Stadt Zürich

    Wildbiologe: «Sollten den Biber weniger als Störfaktor sehen»

    Isabella Seemann
    Isabella Seemann

    Zürich,

    Der Biber gestaltet Lebensräume und hält Wasser zurück. Wildbiologe Christof Angst erklärt, wie das Tier damit Klima und Artenvielfalt beeinflusst.

    Baumeister für das Klima
    Biber schaffen Lebensräume. - info fauna Nationale Biberfachstelle

    Der Biber schafft Lebensräume, hält Wasser zurück und speichert Kohlenstoff. Wildbiologe Christof Angst erklärt, wie das Tier Klimafolgen mildert und das Artensterben bremst.

    Redaktion: Sie leiten die nationale Biberfachstelle seit 20 Jahren. Was haben Sie über das Wesen des Bibers gelernt?

    Christof Angst: Biber können vor allem mit dem Bau von Dämmen ganze Landschaften in kurzer Zeit verändern. Seit 15 Millionen Jahren verfolgen sie dabei stur ihren eigenen Plan, der leider nicht selten mit unseren Plänen kollidiert.

    Die Natur ist aber auf diese Lebensräume angewiesen. Zahlreiche Arten profitieren davon und schlussendlich auch wir Menschen. Besonders mag ich aber seine anarchische Art!

    Wildbiologe Christof Angst.
    Wildbiologe Christof Angst. - C. Angst

    Redaktion: Vor 200 Jahren wurde der Biber ausgerottet. Nun ist der Bestand in der Schweiz auf über 5000 Tiere, im Kanton Zürich auf 520 Biber in 165 Revieren gewachsen. Was hat diese erfolgreiche Rückkehr ermöglicht?

    Angst: Möglich wurde das durch aktive Wiederansiedlungen und den konsequenten Schutz des Bibers und seines Lebensraums. Und dann hat sich herausgestellt, dass er viel anpassungsfähiger ist als gedacht. Lange dachte man, er sei eine reine Auenart.

    Heute lebt er in jeder grösseren Stadt der Schweiz. Eines der wohl urbansten Biberreviere weltweit liegt am Leutschenbach, wo er neben den Hochhäusern in einem Betonkanal lebt. Wenn Wasser und Futter vorhanden sind, können sich Biber fast überall niederlassen.

    Redaktion: Der Biber fällt Bäume, staut Bäche und überflutet Flächen. Was gewinnt die Natur durch diese Unordnung?

    Angst: Wir haben in den letzten 200 Jahren viele Gewässer bis zur Unkenntlichkeit «verstümmelt». Ohne Biber fliessen Bäche einfach dahin und mit unserem Zutun haben sie praktisch sämtliche Strukturen verloren.

    Der Biber staut vor allem kleine Bäche, um tiefe Wasserstellen zum Schutz vor Fressfeinden zu schaffen, fällt Bäume, lichtet Wälder auf und gräbt Uferhöhlen – so entstehen vielfältigere Lebensräume mit Nahrung, Verstecken und Fortpflanzungsorten.

    Biber
    Biber errichten mit ihren Dämmen wichtige Wasserquellen für andere Wildtiere. - keystone

    Er schafft mehr dringend benötigtes Chaos. Das Ergebnis: mehr Arten und mehr Biomasse, also mehr Tiere der anwesenden Arten. Er fördert zwar ungewollt, aber direkt die Biodiversität, die Vielfalt des Lebens.

    Redaktion: Der Biber gilt sogar als Klimaheld. Ist da was dran?

    Angst: Im grössten Biberrevier der Schweiz haben wir ein Jahr lang sämtliche Kohlenstoffflüsse gemessen. Das Ergebnis: Das Feuchtgebiet, das die Biber geschaffen haben, speichert dreimal mehr Kohlenstoff als der Wald, der vorher dort stand.

    Hochgerechnet auf die ganze Schweiz – wenn alle potenziellen Biberreviere besiedelt wären – könnten solche Feuchtgebiete 1,2 bis 1,8 Prozent der jähr- lichen Schweizer Kohlenstoffemissionen ausgleichen. Und das ist auch finanziell interessant: Eine Tonne CO₂ industriell aus der Atmosphäre zu entziehen, kostet heute 600 bis 1000 Dollar.

    Allein in diesem einen Revier haben die Biber in den letzten 13 Jahren CO₂ im Gegenwert von 716 400 bis 1,19 Millionen Dollar gespeichert – ganz ohne Anlage, ohne Förderprogramm. Biodiversität und Klimaschutz gehen an dieser Stelle Hand in Hand. Man muss die Biber nur lassen.

    Redaktion: 2016 wurde erstmals wieder ein Biber auf Stadtgebiet gesichtet. Mittlerweile ist er in der Stadt Zürich heimisch. Was kann er im Siedlungsraum bewirken?

    Angst: An grossen Flüssen wie der Limmat staut er nicht, die sind ja schon tief genug. Sein landschaftlicher Einfluss ist hier also eher gering. Im Kleinen schafft er aber auch hier mehr Strukturen am Ufer.

    Hast du schon einmal einen Biber in freier Natur gesehen?

    Und er fasziniert schon durch seine blosse Anwesenheit – eine Biberbeobachtung bleibt unvergesslich. Ich habe schon in viele glückliche Gesichter geschaut beim Biberbeobachten in Städten. Zudem eignet er sich bestens als Botschafter für naturnahe Gewässer.

    Redaktion: Und was sind die negativen Auswirkungen?

    Angst: Ein «Chaot» wie der Biber hat es schwer mit dem helvetischen Ordnungssinn. In der intensiv genutzten Schweiz, wo jeder Quadratmeter genutzt wird, führt das schnell zu Konflikten: vernässte Felder, eingestürzte Wege oder der gefällte Lieblingsbaum im Garten.

    Redaktion: Wie also könnte das aussehen: das Gute der Biberkraft zu nutzen und das Schlechte einzuhegen?

    Angst: Wo ein Mit- oder Nebeneinander nicht möglich ist, sieht das Gesetz Massnahmen gegen den Biber vor – als Ultima Ratio sogar den Abschuss. Vorher müssen aber zumutbare Schutzmassnahmen umgesetzt werden. Bund und Kantone vergüten die Schäden und auch Schutzmassnahmen.

    Häufig liegt das Problem jedoch nicht beim Biber, sondern an den künstlichen Gewässern, die einfach zu wenig Platz haben, um ihre Funktionen zu übernehmen.

    Wir sollten den Biber weniger als Störfaktor sehen, den man kontrollieren muss, sondern als Mitgestalter, der oft die besseren Entscheidungen für ein Gewässer trifft als wir – eine Chance für Mensch und Natur, die wir nutzen sollten.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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