrscheinlich nur Unfug an. Das wird bei den vielen Blitzerfallen im Kanton Zürich auch schnell zu verlorenem Geld ...

Fakt ist: Jan-Hendrik hat mich noch ein drittes Mal gesehen und ist dann von der Erdoberfläche verschwunden. Weder direktes Fahren noch direkte Kommunikation scheinen ihm zu liegen.
Bei mir steht noch kein Porsche 911 in der Garage. Ein alter Porsche 911 ist schon irgendwo auf meiner Wunschliste. Bevor ich mir jedoch einen Porsche kaufe, hole ich mir auf jeden Fall einen Toyota GR86. Die nächste Aussage, mit der ich bei so manchem Jan-Hendrik schon für echt viel Aufruhr gesorgt habe ...






