Grüne setzen im Zürcher Wahlkampf auf Haustürbesuche

Inspiriert von linken Wahlerfolgen in Deutschland und den USA ziehen die Grünen von Tür zu Tür, um Wahlkampf zu betreiben. Ein Augenschein vor Ort in Wiedikon.

Eine Haustür auf der anderen Strassenseite schwingt langsam zu. Balthasar Glättli sprintet los. Seine offene Jacke bläht sich auf, die Tasche über der Schulter droht abzurutschen. In letzter Sekunde erreicht er die Klinke und reisst die Tür des Wohnblocks wieder auf.
«Es ist wichtig, einen Fuss in die Tür zu bekommen», sagt er mit einem Grinsen im Gesicht. Dann arbeitet sich der Grünen-Nationalrat, der im März zum Zürcher Stadtrat gewählt werden will, Wohnung für Wohnung nach oben.
Die heisse Phase des Wahlkampfs hat begonnen. Als einzige Partei setzen die Grünen auf eine in der Schweiz vergessene Taktik: Sie klingeln bei den Leuten zu Hause.
International hat der sogenannte Door-to-Door-Wahlkampf zuletzt grosse Erfolge gebracht. In New York verhalf er dem Sozialisten Zohran Mamdani ins Bürgermeisteramt, auch die deutsche Linke gewann so bei der Bundestagswahl überraschend viele Stimmen dazu. Funktioniert das auch in Zürich?
Es geht nicht ums Überzeugen
An einem Mittwochnachmittag im Januar stehen Balthasar Glättli und seine Parteikollegin und Parteikollege Simone Widmer und Luca Genoni, die beide zum ersten Mal für den Gemeinderat kandidieren, an der Weststrasse in Wiedikon. Für die Grünen ist es ein Heimspiel.
Im Wahlkreis 3 holten sie vor vier Jahren 16 Prozent, die SP kam auf 31, die AL auf 10 Prozent. Zusammen ergibt das über die Hälfte aller abgegebenen Stimmen. Weil sich die Themen der drei Parteien stark überschneiden, gilt das Wählerinnen- und Wählerpotenzial hier als besonders gross.
Als die Sonne hinter dem Uetliberg verschwindet, schwärmen die Grünen aus.
Die erste Tür öffnet sich nur einen Spalt breit. Das Gesicht einer älteren Dame erscheint, sie mustert Balthasar Glättli von oben bis unten. «Grüezi, ich bin vo de Grüene», sagt er mit sanfter Stimme. An seiner Jacke steckt zur Erkennung ein Parteipin. Die Frau murmelt etwas, «kein Interesse» ist zu verstehen, und knallt die Tür wieder zu.
Ohne mit der Wimper zu zucken, drückt er die nächste Klingel. Doch auch dort öffnet niemand, ebenso wenig in den zwei Stockwerken darüber. Es sei wohl noch zu früh, sagt Glättli, viele Menschen seien noch bei der Arbeit.
Einige Häuser weiter läuft es besser. Eine junge Frau steht im Türrahmen und lässt sich auf ein Gespräch ein. «Wenn Sie Königin von Zürich wären, was müsste sich in dieser Stadt ändern?», fragt Balthasar Glättli jeweils zu Beginn des Gesprächs. Sie überlegt kurz. Sie wünsche sich weniger Verkehr in der Stadt, mehr Grünflächen und mehr bezahlbaren Wohnraum. Jackpot, alles Kernthemen der Grünen.
Glättli notiert die Anliegen sorgfältig auf einem Klemmbrett, geht gleichzeitig auf die Punkte ein und fragt zum Abschluss, ob sie die beiden städtischen Solarinitiativen von SP und Grünen unterschreiben wolle. Sie nickt.
Als Dank gibt es Goodies: Samen für Schnittsalat, einen Sattelüberzug fürs Velo und einen QR-Code, der zum Mietzinsrechner des Mieterinnen- und Mieterverbands führt. Als Erinnerung, falls Anspruch auf eine tiefere Miete wegen der Senkungen des Referenzzinssatzes besteht. «Ihr werde ich sicherlich eine Karte nachschicken», sagt Glättli, und huscht weiter zum nächsten Haus.

So funktioniert die Strategie der Grünen. Im Rahmen der Haustürgespräche wollen sie nicht überzeugen, sondern vor allem zuhören und herausfinden, was die Menschen in den Quartieren beschäftigt. Erst in einem zweiten Schritt melden sich die Kandidierenden persönlich mit einer Wahlerinnerung per Post.
Alle erreichen, auch die Politikverdrossenen
Die Idee stammt vom 25-jährigen Luca Genoni, der im Wahlkreis 3 kandidiert. Inspiriert hätten ihn die erfolgreichen Wahlkämpfe linker Bewegungen im Ausland, sagt er. Als er den Vorschlag in der Partei einbrachte, stiess er auf breite Zustimmung.
Doch gehen die Grünen deutlich zurückhaltender vor als etwa die Demokratinnen und Demokraten in New York, die im vergangenen Jahr mithilfe von Hunderttausenden Freiwilligen mobilisierten. In Zürich sind es bislang vor allem die Kandidierenden selbst, die von Tür zu Tür gehen, und zwar in den Kreisen 3, 6 und 10.
«Es braucht durchaus Überwindung, an wildfremden Haustüren zu klingeln», sagt Simone Widmer, die im Wahlkreis 7+8 kandidiert. Dort hätten sich bisher noch zu wenig Politikerinnen und Politiker getraut, beim Haustürwahlkampf mitzumachen, doch sie arbeitet daran.
Denn die Rückmeldungen seien sowohl von den Kandidierenden als auch aus den Quartieren durchwegs positiv, so Widmer. «Im Unterschied zu Podiumsdiskussionen erreicht man so Menschen, die sonst kaum mit Politik in Berührung kommen.»
Experte spricht von «hoher Effizienz»
Louis Perron, Politologe und Wahlkampfberater, hält die Strategie für wirksam. «Es gibt eine bekannte Studie aus den USA, die zeigt, dass Haustürbesuche sehr effizient sind», sagt er. Entscheidend seien jedoch die Details.
Es gehe weniger darum, möglichst viele Menschen zu erreichen, sondern die richtigen. «Man muss Personen kontaktieren, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie affin sind.»
Gerade im Schlussspurt sei wichtig, dass auch Parteiprominenz mitmache, die Beteiligten geschult seien und ein Follow-up erfolge, etwa in Form einer nachträglich verschickten Karte.
Und, so Perron: «Je mehr Haustürbesuche, desto besser.» Daran sei in Vergangenheit die FDP gescheitert, die etwa bei den Kantonsratswahlen 2019 ebenfalls auf Tür-zu-Tür-Wahlkampf gesetzt hatte.

Auch bei den Grünen dürfte die Zahl der Besuche zum Knackpunkt werden. Der zeitliche Spielraum ist klein. Sie wollen weder beim Abendessen stören noch zu früh klingeln, bevor die Menschen von der Arbeit zurück sind. Um lange Gespräche zu vermeiden, gilt zudem die Regel, die Wohnungen nicht zu betreten.
Eine Graswolke im Treppenhaus
Am folgenden Tag ist erneut eine Gruppe der Grünen unterwegs, wieder in Wiedikon, diesmal rund um den Goldbrunnenplatz. Balthasar Glättli fehlt, stattdessen klingelt sich eine andere prominente Stimme durch die Nachbarschaft: Anna-Béatrice Schmaltz, Gemeinderätin und Co-Präsidentin der Grünen Stadt Zürich.
Vor einer Glastüre brennt warmes Licht. Ein junger Mann öffnet, eine dichte Graswolke zieht ins Treppenhaus. Wieder die Einstiegsfrage: «Was würdest du verändern, wenn du König wärst?» Der Mann wirkt kurz ratlos. Sekunden vergehen, dann hilft Schmaltz nach: «Wie steht es denn um deine Wohnsituation?»
Es sei schwierig, sagt er und holt tief Luft. Er ziehe von einer befristeten Wohnung zur nächsten und versuche gleichzeitig, eine Genossenschaftswohnung zu finden – bisher erfolglos, gerade in Wiedikon, wo er aufgewachsen und verwurzelt sei. «Ich habe Angst, wegziehen zu müssen.»
So gehe es vielen in dieser Stadt und deshalb brauche es politischen Einsatz, sagt Schmaltz. Nach rund zehn Minuten führt sie das Gespräch zu einem Ende und drückt ihm zum Abschied einen Flyer in die Hand.
Weniger Gesprächsbedarf im nächsten Haus. Eine Frau kommt gerade vom Einkaufen zurück und wird gefragt, welche Wünsche sie an die Politik habe. «Keine», sagt sie. «Nur auf Gott kommt es an.» Dann zieht sie die Tür hinter sich zu.
***
Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst bei «Tsüri.ch» erschienen. Autor Kai Vogt ist Redaktor beim Zürcher Stadtmagazin.





