Zürcher Politfilz: Vielleicht bin ich der FC Thun der Gemeinde Maur?

«Im politischen Wahlkampf zählt auch auf Gemeindeebene jeder Millimeter.» Und der finanzielle Aufwand sei nicht zu unterschätzen, schreibt Thomas Renggli.

Das Wichtigste in Kürze
- Thomas Renggli ist freier Journalist, Buchautor und Lokal-Politiker.
- Auf Nau.ch schreibt Renggli regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt er über seinen Wahlkampf als parteiloser Kandidat in Maur ZH.
- Die Zwischenbilanz eines Selbstversuchs – dreieinhalb Wochen vor dem Showdown an der Urne.
Das Schweizer Milizsystem ist ein wunderbares politisches Modell. Es bildet die Basis der direkten Demokratie. Und ermöglicht es jeder und jedem, am Polit-Wettbewerb teilzunehmen.
Theoretisch. Denn die Parteien – egal, wie viele Mitglieder oder Wählerstimmen sie vereinen – beanspruchen das letzte Wort: national, kantonal, kommunal.
Die Parteilosen sind die grösse Partei
Dabei ist die überwiegende Mehrheit der Schweiz in keiner Partei. Und käme auch nie auf die Idee, einer solchen beizutreten.
Oder mit anderen Worten: Die Parteilosen bilden die mit Abstand grösste Partei des Landes. Doch wer sich aus dieser Position aus der Deckung wagt, erntet vom Establishment Ignoranz, Geringeschätzung und ein müdes Lächeln. Und sitzt schon bald auf einem Stapel Rechnungen.
Im Rennen um einen Platz im Gemeinderat von Maur habe ich mich für einen «Wahlkampf light» entschieden – mit Homepage, Plakaten, Flyern und Inseraten.

Riesiger Aufwand und hohe Kosten
Gratis ist das freilich nicht: Die Gestaltung der Webseite kostet 2400 Franken, die Produktion von Flyern, Plakaten und Inseraten 4640 Franken, ein halbseitiges Inserat in der Lokalzeitung 450 Franken.
Dazu kommen die Kosten für das Wahlkampffoto von 500 Franken. Das ergibt einen Aufwand von 7990 Franken. Und mit jedem weiteren Inserat erhöht sich dieser um 450 Franken. Die Arbeitsstunden sind darin freilich nicht einberechnet.
Jammern darf darüber aber niemand. Schliesslich ist es jedem freigestellt, sich in den politischen Nahkampf zu stürzen.
Die politische Lobby fehlt
Und dennoch fühlt man sich als Parteiloser gelegentlich wie eine Eishockey-Mannschaft, die permanent in Unterzahl spielt – oder wie ein Fussballteam, das nach zehn Minuten mit neun Spielern auskommen muss.
Der Grund: Im luftleeren Raum abseits der Parteistrukturen fehlt die politische Lobby und der finanzielle Support.
Auf jeden Millimeter kommt es an
Diese Erfahrung machte ich beispielsweise, als ich bei der «Maurmer Post» ein gelayoutetes halbseitiges Inserat einreichte. Fast postwendend kam die Antwort zurück: «Hoi Thomas. Korrekterweise müsste die Breite 210 mm sein, nicht 208 mm. Möchtest du eine neue Vorlage mailen? Grüsse.»
Man kann sich nun auf den Standpunkt stellen, dass es im Endspurt um einen Platz in der Exekutive auf jeden Millimeter ankommt. Wer aber schon einmal eine Printpublikation produziert hat, weiss genau: Geht es um eine derart kleine Abweichung, ist dies (mit gutem Willen) mit einem Mausklick erledigt.

Keine Einladungen zu Veranstaltungen
Auf guten Willen darf man als Parteiloser aber nicht hoffen.
Dazu gehört auch, dass man keine Einladungen zu Parteiversammlungen oder Wahlveranstaltungen erhält. Während sich die Kandidierenden innerhalb des politischen Establishments gegenseitig aufs Podium begleiten und sich beim Apéro gutgelaunt zuprosten, bleibt der parteilose Quereinsteiger auf der Ersatzbank.
Dies zeigt sich auch in einem offiziellen Inserat – in eben dieser «Maurmer Post». Die Lokalfürsten von FDP und SVP empfehlen für die sieben Plätze im Gemeinderat sämtliche eigenen Leute (was absolut legitim ist), aber auch alle Bisherigen zur Wahl. Als Einziger bleibt der parteilose Quereinsteiger unerwähnt.
Oder anders gesagt: Das politische Establishment verschanzt sich in seinem Reduit – und wäre wohl am glücklichsten, wenn es gar keine Wahl gäbe.
Acht Kandidaten für sieben Plätze
Da dem nicht so ist, kommt es am 8. März dennoch zum Showdown an der Urne. Acht Kandidaten für sieben Plätze im Gemeinderat. Zieht man den gesetzten Schulpräsidenten ab, bleiben sieben Kandidierende für sechs Sitze.
Der Preis ist heiss – und die Ausgangslage klar. Meine Rolle ist jene des unterschätzten Aussenseiters, der vor allem deshalb kandidiert, weil ihm die eigene Gemeinde am Herzen liegt.
Gäbe es in der Zürcher Kommunalpolitik Wettquoten, wären meine tief im Keller. Doch wer den Sport kennt, weiss: Aussenseiter können Platzkönigen unbequem werden.
Oder anders gesagt: Vielleicht bin ich ja der FC Thun der Gemeinde Maur. Am 8. März weiss ich mehr.
Zum Autor
Thomas Renggli aus der Zürcher Vorortsgemeinde Maur ist freier Journalist und Buchautor. Zwischen Mai 2023 und April 2024 war er Chefredaktor der Lokalzeitung Maurmer Post. Heute verantwortet er die unabhängige Maurmer Zeitung. Über die Vorfälle vor seiner Haustüre hat er das Buch «Tod im Sponstürli» verfasst. Renggli kandidiert am 8. März 2026 als Parteiloser für den Gemeinderat Maur.








